Skip to main content

Full text of "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution (1905)"

See other formats


ZWEI  TAKTIKEN  DER  SOZIALDEMOKRATIE 
IN  DER  DEMOKRATISCHEN  REVOLUTION1 


geschrieben  Juni— Juli  1905. 
Zuerst  veröffentlicht  als 
Brosdbüre  in  Qenf  im  Juli  1905. 


'Nach  dem  Text  der  Broschüre, 
verglichen  mit  dem  Manuskript.  ■ 


N.  Lenin.  Deux  tactiques. 

Prix  : 1 fr.  25  cts.  — 1.  mk.  — iS  Ch.  — 25  Cent 
PocciücKan  CouiaAkAeMOKpaiRHecKas  PaöoMaa  Daprifi. 


nPOAkTA?lM  RCtXl  CTPAHt  COEÄHHAÜTECb 


H.  JI E M H T>. 


Aßt  T0KTHKH 

COUIAJIbflEMOKPATIW 
BT>  ÄeMOKpaTHHeCKOM 
peBOJiiouiH. 


M3AaHie  OgHip.  Kow.  P.  C.  ü.  P.  TI. 


XEHEBA 

Timorpadnx  OapriH.  3,  rue  de  la  Colline  3. 
ISO?. 


Umschlag  von  W.I.  Lenins  Broschüre 

„Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution" 

1905 


Verkhmrt 


VORWORT 


In  einem  revolutionären  Augenblick  ist  es  sehr  schwer,  mit  den  Ereig- 
nissen Schritt  zu  halten,  die  erstaunlich  viel  neues  Material  für  die  Beur- 
teilung der  taktischen  Losungen  der  revolutionären  Parteien  liefern.  Diese 
Broschüre  ist  vor  den  Odessaer  Ereignissen  geschrieben  worden.*  Wir 
haben  im  „Proletari"2  (Nr.  9,  „Die  Revolution  lehrt")  **  schon  darauf 
hingewiesen,  daß  sogar  jene  Sozialdemokraten,  die  die  Theorie  vom  Auf- 
stand als  Prozeß  geschaffen  und  die  Propaganda  für  eine  provisorische 
revolutionäre  Regierung  verworfen  hatten,  durch  diese  Ereignisse  gezwun- 
gen wurden,  faktisch  auf  die  Seite  ihrer  Opponenten  überzugehen  oder 
mit  dem  Übergang  zu  beginnen.  Die  Revolution  lehrt  zweifellos  mit  einer 
Schnelligkeit  und  Gründlichkeit,  die  in  Zeiten  der  friedlichen  politischen 
Entwicklung  unwahrscheinlich  erscheinen.  Und  sie  lehrt,  was  besonders 
wichtig  ist,  nicht  nur  die  Führer,  sondern  auch  die  Massen. 

Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  die  Revolution  den  Arbeitennassen 
in  Rußland  den  Sozialdemokratismus  beibringen  wird.  Die  Revolution 
wird  in  der  Praxis  das  Programm  und  die  Taktik  der  Sozialdemokratie  da- 
durch bestätigen,  daß  sie  die  wahre  Natur  der  verschiedenen  Gesellschafts- 
klassen enthüllt,  daß  sie  den  bürgerlichen  Charakter  unserer  Demokratie 
und  die  wirklichen  Bestrebungen  der  Bauernschaft  offenbart,  die  im  bürger- 
lich-demokratischen Sinne  revolutionär  ist,  aber  nicht  die  Idee  der  „Sozia- 
lisierung", sondern  den  neuen  Klassenkampf  zwischen  der  bäuerlichen 
Bourgeoisie  und  dem  ländlichen  Proletariat  in  ihrem  Schoße  birgt.  Die 

* Gemeint  ist  der  Aufstand  auf  dem  Panzerkreuzer  „Fürst  Potjomkin". 
(Fußnote  des  Verfassers  zur  Ausgabe  von  1907.  Die  Red.) 

**  Siehe  den  vorliegenden  Band,  S.  139.  Die  Red. 


4 


'W.  J.  Lenin 


alten  Illusionen  der  alten  Volkstümlerrichtung,  die  zum  Beispiel  im  Pro- 
grammentwurf der  „Partei  der  Sozialrevolutionäre"  so  deutlich  durch- 
schimmem,  sowohl  was  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  in  Rußland  und 
den  Demokratismus  unserer  „Gesellschaft"  betrifft  als  auch  hinsichtlich 
der  Bedeutung  des  vollen  Sieges  des  Bauernaufstands  — alle  diese  Illusio- 
nen werden  von  der  Revolution  erbarmungslos  und  endgültig  zerstreut 
werden.  Die  verschiedenen  Klassen  werden  in  der  Revolution  zum  ersten- 
mal eine  wirkliche  politische  Feuertaufe  erhalten.  Diese  Klassen  werden 
aus  der  Revolution  mit  einer  bestimmten  politischen  Physiognomie  her- 
vorgehen, nachdem  sie  sich  nicht  nur  in  den  Programmen  und  taktischen 
Losungen  ihrer  Ideologen,  sondern  auch  in  der  offenen  politischen  Aktion 
der  Massen  gezeigt  haben  werden. 

Kein  Zweifel,  daß  die  Revolution  uns  belehren  und  daß  sie  die  Volks- 
massen belehren  wird.  Doch  für  die  kämpfende  politische  Partei  steht  jetzt 
die  Frage  so-.  Werden  wir  die  Revolution  etwas  lehren  können?  Werden 
wir  von  der  Richtigkeit  unserer  sozialdemokratischen  Lehre  und  von  unse- 
rer Verbindung  mit  der  einzigen  bis  zu  Ende  revolutionären  Klasse,  dem 
Proletariat,  so  Gebrauch  machen  können,  daß  wir  der  Revolution  den  pro- 
letarischen Stempel  auf  drücken,  die  Revolution  in  der  Tat  und  nicht  in 
Worten  zum  wirklich  entscheidenden  Siege  führen  und  die  Wankelmütig- 
keit, die  Halbschlächtigkeit  und  den  Verrat  der  demokratischen  Bourgeoi- 
sie paralysieren? 

Auf  dieses  Ziel  müssen  wir  alle  unsere  Anstrengungen  richten.  Ob  wir 
es  erreichen,  hängt  einerseits  von  der  Richtigkeit  unserer  Einschätzung  der 
politischen  Lage,  von  der  Richtigkeit  unserer  taktischen  Losungen  ab, 
anderseits  von  der  Unterstützung  dieser  Losungen  durch  die  reale  Kampf- 
kraft der  Arbeitermassen.  Auf  die  Festigung  und  Ausdehnung  der  Ver- 
bindung mit  der  Masse  ist  die  gesamte  übliche,  reguläre,  laufende  Arbeit 
aller  Organisationen  und  Gruppen  unserer  Partei  gerichtet:  die  Propa- 
ganda-, Agitations-  und  Organisationsarbeit.  Diese  Arbeit  ist  stets  not- 
wendig, aber  in  einem  revolutionären  Augenblick  kann  sie  weniger  denn 
je  als  ausreichend  erachtet  werden.  In  einem  solchen  Augenblick  drängt  die 
Arbeiterklasse  instinktiv  zur  offenen  revolutionären  Aktion,  und  wir  müs- 
sen es  verstehen,  die  Aufgaben  dieser  Aktion  richtig  zu  stellen,  um  dann 
die  Kenntnis  dieser  Aufgaben  und  das  Verständnis  für  sie  möglichst  weit 
zu  verbreiten.  Man  darf  nicht  vergessen,  daß  sich  hinter  dem  landläufigen 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  5 


Pessimismus  betreffs  unserer  Verbindung  mit  der  Masse  jetzt  besonders 
häufig  bürgerliche  Ideen  über  die  Rolle  des  Proletariats  in  der  Revolution 
verbergen.  Wir  müssen  zweifellos  noch  viel,  sehr  viel  tun,  um  die  Arbeiter- 
klasse zu  erziehen  und  zu  organisieren,  aber  die  ganze  Frage  dreht  sich 
heute  darum,  wo  der  politische  Schwerpunkt  dieser  Erziehung  und  dieser 
Organisation  hauptsächlich  liegen  soll.  In  den  Gewerkschaften  und  den 
legalen  Vereinen  oder  im  bewaffneten  Aufstand,  in  der  Schaffung  einer 
revolutionären  Armee  und  einer  revolutionären  Regierung?  Durch  das 
eine  wie  durch  das  andere  wird  die  Arbeiterklasse  erzogen  und  organisiert. 
Und  das  eine  wie  das  andere  ist  natürlich  notwendig.  Heute,  in  der  gegen- 
wärtigen Revolution,  läuft  jedoch  die  ganze  Frage  darauf  hinaus,  wo  der 
Schwerpunkt  der  Erziehung  und  der  Organisation  der  Arbeiterklasse  lie- 
gen wird,  im  ersten  oder  im  zweiten? 

Der  Ausgang  der  Revolution  hängt  davon  ab,  ob  die  Arbeiterklasse  als 
Handlanger  der  Bourgeoisie,  der  in  seiner  Stoßkraft  gegen  die  Selbstherr- 
schaft zwar  mächtig,  politisch  aber  ohnmächtig  ist,  oder  als  Führer  der 
Volksrevolution  auftreten  wird.  Die  bewußten  Vertreter  der  Bourgeoisie 
spüren  das  sehr  wohl.  Eben  deshalb  preist  ja  die  Zeitschrift  „Oswobosh- 
denije" 3 das  Akimowianertum  in  der  Sozialdemokratie,  den  „Ökonomis- 
mus", der  heute  die  Gewerkschaften  und  die  legalen  Vereine  in  den  Vor- 
dergrund rückt.  Eben  deshalb  begrüßt  ja  Herr  Struve  („Oswoboshdenije" 
Nr.  72)  die  prinzipiellen  Tendenzen  des  Akimowianertums  in  der  neuen 
„Iskra"  *.  Und  eben  deshalb  fällt  er  über  die  verhaßte  revolutionäre  Eng- 
herzigkeit der  Beschlüsse  her,  die  der  III.  Parteitag  der  Sozialdemokrati- 
schen Arbeiterpartei  Rußlands  gefaßt  hat. 

Richtige  taktische  Losungen  der  Sozialdemokratie  haben  jetzt  für  die 
Führung  der  Massen  besonders  große  Bedeutung.  Nichts  ist  gefährlidier, 
als  die  Bedeutung  prinzipienfester  taktischer  Losungen  in  revolutionären 
Zeiten  herabzusetzen.  Die  „Iskra"  zum  Beispiel  geht  in  Nr.  104  faktisch 
auf  die  Seite  ihrer  Opponenten  in  der  Sozialdemokratie  über,  äußert  sich 
aber  zuglei  dt  geringschätzig  über  die  Bedeutung  der  Losungen  und  takti- 
schen Beschlüsse,  die  dem  Leben  vorangehen  und  den  Weg  zeigen,  den 
die  Bewegung,  begleitet  von  manchen  Mißerfolgen,  Irrtümern  usw.,  ein- 
schlägt. Im  Gegenteil,  die  Ausarbeitung  richtiger  taktischer  Beschlüsse  hat 
gewaltige  Bedeutung  für  eine  Partei,  die  das  Proletariat  im  Geiste  konse- 
quent marxistischer  Prinzipien  führen  und  nicht  bloß  hinter  den  Ereignis- 


6 


W.  7.  Centn 


sen  einhertrotten  will.  In  den  Resolutionen  des  III.  Parteitags  der  Sozial- 
demokratischen Arbeiterpartei  Rußlands  und  der  Konferenz  des  abgespal- 
tenen Teils  der  Partei*  haben  wir  die  präzisesten,  bestdurchdachten  und 
vollständigsten  Darlegungen  der  taktischen  Auffassungen,  nicht  wie  sie 
zufällig  von  einzelnen  Literaten  geäußert,  sondern  wie  sie  von  den  verant- 
wortlichen Vertretern  des  sozialdemokratischen  Proletariats  angenommen 
worden  sind.  Unsere  Partei  hat  allen  anderen  Parteien  voraus,  daß  sie  ein 
präzises,  von  allen  angenommenes  Programm  besitzt.  Sie  muß  für  die 
anderen  Parteien  auch  darin  ein  Vorbild  sein,  daß  sie  sich  zu  ihren  tak- 
tischen Resolutionen  streng  verhält,  im  Gegensatz  zum  Opportunismus  der 
demokratischen  Bourgeoisie,  wie  er  sich  im  „Oswoboshdenije"  äußert,  und 
zu  den  revolutionären  Phrasen  der  Sozialrevolutionäre,  die  erst  während 
der  Revolution  auf  den  Gedanken  kamen,  mit  dem  „Entwurf"  eines  Pro- 
gramms hervorzutreten  und  sich  zum  erstenmal  mit  der  Frage  zu  befassen, 
ob  das,  was  sich  vor  ihren  Augen  abspielt,  eine  bürgerliche  Revolution  ist. 

Deshalb  halten  wir  es  für  die  dringlichste  Aufgabe  der  revolutionären 
Sozialdemokratie,  die  taktischen  Resolutionen  des  III.  Parteitags  der  So- 
zialdemokratischen Arbeiterpartei  Rußlands  und  der  Konferenz  aufmerk- 
sam zu  studieren,  die  in  ihnen  enthaltenen  Abweichungen  von  den  Prin- 
zipien des  Marxismus  festzustellen  und  sich  über  die  konkreten  Aufgaben 
des  sozialdemokratischen  Proletariats  in  der  demokratischen  Revolution 
klarzuwerden.  Dieser  Arbeit  ist  auch  die  vorliegende  Schrift  gewidmet. 
Die  Überprüfung  unserer  Taktik  vom  Gesichtspunkt  der  marxistischen 
Prinzipien  und  der  Lehren  der  Revolution  ist  auch  für  denjenigen  notwen- 
dig, der  die  Einheitlichkeit  der  Taktik  als  Grundlage  für  die  künftige  volle 
Einigung  der  ganzen  Sozialdemokratischen  Arbeiterpartei  Rußlands  real 
vorbereiten  und  sich  nicht  nur  auf  Worte  der  Ermahnung  beschränken  will. 

Juli  1905  hl.  Lenin 

* Am  III.  Parteitag  der  SDAPR  (London,  Mai  1905)  nahmen  nur  die  Bol- 
schewiki  teil.  An  der  „Konferenz"  (Genf,  zur  selben  Zeit)  beteiligten  sich  nur 
die  Menschewiki,  die  in  der  vorliegenden  Schrift  oft  als  „Neuiskristen"  be- 
zeichnet werden,  denn  sie  gaben  zwar  die  „Iskra"  weiter  heraus,  ließen  aber 
durch  den  Mund  ihres  damaligen  Gesinnungsgenossen  Trotzki  erklären,  daß 
zwischen  der  alten  und  der  neuen  „Iskra"  ein  Abgrund  klafft.  (Fußnote  des 
Verfassers  zur  Ausgabe  von  1907.  Die  Red.) 


7 


1.  DIE  AKTUELLE  POLITISCHE  FRAGE 


In  dem  revolutionären  Augenblick,  den  wir  durchleben,  steht  die  Ein- 
berufung einer  vom  ganzen  Volk  gewählten  konstituierenden  Versamm- 
lung auf  der  Tagesordnung.  Wie  diese  Frage  zu  lösen  ist,  darüber  gehen 
die  Meinungen  auseinander.  Drei  politische  Richtungen  treten  hervor.  Die 
zaristische  Regierung  findet  sich  mit  der  Notwendigkeit  ab,  Volksvertreter 
einzuberufen,  will  aber  auf  keinen  Fall  zulassen,  daß  deren  Versammlung 
eine  vom  ganzen  Volk  gewählte  und  eine  konstituierende  Versammlung 
ist.  Sie  scheint,  wenn  man  den  Zeitungsmeldungen  über  die  Arbeiten  der 
Bulyginschen  Kommission5  glauben  darf,  mit  einer  beratenden  Versamm- 
lung einverstanden  zu  sein,  die  ohne  Freiheit  der  Agitation  und  auf  Grund 
eines  beschränkten  Zensus-  oder  eines  beschränkten  ständischen  Wahl- 
rechts gewählt  wird.  Das  revolutionäre  Proletariat,  soweit  es  unter  der 
Führung  der  Sozialdemokratie  steht,  fordert  den  vollständigen  Übergang 
der  Macht  an  eine  konstituierende  Versammlung  und  erstrebt  zu  diesem 
Zweck  nicht  nur  das  allgemeine  Wahlrecht  und  nicht  nur  die  volle  Agita- 
tionsfreiheit, sondern  außerdem  den  unverzüglichen  Sturz  der  zaristischen 
Regierung  und  ihre  Ersetzung  durch  eine  provisorische  revolutionäre  Re- 
gierung. Die  liberale  Bourgeoisie  schließlich,  die  ihre  Wünsche  durch  den 
Mund  der  Führer  der  sogenannten  „Konstitutionell-Demokratischen  Par- 
tei" 6 zum  Ausdruck  bringt,  fordert  nicht  den  Sturz  der  zaristischen  Regie- 
rung, stellt  nicht  die  Losung  einer  provisorischen  Regierung  auf  und  be- 
steht nicht  auf  realen  Garantien  dafür,  daß  die  Wahlen  vollkommen  frei 
und  korrekt  durchgeführt  werden  und  daß  die  Vertreterversammlung  zu 
einer  tatsächlich  vom  ganzen  Volk  gewählten  und  zu  einer  tatsächlich  kon- 
stituierenden Versammlung  wird.  Im  Grunde  erstrebt  die  liberale  Bour- 


8 


W.  J.  Centn 


geoisie,  diese  einzige  ernsthafte  soziale  Stütze  der  „Oswoboshdenije"- 
Richtung,  einen  möglichst  friedlichen  Ausgleich  zwischen  dem  Zaren  und 
dem  revolutionären  Volk,  und  zwar  einen  solchen  Ausgleich,  bei  dem  ihr, 
der  Bourgeoisie,  am  meisten,  dem  revolutionären  Volk  dagegen,  dem  Pro- 
letariat und  der  Bauernschaft,  am  wenigsten  Macht  zuteil  würde. 

So  ist  die  politische  Lage  im  gegebenen  Augenblick.  Das  sind  die  drei 
politischen  Hauptrichtungen,  die  den  drei  sozialen  Hauptkräften  des  heu- 
tigen Rußlands  entsprechen.  Darüber,  wie  die  „Oswoboshdenzen"  ihre 
Halbschlächtigkeit,  d.  h.  direkter  und  einfacher  gesagt,  ihre  der  Revolution 
gegenüber  abtrünnige,  verräterische  Politik  mit  demokratisch  klingenden 
Phrasen  bemänteln,  haben  wir  im  „Proletari"  schon  des  öfteren  gespro- 
chen (Nr.  3,  4 und  5)*.  Betrachten  wir  nunmehr,  wie  die  Sozialdemokra- 
ten den  Aufgaben  des  Augenblicks  Rechnung  tragen.  Ausgezeichnetes  Ma- 
terial bilden  in  dieser  Hinsicht  die  beiden  Resolutionen,  die  erst  unlängst 
vom  III.  Parteitag  derSDAPR  und  von  der  „Konferenz"  des  abgespaltenen 
Teils  der  Partei  angenommen  wurden.  Die  Frage,  welche  dieser  beiden 
Resolutionen  den  politischen  Augenblick  richtiger  beurteilt  und  die  Taktik 
des  revolutionären  Proletariats  richtiger  bestimmt,  hat  größte  Bedeutung, 
und  jeder  Sozialdemokrat,  der  seine  Pflichten  als  Propagandist,  Agitator 
und  Organisator  verantwortungsbewußt  erfüllen  will,  muß  sich  unter  völ- 
liger Beiseitelassung  von  Erwägungen,  die  nicht  zur  Sache  gehören,  mit 
allem  Ernst  über  diese  Frage  Klarheit  verschaffen. 

Unter  der  Taktik  einer  Partei  versteht  man  ihr  politisches  Verhalten 
oder  den  Charakter,  die  Richtung,  die  Methoden  ihrer  politischen  Tätig- 
keit. Taktische  Resolutionen  werden  auf  einem  Parteitag  angenommen,  um 
das  politische  Verhalten  der  Partei  als  Ganzes  im  Hinblick  auf  neue  Auf- 
gaben oder  angesichts  einer  neuen  politischen  Situation  genau  festzulegen. 
Eine  solche  neue  Situation  ist  durch  die  in  Rußland  begonnene  Revolution, 
das  heißt  den  vollständigen,  entschiedenen  und  offenen  Bruch  zwischen  der 
gigantischen  Mehrheit  des  Volkes  und  der  zaristischen  Regierung  geschaf- 
fen worden.  Die  neue  Frage  besteht  darin,  welches  die  praktischen  Metho- 
den sind,  eine  wirklich  vom  ganzen  Volk  gewählte,  wirklich  konstituierende 
Versammlung  einzuberufen.  (Theoretisch  ist  die  Frage  einer  solchen  Ver- 
sammlung sdton  längst  und  vor  allen  anderen  Parteien  von  der  Sozial- 
demokratie in  ihrem  Parteiprogramm  offiziell  gelöst  worden.)  Hat  das 

* Siehe  Werke,  4.  Ausgabe,  Bd.  8,  S.  452 — 460,  477 — 490,  russ.  Die  Red. 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdhen  Revolution  9 


Volk  mit  der  Regierung  gebrochen  und  sind  sich  die  Massen  der  Not- 
wendigkeit, eine  neue  Ordnung  zu  errichten,  bewußt  geworden,  so  muß  die 
Partei,  die  sich  das  Ziel  gesetzt  hat,  die  Regierung  zu  stürzen,  notwen- 
digerweise darüber  nachdenken,  was  für  eine  Regierung  an  die  Stelle  der 
alten,  der  zu  stürzenden  Regierung  treten  soll.  Es  taucht  die  neue  Frage 
der  provisorischen  revolutionären  Regierung  auf.  Um  diese  Frage  erschöp- 
fend zu  beantworten,  muß  die  Partei  des  klassenbewußten  Proletariats 
klarstellen:  erstens  die  Bedeutung  der  provisorischen  revolutionären  Re- 
gierung in  der  vor  sich  gehenden  Revolution  und  im  gesamten  Kampf  des 
Proletariats  überhaupt;  zweitens  ihr  eigenes  ‘Verhältnis  zur  provisorischen 
revolutionären  Regierung;  drittens  die  genauen  Bedingungen  für  eine  Jeil- 
nahme  der  Sozialdemokratie  an  dieser  Regierung;  viertens  die  Bedingun- 
gen für  einen  Drude  auf  diese  Regierung  von  unten,  falls  die  Sozialdemo- 
kratie sich  an  ihr  nicht  beteiligt.  Nur  wenn  alle  diese  Fragen  geklärt  sind, 
wird  die  politische  Haltung  der  Partei  in  dieser  Beziehung  eine  prinzipielle, 
klare  und  feste  sein. 

Betrachten  wir  nun,  wie  diese  Fragen  in  der  Resolution  des  III.  Par- 
teitags der  SDAPR  gelöst  werden.  Hier  der  volle  Wortlaut  dieser  Resolu- 
tion: 

„ Resolution  über  die  provisorische  revolutionäre  Regierung. 

In  der  Erwägung, 

1.  daß  sowohl  die  unmittelbaren  Interessen  des  Proletariats  als  auch 
seine  Interessen  im  Kampf  für  die  sozialistischen  Endziele  die  möglichst 
volle  politische  Freiheit  und  folglich  die  Ersetzung  der  absolutistischen  Re- 
gierungsform durch  die  demokratische  Republik  erfordern; 

2.  daß  die  Errichtung  der  demokratischen  Republik  in  Rußland  nur  als 
Ergebnis  eines  siegreichen  Volksaufstands  möglich  ist,  dessen  Organ  eine 
provisorische  revolutionäre  Regierung  sein  wird,  die  allein  fähig  ist,  die 
volle  Freiheit  der  Wahlagitation  zu  gewährleisten  und  auf  Grund  des  all- 
gemeinen, gleichen,  direkten  und  geheimen  Wahlrechts  eine  konstituie- 
rende Versammlung  einzuberufen,  die  wirklich  denWillen  des  Volkes  zum 
Ausdrude  bringt ; 

3.  daß  diese  demokratische  Umwälzung  in  Rußland  bei  der  gegebenen 
ökonomischen  Struktur  der  Gesellschaft  die  Herrschaft  der  Bourgeoisie 
nidit  schwächen,  sondern  stärken  wird,  und  daß  diese  in  einem  bestimm- 
ten Augenblick  unweigerlich  mit  allen  Mitteln  versuchen  wird,  dem  Pro- 


2 Lenin,  Werke,  Bd.  9 


10 


W.  1.  Cenirt 


letariat  Rußlands  möglichst  viele  Errungenschaften  der  revolutionären 
Periode  zu  entreißen  — 

beschließt  der  III.  Parteitag  der  SDAPR: 

a)  man  muß  in  der  Arbeiterklasse  eine  konkrete  Vorstellung  verbreiten 
über  den  wahrscheinlichsten  Verlauf  der  Revolution  und  über  die  Not- 
wendigkeit, daß  in  einem  bestimmten  Augenblick  eine  provisorisdie  revo- 
lutionäre Regierung  entsteht,  von  der  das  Proletariat  die  Verwirklidiung 
aller  nächsten  politischen  und  ökonomischen  Forderungen  unseres  Pro- 
gramms (Minimalprogramm)  verlangen  wird; 

b)  je  nach  dem  Kräfteverhältnis  und  den  anderen  Faktoren,  die  im  vor- 
aus nicht  genau  bestimmt  werden  können,  ist  die  Teilnahme  von  Bevoll- 
mächtigten unserer  Partei  an  der  provisorischen  revolutionären  Regierung 
zu  dem  Zwedc  zulässig,  alle  konterrevolutionären  Anschläge  schonungslos 
zu  bekämpfen  und  die  selbständigen  Interessen  der  Arbeiterklasse  zu 
wahren; 

c)  die  unerläßliche  Vorbedingung  für  eine  solche  Teilnahme  ist  die 
strenge  Kontrolle  der  Partei  über  ihre  Bevollmächtigten  und  die  unent- 
wegte Wahrung  der  Unabhängigkeit  der  Sozialdemokratie,  die  die  voll- 
ständige sozialistische  Umwälzung  anstrebt  und  insofern  allen  bürger- 
lichen Parteien  unversöhnlich  feindlich  gegenübersteht; 

d)  unabhängig  davon,  ob  eine  Teilnahme  der  Sozialdemokratie  an  der 
provisorischen  revolutionären  Regierung  möglich  sein  wird,  ist  in  den  brei- 
testen Schichten  des  Proletariats  der  Gedanke  zu  propagieren,  daß  das  be- 
waffnete und  von  der  Sozialdemokratie  geführte  Proletariat  einen  ständi- 
gen Drude  auf  die  provisorische  Regierung  ausüben  muß,  um  die  revolutio- 
nären Errungenschaften  zu  verteidigen,  zu  festigen  und  zu  erweitern." 


2.  WAS  SAGT  DIE  RESOLUTION  DES  III. PARTEITAGS 
DER  SDAPR  ÜBER  DIE 

PROVISORISCHE  REVOLUTIONÄRE  REGIERUNG? 

Die  Resolution  des  III.  Parteitags  der  SDAPR  ist,  wie  man  aus  ihrer 
Überschrift  sieht,  voll  und  ganz  der  Frage  der  provisorischen  revolutionä- 
ren Regierung  gewidmet.  Das  bedeutet,  daß  die  Teilnahme  der  Sozial- 
demokratie an  der  provisorischen  revolutionären  Regierung  als  eine  Teil- 


Zwei  7 dktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  1 1 


frage  mit  inbegriffen  ist.  Anderseits  ist  nur  von  der  provisorischen  revo- 
lutionären Regierung  und  von  nichts  anderem  die  Rede;  die  Frage  etwa 
„der  Eroberung  der  Macht"  schlechthin  u.  dgl.  wird  hier  also  gar  nicht 
angeschnitten.  Hat  der  Parteitag  richtig  gehandelt,  als  er  diese  und  ähnlidie 
Fragen  ausschloß?  Zweifellos  hat  er  richtig  gehandelt,  denn  solche  Fragen 
werden  von  der  politischen  Lage  in  Rußland  keineswegs  auf  die  Tagesord- 
nung gesetzt.  Im  Gegenteil,  das  ganze  Volk  hat  den  Sturz  der  Selbstherr- 
schaft und  die  Einberufung  einer  konstituierenden  Versammlung  auf  die 
Tagesordnung  gesetzt.  Auf  Parteitagen  sind  nicht  jene  Fragen  zur  Ent- 
scheidung zu  stellen,  die  der  eine  oder  andere  Literat  zu  gelegener  oder 
ungelegener  Zeit  zur  Sprache  bringt,  sondern  jene,  die  kraft  der  Bedingun- 
gen der  gegebenen  Lage  und  infolge  des  objektiven  Ganges  der  gesell- 
schaftlichen Entwicklung  ernste  politische  Bedeutung  haben. 

Welche  Bedeutung  hat  eine  provisorische  revolutionäre  Regierung  in  der 
jetzigen  Revolution  und  im  allgemeinen  Kampf  des  Proletariats?  Die  Par- 
teitagsresolution erläutert  das,  indem  sie  gleich  eingangs  auf  die  Notwen- 
digkeit der  „möglichst  vollen  politischen  Freiheit"  sowohl  vom  Gesichts- 
punkt der  unmittelbaren  Interessen  des  Proletariats  als  auch  vom  Gesichts- 
punkt der  „sozialistischen  Endziele"  hinweist.  Volle  politische  Freiheit  er- 
fordert aber,  daß  die  zaristische  Selbstherrschaft  durch  die  demokratische 
Republik  ersetzt  wird,  wie  das  schon  in  unserem  Parteiprogramm  dar- 
gelegt ist.  Es  ist  logisch  und  prinzipiell  notwendig,  in  der  Parteitagsresolu- 
tion die  Losung  der  demokratischen  Republik  zu  betonen,  denn  das  Prole- 
tariat als  Vorkämpfer  der  Demokratie  erstrebt  eben  die  volle  Freiheit; 
außerdem  ist  es  im  gegebenen  Augenblick  um  so  zweckmäßiger,  sie  zu  be- 
tonen, als  bei  uns  gerade  jetzt  unter  der  Flagge  des  „Demokratismus" 
Monarchisten  auftreten,  nämlich  die  sog.  konstitutionell- „demokratisdie" 
oder  „Befreiungs"-Partei.  Um  die  Republik  zu  errichten,  ist  zweifellos 
eine  Versammlung  der  Volksvertreter  notwendig,  und  zwar  unbedingt 
eine  (auf  Grund  des  allgemeinen,  gleichen,  direkten  und  geheimen  Wahl- 
rechts) vom  ganzen  Volk  gewählte  und  konstituierende  Versammlung.  Das 
wird  denn  auch  weiter  in  der  Resolution  des  Parteitags  gesagt.  Doch  die 
Resolution  beschränkt  sich  nicht  darauf.  Um  eine  neue  Ordnung  zu  er- 
richten, die  „wirklich  den  Willen  des  Volkes  zum  Ausdruck  bringt",  ge- 
nügt es  nidrt,  die  Vertreterversammlung  als  konstituierende  zu  bezeichnen. 
Diese  Versammlung  muß  auch  die  Macht  und  die  Kraft  haben,  „zu  konsti- 


2* 


n 


TV.  3.  Lenin 


tuieren".  Aus  dieser  Erkenntnis  heraus  besdiränlct  sich  die  Parteitagsreso- 
lution nicht  auf  die  formale  Losung  der  „konstituierenden  Versammlung", 
sondern  fügt  auch  die  materiellen  Bedingungen  hinzu,  die  es  dieser  Ver- 
sammlung einzig  und  allein  ermöglichen,  ihre  Aufgabe  wirklich  zu  erfül- 
len. En  solcher  Hinweis  auf  die  Bedingungen,  unter  denen  diese  den  Wor- 
ten nach  konstituierende  Versammlung  in  der  Tat  eine  konstituierende 
werden  kann,  ist  dringend  erforderlich,  denn  die  liberale  Bourgeoisie  in 
Gestalt  der  konstitutionell-monarchistischen  Partei  verdreht,  wie  wir  schon 
mehrmals  nachgewiesen  haben,  wissentlich  die  Losung  der  vom  ganzen 
Volk  gewählten  konstituierenden  Versammlung  und  würdigt  sie  zur  leeren 
Phrase  herab. 

Die  Resolution  des  Parteitags  besagt,  daß  einzig  und  allein  eine  provi- 
sorische revolutionäre  Regierung,  und  zwar  eine  solche,  die  das  Organ 
eines  siegreidten  Volksaufstands  sein  wird,  die  volle  Freiheit  der  Wahl- 
agitation gewährleisten  und  eine  Versammlung  einberufen  kann,  die  wirk- 
lich den  Willen  des  Volkes  zum  Ausdruck  bringt.  Ist  diese  These  richtig? 
Wer  das  bestreiten  wollte,  der  müßte  behaupten,  die  zaristische  Regierung 
brächte  es  fertig,  der  Reaktion  nicht  die  Hand  zu  bieten,  sie  sei  imstande, 
bei  den  Wahlen  neutral  zu  bleiben,  sie  könne  dafür  sorgen,  daß  der  Wille 
des  Volkes  wirklich  zum  Ausdrude  kommt.  Derartige  Behauptungen  sind 
so  unsinnig,  daß  niemand  daran  denkt,  sie  offen  zu  vertreten,  aber  ins- 
geheim werden  sie,  unter  liberaler  Flagge,  gerade  von  unseren  Oswobosh- 
denzen  eingeschmuggelt.  Irgend  jemand  muß  die  konstituierende  Ver- 
sammlung einberufen;  irgend  jemand  muß  die  Freiheit  und  die  korrekte 
Durchführung  der  Wahlen  sichern;  irgend  jemand  muß  auf  diese  Ver- 
sammlung sämtliche  Machtbefugnisse  übertragen:  Nur  eine  revolutionäre 
Regierung,  die  das  Organ  des  Aufstands  ist,  kann  den  völlig  aufrichtigen 
Willen  und  die  Kraft  haben,  alles  zu  tun,  um  das  zu  verwirklichen.  Die 
zaristische  Regierung  wird  dem  unvermeidlidi  entgegenwirken.  Eine  libe- 
rale Regierung,  die  mit  dem  Zaren  ein  Kompromiß  eingegangen  ist  und 
sich  nicht  voll  und  ganz  auf  den  Volksaufstand  stützt,  wäre  weder  fähig, 
das  aufrichtig  zu  wollen,  noch  könnte  sie  es  verwirklichen,  selbst  wenn  sie 
es  noch  so  aufrichtig  wünsdite.  Die  Parteitagsresolution  gibt  folglich  die 
einzig  richtige  und  durchaus  konsequente  demokratische  Losung. 

Aber  die  Bedeutung  der  provisorischen  revolutionären  Regierung  würde 
unvollständig  und  unrichtig  eingeschätzt,  wenn  man  den  Klassencharakter 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  13 


der  demokratischen  Umwälzung  außer  acht  ließe.  Darum  fügt  die  Resolu- 
tion hinzu,  daß  die  Umwälzung  die  Herrschaft  der  Bourgeoisie  stärken 
wird.  Das  ist  bei  der  gegebenen,  d.  h.  kapitalistischen,  ökonomischen 
Struktur  der  Gesellschaft  unvermeidlich.  Wird  aber  die  Herrschaft  der 
Bourgeoisie  über  ein  politisch  einigermaßen  freies  Proletariat  gestärkt,  so 
führt  das  unweigerlich  zu  einem  erbitterten  Kampf  um  die  Macht  zwischen 
ihnen,  zu  verzweifelten  Versuchen  der  Bourgeoisie,  „dem  Proletariat  die 
Errungenschaften  der  revolutionären  Periode  zu  entreißen".  Das  Prole- 
tariat darf  deshalb,  während  es  allen  voran  und  an  der  Spitze  aller  für  die 
Demokratie  kämpft,  keinen  Augenblick  lang  die  im  Schoße  der  bürger- 
lichen Demokratie  verborgenen  neuen  Widersprüche  und  den  neuen  Kampf 
vergessen. 

Die  Bedeutung  der  provisorischen  revolutionären  Regierung  ist  mithin 
in  dem  von  uns  untersuchten  Teil  der  Resolution  vollauf  gewürdigt:  so- 
wohl in  ihrem  Verhältnis  zum  Kampf  um  die  Freiheit  und  die  Republik 
als  auch  in  ihrem  Verhältnis  zur  konstituierenden  Versammlung  und  zur 
demokratischen  Umwälzung,  die  den  Boden  für  den  neuen  Klassenkampf 
vorbereitet. 

Es  fragt  sich  weiter,  welche  Stellung  soll  das  Proletariat  überhaupt 
gegenüber  der  provisorischen  revolutionären  Regierung  einnehmen?  Die 
Resolution  des  Parteitags  antwortet  darauf  vor  allem  mit  dem  direkten  Rat 
an  die  Partei,  in  der  Arbeiterklasse  die  Überzeugung  zu  verbreiten,  daß 
eine  provisorische  revolutionäre  Regierung  notwendig  ist.  Die  Arbeiter- 
klasse muß  sich  dieser  Notwendigkeit  bewußt  werden.  Während  die 
„demokratische"  Bourgeoisie  die  Frage  des  Sturzes  der  zaristischen  Regie- 
rung im  dunkeln  läßt,  müssen  wir  diese  Frage  in  den  Vordergrund  rücken 
und  auf  der  Notwendigkeit  einer  provisorischen  revolutionären  Regierung 
bestehen.  Nicht  genug  damit,  müssen  wir  ein  Aktionsprogramm  dieser  Re- 
gierung aufstellen,  das  den  objektiven  Bedingungen  des  gegebenen  histo- 
rischen Augenblicks  und  den  Aufgaben  der  proletarischen  Demokratie  ent- 
spricht. Dieses  Programm  ist  das  ganze  Minimalprogramm  unserer  Partei, 
das  Programm  der  nächsten  politischen  und  ökonomischen  Umgestaltun- 
gen, die  einerseits  auf  dem  Boden  der  jetzigen  gesellschaftlich-ökonomi- 
schen Verhältnisse  vollauf  durchführbar  und  anderseits  für  den  weiteren 
Schritt  vorwärts,  für  die  Verwirklichung  des  Sozialismus  notwendig 
sind. 


14 


TV.  3.  Lenin 


Die  Resolution  schafft  somit  volle  Klarheit  über  den  Charakter  und  das 
Ziel  der  provisorischen  revolutionären  Regierung.  Ihrer  Entstehung  und 
ihrem  grundlegenden  Charakter  nach  muß  diese  Regierung  das  Organ  des 
Volksaufstands  sein.  Ihrer  formellen  Bestimmung  nach  muß  sie  das  Werk- 
zeug zur  Einberufung  einer  vom  ganzen  Volk  gewählten  konstituierenden 
Versammlung  sein.  Dem  Inhalt  ihrer  Tätigkeit  nach  muß  sie  das  Minimal- 
programm der  proletarischen  Demokratie  verwirklichen,  das  allein  geeig- 
net ist,  die  Interessen  des  Volkes,  das  sich  gegen  die  Selbstherrschaft  er- 
hoben hat,  zu  sichern. 

Man  könnte  einwenden,  daß  die  provisorische  Regierung,  eben  weil  sie 
provisorisch  ist,  kein  positives  Programm  durchführen  kann,  das  noch 
nicht  vom  ganzen  Volk  gebilligt  ist.  Ein  solcher  Einwand  wäre  bloß  ein 
Sophismus  von  Reaktionären  und  „Selbstherrschaftlern".  Von  der  Durch- 
führung eines  positiven  Programms  Abstand  nehmen  hieße  die  aus  den 
Zeiten  der  Leibeigensdiaft  stammenden  Zustände  der  verrotteten  Selbst- 
herrschaft dulden.  Solche  Zustände  dulden  könnte  nur  eine  Regierung  von 
Verrätern  an  der  Revolution,  nicht  aber  eine  Regierung,  die  das  Organ  des 
Volksaufstands  ist.  Es  wäre  doch  ein  Hohn,  wenn  jemand  unter  dem  Vor- 
wand, es  sei  noch  fraglich,  ob  die  konstituierende  Versammlung  die  Ver- 
sammlungsfreiheit anerkenne,  Vorschlägen  würde,  so  lange  auf  die  prak- 
tische Verwirklichung  der  Versammlungsfreiheit  zu  verzichten,  bis  die  An- 
erkennung dieser  Freiheit  durdi  die  konstituierende  Versammlung  erfolgt 
ist!  Ein  ebensolcher  Hohn  ist  der  Einwand  gegen  die  unverzügliche  Ver- 
wirklichung des  Minimalprogramms  durch  die  provisorische  revolutionäre 
Regierung. 

Es  sei  schließlich  noch  bemerkt,  daß  die  Resolution,  indem  sie  der  provi- 
sorischen revolutionären  Regierung  die  Verwirklichung  des  Minimalpro- 
gramms zur  Aufgabe  macht,  eben  dadurch  die  unsinnigen,  halbanarchisti- 
schen Ideen  von  der  unmittelbaren  V erwirklichung  des  Maximalprogramms, 
von  der  Eroberung  der  Macht  zum  Zweck  der  sozialistischen  Umwälzung 
ausschaltet.  Der  Grad  der  ökonomischen  Entwicklung  Rußlands  (die  ob- 
jektive Bedingung)  und  der  Grad  des  Klassenbewußtseins  und  der  Organi- 
siertheit  der  breiten  Massen  des  Proletariats  (die  subjektive  Bedingung, 
die  mit  der  objektiven  unlöslich  verbunden  ist)  machen  eine  sofortige  voll- 
ständige Befreiung  der  Arbeiterklasse  unmöglich.  Nur  ganz  unwissende 
Leute  können  den  bürgerlichen  Charakter  der  vor  sich  gehenden  demokra- 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  15 


tischen  Umwälzung  ignorieren;  nur  ganz  naive  Optimisten  können  ver- 
gessen, wie  wenig  die  Masse  der  Arbeiter  bisher  von  den  Zielen  des  Sozia- 
lismus und  den  Mitteln  zu  seiner  Verwirklichung  weiß.  Und  wir  sind  doch 
alle  überzeugt,  daß  die  Befreiung  der  Arbeiter  nur  das  Werk  der  Arbeiter 
selbst  sein  kann.  Ohne  Klassenbewußtsein  und  ohne  Organisiertheit  der 
Massen,  ohne  ihre  Schulung  und  Erziehung  durch  den  offenen  Klassen- 
kampf gegen  die  gesamte  Bourgeoisie  kann  von  der  sozialistischen  Revolu- 
tion keine  Rede  sein.  Und  als  Antwort  auf  die  anarchistischen  Einwände, 
daß  wir  angeblich  die  sozialistische  Umwälzung  hinausschieben,  werden 
wir  sagen : Wir  schieben  sie  nicht  hinaus,  sondern  machen  den  ersten  Schritt 
zu  ihr  auf  die  einzig  mögliche  Weise  und  auf  dem  einzig  richtigen  Wege, 
nämlich  auf  dem  Wege  der  demokratischen  Republik.  Wer  auf  einem 
anderen  Weg  als  dem  des  politischen  Demokratismus  zum  Sozialismus 
kommen  will,  der  gelangt  unvermeidlich  zu  Schlußfolgerungen,  die  sowohl 
im  ökonomischen  als  auch  im  politischen  Sinne  absurd  und  reaktionär  sind. 
Sollten  uns  manche  Arbeiter  im  entsprechenden  Augenblick  fragen,  wes- 
halb wir  denn  nicht  das  Maximalprogramm  verwirklichen,  so  werden  wir 
ihnen  mit  dem  Hinweis  darauf  antworten,  wie  fremd  die  demokratisch 
gestimmten  Volksmassen  dem  Sozialismus  noch  gegenüberstehen,  wie  un- 
entwidcelt  die  Klassengegensätze,  wie  unorganisiert  die  Proletarier  noch 
sind.  Organisiert  erst  einmal  Hunderttausende  Arbeiter  in  ganz  Rußland, 
weckt  unter  den  Millionen  die  Sympathie  für  euer  Programm!  Versucht 
das  zu  tun,  beschränkt  euch  nicht  auf  tönende,  aber  hohle  anarchistische 
Phrasen  — und  ihr  werdet  sofort  sehen,  daß  die  Verwirklichung  dieser 
Organisation,  daß  die  Verbreitung  dieser  sozialistischen  Aufklärung  von 
der  möglichst  vollständigen  Verwirklichung  der  demokratischen  Umgestal- 
tungen abhängig  ist. 

Gehen  wir  weiter.  Ist  einmal  die  Bedeutung  der  provisorischen  revolu- 
tionären Regierung  und  das  Verhältnis  des  Proletariats  zu  ihr  klargestellt, 
so  taucht  folgende  Frage  auf:  Ist  unsere  Teilnahme  an  dieser  Regierung 
(die  Aktion  von  oben)  zulässig  und  unter  welchen  Bedingungen?  Wie 
muß  unsere  Aktion  von  unten  beschaffen  sein?  Die  Resolution  gibt  prä- 
zise Antworten  auf  diese  beiden  Fragen.  Sie  erklärt  entschieden,  daß  die 
Teilnahme  der  Sozialdemokratie  an  einer  provisorischen  revolutionären 
Regierung  (in  der  Epoche  der  demokratischen  Umwälzung,  in  der  Epoche 
des  Kampfes  für  die  Republik)  prinzipiell  zulässig  ist.  Mit  dieser  Erklä- 


16 


IV.  7.  £enin 


rang  grenzen  wir  uns  unwiderruflich  sowohl  von  den  Anarchisten  ab,  die 
diese  Frage  prinzipiell  negativ  beantworten,  als  auch  von  den  Nachtrab- 
politiken! der  Sozialdemokratie  (vom  Schlage  Martynows  und  der  Neu- 
iskristen),  die  uns  mit  der  Perspektive  einer  Lage  sdbredken  wollten,  in  der 
sich  diese  Teilnahme  für  uns  als  notwendig  erweisen  könnte.  Mit  dieser 
Erklärung  hat  der  III.  Parteitag  der  SDAPR  unwiderruflich  den  Gedan- 
ken der  neuen  „Iskra"  verworfen,  daß  die  Teilnahme  der  Sozialdemokra- 
ten an  einer  provisorischen  revolutionären  Regierung  eine  Spielart  des 
Millerandismus7  und  prinzipiell  unzulässig  sei,  weil  sie  eine  Sanktionie- 
rung der  bürgerlichen  Ordnung  bedeute  usw. 

Es  versteht  sich  jedoch  von  selbst,  daß  die  Frage  der  prinzipiellen  Zu- 
lässigkeit noch  nicht  die  Frage  der  praktischen  Zweckmäßigkeit  entsdieidet. 
Unter  welchen  Bedingungen  ist  diese  vom  Parteitag  anerkannte  neue 
Form  des  Kampfes,  des  Kampfes  „von  oben",  zweckmäßig?  Selbstver- 
ständlich besteht  jetzt  keine  Möglichkeit,  über  die  konkreten  Bedingungen 
wie  das  Kräfteverhältnis  usw.  zu  sprechen,  und  die  Resolution  lehnt  es 
natürlich  ab,  diese  Bedingungen  im  voraus  zu  bestimmen.  Kein  vernünf- 
tiger Mensch  wird  es  auf  sich  nehmen,  im  gegenwärtigen  Augenblidc  über 
die  uns  interessierende  Frage  irgend  etwas  vorauszusagen.  Charakter  und 
Ziel  unserer  Teilnahme  können  und  müssen  festgelegt  werden.  Die  Reso- 
lution tut  das  auch,  indem  sie  auf  zwei  Ziele  der  Teilnahme  hinweist: 

1 . auf  die  schonungslose  Bekämpfung  konterrevolutionärer  Anschläge  und 

2.  auf  die  Wahrung  der  selbständigen  Interessen  der  Arbeiterklasse.  In 
einer  Zeit,  da  die  liberalen  Bourgeois  eifrig  von  der  Mentalität  der  Reak- 
tion zu  reden  beginnen  (siehe  den  äußerst  aufschlußreichen  „Offenen 
Brief"  des  Herrn  Struve  in  Nr.  71  des  „Oswoboshdenije")  und  das  revo- 
lutionäre Volk  einzuschüchtern  und  zur  Nachgiebigkeit  gegenüber  der 
Selbstherrschaft  zu  bewegen  suchen  — in  einer  solchen  Zeit  ist  es  für  die 
Partei  des  Proletariats  besonders  angebracht,  an  die  Aufgabe  des  wirk- 
lichen Krieges  gegen  die  Konterrevolution  zu  erinnern.  Die  großen  Fragen 
der  politischen  Freiheit  und  des  Klassenkampfes  werden  letzten  Endes  nur 
durch  Gewalt  entschieden,  und  wir  müssen  für  die  Vorbereitung,  für  die 
Organisierung  dieser  Gewalt  und  für  ihre  aktive,  nicht  nur  defensive,  son- 
dern auch  offensive  Anwendung  Sorge  tragen.  Die  lange  Epoche  der  poli- 
tischen Reaktion,  die  seit  der  Pariser  Kommune  in  Europa  fast  ununter- 
brochen herrscht,  hat  uns  zu  sehr  mit  dem  Gedanken  der  Aktion  nur  „von 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  17 


unten."  vertraut  gemacht,  hat  uns  zu  sehr  an  den  Anblick  nur  defensiver 
Kämpfe  gewöhnt.  Wir  sind  jetzt  zweifellos  in  eine  neue  Epoche  eingetre- 
ten ; die  Periode  der  politischen  Erschütterungen  und  Revolutionen  hat  be- 
gonnen. In  einer  solchen  Periode,  wie  Rußland  sie  jetzt  durchlebt,  ist  es 
nicht  statthaft,  sich  auf  die  alte  Schablone  zu  beschränken.  Man  muß  die 
Idee  der  Aktion  von  oben  propagieren,  man  muß  sich  auf  die  energischsten 
Angriffsaktionen  vorbereiten,  man  muß  die  Bedingungen  und  Formen  sol- 
cher Aktionen  studieren.  Die  Parteitagsresolution  stellt  zwei  dieser  Be- 
dingungen in  den  V ordergrund : Die  eine  bezieht  sich  auf  die  formale  Seite 
der  Teilnahme  der  Sozialdemokratie  an  der  provisorischen  revolutionären 
Regierung  (strenge  Kontrolle  der  Partei  über  ihre  Bevollmächtigten),  die 
andere  betrifftunmittelbar  den  Charakter  dieserTeilnahme  (keinen  Augen- 
blick lang  die  Ziele  der  vollständigen  sozialistischen  Umwälzung  aus  dem 
Auge  verlieren). 

Nachdem  die  Resolution  die  Politik  der  Partei  bei  der  Aktion  „von 
oben"  — diesem  neuen,  bislang  fast  unbekannten  Kampfmittel  — somit  all- 
seitig klargestellt  hat,  sieht  sie  auch  den  Fall  vor,  daß  es  uns  nicht  gelingt, 
von  oben  zu  handeln.  Auf  die  provisorische  revolutionäre  Regierung  von 
unten  her  einzuwirken,  sind  wir  unter  allen  Umständen  verpflichtet.  Um 
einen  solchen  Druck  von  unten  ausüben  zu  können,  muß  das  Proletariat 
bewaffnet  sein  — denn  im  revolutionären  Augenblick  treiben  die  Dinge 
besonders  schnell  zum  offenen  Bürgerkrieg  — und  unter  der  Führung  der 
Sozialdemokratie  stehen.  Das  Ziel  seines  bewaffneten  Drucks  ist,  „die 
revolutionären  Errungenschaften  zu  verteidigen,  zu  festigen  und  zu  er- 
weitern", d.  h.  jene  Errungenschaften,  die  vom  Standpunkt  der  proletari- 
schen Interessen  in  der  Verwirklichung  unseres  ganzen  Minimalprogramms 
bestehen  müssen. 

Damit  wollen  wir  die  kurze  Analyse  der  Resolution  des  III.  Parteitags 
über  die  provisorische  revolutionäre  Regierung  abschließen.  Wie  der  Leser 
sieht,  schafft  diese  Resolution  Klarheit  über  die  Bedeutung  der  neuen  Frage, 
über  die  Stellung  der  Partei  des  Proletariats  zu  dieser  Frage  und  über  die 
Politik  der  Partei  sowohl  innerhalb  als  auch  außerhalb  der  provisorischen 
revolutionären  Regierung. 

Sehen  wir  uns  jetzt  die  entsprechende  Resolution  der  „Konferenz"  an. 


18 


TV.  7.  Lenin 


3.  WAS  IST  „DER  ENTSCHEIDENDE  SIEG  DER  REVOLUTION 
UBER  DEN  ZARISMUS"? 

Die  Resolution  der  „Konferenz"  behandelt  „die  Eroberung  der  Tviadht 
und  die  Teilnahme  an  der  promsorisdhen  Regierung"  * Schon  hinter  dieser 
Fragestellung  verbirgt  sich  Konfusion,  wie  wir  gezeigt  haben.  Einerseits 
wird  die  Frage  eingeengt:  Es  ist  nur  die  Rede  von  unserer  Teilnahme  an 
der  provisorischen  Regierung  und  nicht  überhaupt  von  den  Aufgaben  der 
Partei  in  bezug  auf  die  provisorische  revolutionäre  Regierung.  Anderseits 
werden  zwei  völlig  verschiedenartige  Dinge  durcheinandergeworfen:  Die 
Frage  unserer  Teilnahme  in  einem  bestimmten  Stadium  der  demokratischen 
Umwälzung  und  die  Frage  der  sozialistischen  Umwälzung.  In  Wirklichkeit 
ist  die  „Eroberung  der  Macht"  durch  die  Sozialdemokratie  eben  die  sozia- 
listische Umwälzung  und  kann  nichts  anderes  sein,  wenn  man  diese  Worte 
in  ihrem  direkten  und  landläufigen  Sinne  gebraucht.  Sollen  sie  jedoch  im 
Sinne  der  Eroberung  der  Macht  nicht  für  die  sozialistische,  sondern  für  die 
demokratische  Umwälzung  verstanden  werden,  welchen  Sinn  hat  es  dann, 
nicht  nur  von  der  Teilnahme  an  der  provisorisdien  revolutionären  Regie- 
rung, sondern  auch  von  der  „Eroberung  der  Macht"  schlechthin  zu  reden? 
Offenbar  wußten  unsere  „Konferenzler"  selbst  nicht  recht,  wovon  sie 
eigentlich  reden  sollen:  von  der  demokratischen  oder  von  der  sozialisti- 
schen Umwälzung.  Wer  die  Literatur  über  diese  Frage  verfolgt  hat,  der 
weiß,  daß  den  Anfang  mit  dieser  Konfusion  Gen.  Martynow  in  seinen  be- 
rühmten „Zwei  Diktaturen"  gemacht  hat.  Die  Neuiskristen  erinnern  sich 
nicht  gern  daran,  wie  die  Frage  (bereits  vor  dem  9.  Januar)  in  diesem 
Musterelaborat  der  Nachtrabpolitik  gestellt  worden  ist,  aber  sein  ideolo- 
gischer Einfluß  auf  die  Konferenz  unterliegt  keinem  Zweifel. 

Doch  lassen  wir  die  Überschrift  der  Resolution  beiseite.  Ihr  Inhalt  zeigt 
uns  Fehler,  die  unvergleichlich  tiefer  und  ernster  sind.  Hier  der  erste  Teil: 

„Der  entscheidende  Sieg  der  Revolution  über  den  Zarismus  kann  ge- 
kennzeichnet sein  entweder  durch  die  Errichtung  einer  aus  einem  sieg- 
reichen Volksaufstand  hervorgegangenen  provisorischen  Regierung  oder 

* Den  vollen  Wortlaut  dieser  Resolution  kann  der  Leser  aus  den  Zitaten 
rekonstruieren,  die  auf  S.  400,  403,  407,  431  und  433  dieses  Sammelbands 
angeführt  sind.  (Fußnote  des  Verfassers  zur  Ausgabe  von  1907.  Siehe  den  vor- 
liegenden Band,  S.  18/19,  25,  31,  67  und  71.  Die  Red.) 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdhen  Revolution  19 


durch  die  revolutionäre  Initiative  dieser  oder  jener  Vertretungskörper- 
schaft, die  unter  dem  unmittelbaren  revolutionären  Druck  des  Volkes  be- 
schließt, eine  vom  ganzen  Volk  gewählte  konstituierende  Versammlung  zu 
organisieren." 

Man  sagt  uns  also,  der  entscheidende  Sieg  der  Revolution  über  den  Za- 
rismus könne  sowohl  ein  siegreicher  Aufstand  sein  als  auch ...  der  Be- 
schluß einer  Vertretungskörperschaft,  eine  konstituierende  Versammlung 
zu  organisieren!  Was?  Wie?  Der  entscheidende  Sieg  könnte  gekennzeich- 
net sein  durch  den  „Beschluß",  eine  konstituierende  Versammlung  zu  or- 
ganisieren?? Und  ein  solcher  „Sieg"  wird  der  Errichtung  einer  provisori- 
schen Regierung  gleichgestellt,  die  „aus  einem  siegreichen  Volksaufstand 
hervorgegangen"  ist!!  Die  Konferenz  hat  nicht  gemerkt,  daß  der  siegreidhe 
Volksaufstand  und  die  Errichtung  einer  provisorischen  Regierung  in  der 
Tat  den  Sieg  der  Revolution  bedeuten,  während  der  „Beschluß",  eine  kon- 
stituierende Versammlung  zu  organisieren,  nur  in  Worten  den  Sieg  der 
Revolution  bedeutet. 

Die  Konferenz  der  Menschewiki,  der  Neuiskristen,  ist  in  denselben 
Fehler  verfallen,  in  den  die  Liberalen,  die  Oswoboshdenzen,  ständig  ver- 
fallen. Die  Oswoboshdenzen  dreschen  Phrasen  über  die  „konstituierende" 
Versammlung,  schließen  verschämt  die  Augen  vor  der  Tatsache,  daß  die 
Macht  in  den  Händen  des  Zaren  bleibt,  und  vergessen  dabei,  daß  man  zur 
„Konstituierung"  die  Kraft  haben  muß,  zu  konstituieren.  Die  Konferenz 
hat  auch  vergessen,  daß  von  dem  „Beschluß"  gleichviel  welcher  Vertreter 
bis  zur  Verwirklichung  dieses  Beschlusses  ein  weiter  Weg  ist.  Die  Kon- 
ferenz hat  auch  vergessen,  daß,  solange  die  Macht  in  den  Händen  des 
Zaren  bleibt,  alle  beliebigen  Beschlüsse  gleichviel  welcher  Vertreter  ein 
ebenso  leeres  und  erbärmliches  Geschwätz  bleiben  werden,  wie  es  die  „Be- 
schlüsse" des  in  der  Geschichte  der  deutschen  Revolution  von  1848  so  be- 
rühmten Frankfurter  Parlaments  geblieben  sind.  Karl  Marx,  der  Vertreter 
des  revolutionären  Proletariats,  hat  in  seiner  „Neuen  Rheinischen  Zei- 
tung" 8 die  Frankfurter  liberalen  „Oswoboshdenzen"  eben  deshalb  mit  so 
schonungslosem  Sarkasmus  gegeißelt,  weil  sie  schöne  Worte  redeten,  aller- 
lei demokratische  „Beschlüsse"  faßten,  allerlei  Freiheiten  „konstituierten", 
in  Wirklichkeit  aber  die  Macht  in  den  Händen  des  Königs  ließen  und  kei- 
nen bewaffneten  Kampf  gegen  die  Streitkräfte  organisierten,  die  dem 
König  zur  Verfügung  standen.  Und  während  die  Frankfurter  Oswobosh- 


20 


W.  1 Lenin 


denzen  schwatzten,  gewann  der  König  Zeit,  seine  militärischen  Kräfte 
zu  stärken,  und  die  Konterrevolution  schlug,  gestützt  auf  die  reale  Macht, 
die  Demokraten  mitsamt  ihren  herrlichen  „Beschlüssen"  aufs  Haupt. 

Die  Konferenz  hat  dem  entscheidenden  Sieg  etwas  gleichgesetzt,  wofür 
gerade  die  entsdieidende  Voraussetzung  des  Sieges  fehlt  Wie  konnten 
Sozialdemokraten,  die  das  republikanische  Programm  unserer  Partei  an- 
erkennen, in  diesen  Fehler  verfallen?  Um  diese  seltsame  Erscheinung  zu 
verstehen,  muß  man  sich  der  Resolution  des  III.  Parteitags  über  den  ab- 
gespaltenen Teil  der  Partei  zuwenden.*  In  dieser  Resolution  wird  darauf 

* Hier  der  volle  Wortlaut  dieser  Resolution:  „Der  Parteitag  stellt  fest,  daß 
sich  in  der  SDAPR  seit  ihrem  Kampf  gegen  den  'Ökonomismus  bis  auf  den  heu- 
tigen Tag  Schattierungen  erhalten  haben,  die  dem  Ökonomismus  in  verschie- 
denem Grade  und  in  verschiedener  Beziehung  verwandt  und  durch  die  all- 
gemeine Tendenz  gekennzeichnet  sind,  die  Bedeutung  der  Elemente  der  Bewußt- 
heit im  proletarischen  Kampf  herabzusetzen  und  sie  den  Elementen  der  Spon- 
taneität unterzuordnen.  Die  Repräsentanten  dieser  Schattierungen  vertreten 
in  der  Organisationsfrage  theoretisch  das  der  planmäßigen  Ausgestaltung  der 
Parteiarbeit  widersprechende  Prinzip  der  Organisation  als  Prozeß,  während  sie 
in  der  Praxis  in  sehr  vielen  Fällen  ein  System  der  Abweichungen  von  der  Par- 
teidisziplin durchführen  und  in  anderen  Fällen  die  gegenwärtig  einzig  mög- 
lichen Grundlagen  der  Parteibindung  dadurch  zu  untergraben  suchen,  daß  sie 
ohne  Rüdesicht  auf  die  objektiven  Bedingungen  der  russischen  Wirklichkeit 
eine  weitgehende  Anwendung  des  Prinzips  der  Wählbarkeit  predigen,  wobei 
sie  sich  an  den  am  wenigsten  bewußten  Teil  der  Partei  wenden.  In  taktischen 
Fragen  zeigen  sie  das  Bestreben,  das  Ausmaß  der  Parteiarbeit  einzuengen,  in- 
dem sie  sich  dagegen  aussprechen,  daß  die  Taktik  der  Partei  gegenüber  den 
bürgerlich-liberalen  Parteien  völlig  unabhängig  ist,  daß  die  Übernahme  der 
organisierenden  Rolle  im  Volksaufstand  durch  unsere  Partei  möglich  und  wün- 
schenswert ist  und  daß  unsere  Partei  unter  bestimmten  Bedingungen  an  einer 
provisorischen  demokratisch-revolutionären  Regierung  teilnimmt. 

Der  Parteitag  fordert  alle  Parteimitglieder  auf,  gegen  derartige  teilweise 
Abweichungen  von  den  Prinzipien  der  revolutionären  Sozialdemokratie  allent- 
halben einen  energischen  ideologischen  Kampf  zu  führen,  vertritt  aber  gleich- 
zeitig die  Meinung,  daß  die  Zugehörigkeit  von  Personen,  die  sich  solchen  Auf- 
fassungen mehr  oder  weniger  anschließen,  zu  den  Parteiorganisationen  statt- 
haft ist,  vorausgesetzt,  daß  sie  die  Parteitage  und  das  Parteistatut  anerkennen 
und  sich  voll  und  ganz  der  Parteidisziplin  fügen."  (Fußnote  des  Verfassers  zur 
Ausgabe  von  1907.  Die  'Red.') 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  21 


hingewiesen,  daß  in  unserer  Partei  verschiedene,  „dem  Ökonomismus 
verwandte"  Strömungen  weiterleben.  Unsere  Konferenzler  (fürwahr, 
nicht  umsonst  stehen  sie  unter  der  ideologischen  Führung  Martynows) 
urteilen  über  die  Revolution  ganz  in  demselben  Geiste,  wie  die  Ökono- 
misten über  den  politischen  Kampf  oder  den  Achtstundentag  geurteilt 
haben.  Die  Ökonomisten  setzten  immer  gleich  die  „Theorie  der  Stadien" 
in  Bewegung:  1.  Kampf  um  Rechte;  2.  politische  Agitation;  3.  politischer 
Kampf  — oder:  1.  Zehnstundentag;  2.  Neunstundentag;  3.  Achtstunden- 
tag. Welche  Ergebnisse  diese  „Taktik  als  Prozeß"  zeitigte,  ist  allen  zur 
Genüge  bekannt.  Jetzt  kommt  man  uns  mit  dem  Vorschlag,  auch  die 
Revolution  im  voraus  fein  säuberlich  in  Stadien  einzuteilen:  1.  der  Zar 
beruft  eine  Vertretungskörperschaft  ein;  2.  diese  Vertretungskörperschaft 
„beschließt"  unter  dem  Drude  des  „Volkes",  eine  konstituierende  Ver- 
sammlung zu  organisieren;  3.  ...über  das  dritte  Stadium  sind  sich  die 
Menschewiki  noch  nicht  einig  geworden;  sie  haben  vergessen,  daß  der 
revolutionäre  Druck  des  Volkes  auf  den  konterrevolutionären  Druck  des 
Zarismus  stößt  und  daß  infolgedessen  entweder  der  „Beschluß"  unver- 
wirklicht  bleibt  oder  die  Sache  wiederum  durch  den  Sieg  oder  die  Nieder- 
lage des  Volksaufstands  entschieden  wird.  Die  Resolution  der  Konferenz 
ähnelt  aufs  Haar  folgendem  Gedankengang  der  Ökonomisten:  Der  ent- 
scheidende Sieg  der  Arbeiter  kann  entweder  durch  die  revolutionäre  Ver- 
wirklichung des  Achtstundentags  oder  durch  die  Gewährung  des  Zehn- 
stundentags und  durch  den  „Beschluß",  zum  Neunstundentag  überzu- 
gehen, gekennzeichnet  sein...  Haargenau  dasselbe! 

Man  kann  uns  vielleicht  entgegnen,  daß  die  Verfasser  der  Resolution 
nicht  die  Absicht  hatten,  den  Sieg  des  Aufstands  dem  „Beschluß"  einer 
vom  Zaren  einberufenen  Vertretungskörperschaft  gleidbzusetzen,  und 
daß  sie  lediglich  die  Taktik  der  Partei  für  den  einen  und  den  anderen  Fall 
vorausbestimmen  wollten.  Darauf  antworten  wir:  1.  Der  Wortlaut  der 
Resolution  bezeichnet  klar  und  eindeutig  den  Beschluß  einer  Vertretungs- 
körperschaft als  „entscheidenden  Sieg  der  Revolution  über  den  Zarismus". 
Vielleicht  ist  das  die  Folge  einer  nachlässigen  Redigierung,  die  man  auf 
Grund  der  Protokolle  korrigieren  könnte,  solange  sie  aber  nicht  korrigiert 
ist,  kann  diese  Fassung  nur  einen  Sinn  haben,  und  der  ist  ganz  im  5 eist 
des  „Oswobosbdenije" . 2.  Der  den  Oswoboshdenzen  entsprechende  Ge- 
dankengang, in  den  die  Verfasser  der  Resolution  verfallen  sind,  tritt  in 


22 


“W.  7.  Lenin 


anderen  Publikationen  der  Neuiskristen  noch  unvergleichlich  plastischer 
zutage.  Zum  Beispiel  im  Organ  des  Tifliser  Komitees,  dem  „Sozialdemo- 
krat"9 (in  georgischer  Sprache;  von  der  „Iskra"  in  Nr.  100  über  den 
grünen  Klee  gelobt),  versteigt  sich  der  Verfasser  des  Artikels  „Der  Semski 
Sobor  und  unsere  Taktik"  schlankweg  zu  der  Behauptung,  daß  die  „Tak- 
tik", „die  den  Semski  Sobor"  (von  dessen  Einberufung  wir,  das  wollen 
wir  hinzufügen,  noch  nichts  Genaues  wissen !)  „zum  Mittelpunkt  unserer 
Aktion  macht",  „für  uns  vorteilhafter“  sei  als  die  „Taktik"  des  bewaff- 
neten Aufstands  und  der  Errichtung  einer  provisorischen  revolutionären 
Regierung.  Wir  werden  später  noch  auf  diesen  Artikel  zurückkommen. 
3.  Man  kann  nichts  dagegen  haben,  wenn  die  Taktik  der  Partei  im  vor- 
hinein erörtert  wird  sowohl  für  den  Fall  des  Sieges  der  Revolution  als 
auch  für  den  Fall  ihrer  Niederlage,  sowohl  für  den  Fall  des  erfolgreichen 
Aufstands  als  auch  für  den  Fall,  daß  der  Aufstand  nicht  zu  einem  ernst- 
haften Faktor  werden  kann.  Es  ist  möglich,  daß  es  der  zaristischen  Regie- 
rung gelingen  wird,  eine  Vertretungskörperschaft  einzuberufen,  um  mit 
der  liberalen  Bourgeoisie  handelseins  zu  werden.  Die  Resolution  des 
III.  Parteitags,  die  das  berücksichtigt,  spricht  direkt  von  „Heuchelpolitik", 
von  „Pseudodemokratismus"  und  von  „karikaturistischen  Formen  einer 
Volksvertretung  in  der  Art  des  sogenannten  Semski  Sobor".*  Aber  die 

* Hier  der  Wortlaut  dieser  Resolution  über  das  Verhalten  zur  Taktik  der 
Regierung  am  Vorabend  des  Umsturzes: 

„In  der  Erwägung,  daß  die  Regierung  zum  Zweck  der  Selbsterhaltung  in  der 
gegenwärtigen  revolutionären  Periode  die  üblichen  Repressalien,  die  vorwie- 
gend gegen  die  klassenbewußten  Elemente  des  Proletariats  gerichtet  sind,  ver- 
schärft und  zugleich  1.  versucht,  durch  Zugeständnisse  und  Reformverspre- 
chungen die  Arbeiterklasse  politisch  zu  demoralisieren  und  sie  damit  vom  revolu- 
tionären Kampf  abzulenken;  2.  zu  dem  gleichen  Zweck  ihre  Heuchelpolitik  der 
Zugeständnisse  in  pseudodemokratische  Formen  kleidet,  angefangen  mit  der 
Aufforderung  an  die  Arbeiter,  ihre  Vertreter  in  Kommissionen  und  Beratungen 
zu  entsenden,  und  bis  zur  Schaffung  von  karikaturistischen  Formen  einer  Volks- 
vertretung in  der  Art  des  sogenannten  Semski  Sobor;  3.  sogenannte  Schwarz- 
hundertschaften organisiert  und  überhaupt  alle  reaktionären,  unaufgeklärten 
oder  durch  Religions-  und  Rassenhaß  verblendeten  Elemente  des  Volkes  gegen 
die  Revolution  aufhetzt  — 

beschließt  der  III.  Parteitag  der  SDAPR,  alle  Parteiorganisationen  aufzu- 
fordern: 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdben  Revolution  23 


Sache  ist  eben  die,  daß  das  nicht  in  der  Resolution  über  die  provisorische 
revolutionäre  Regierung  gesagt  wird,  denn  mit  der  provisorischen  revo- 
lutionären Regierung  hat  das  nichts  zu  tun.  In  diesem  Fall  wird  das  Pro- 
blem des  Aufstands  und  der  Errichtung  einer  provisorischen  revolutio- 
nären Regierung  zurückgestellt,  modifiziert  usw.  Dodh  es  handelt  sich 
jetzt  nicht  darum,  daß  allerlei  Kombinationen  möglich  sind,  daß  ebenso 
Sieg  wie  Niederlage,  ebenso  direkte  Wege  wie  Umwege  möglich  sind  — 
es  handelt  sich  darum,  daß  es  für  einen  Sozialdemokraten  unstatthaft  ist, 
in  die  Vorstellungen  der  Arbeiter  über  den  wirklich  revolutionären  Weg 
Verwirrung  hineinzutragen,  daß  es  unstatthaft  ist,  im  Geiste  des  „Oswo- 
boshdenije"  als  entscheidenden  Sieg  etwas  zu  bezeichnen,  wofür  die  grund- 
legende Voraussetzung  des  Sieges  fehlt.  Es  ist  möglich,  daß  wir  auch  den 
Achtstundentag  nicht  sofort,  sondern  nur  auf  einem  langen  Umweg  er- 
halten werden,  aber  was  soll  man  von  einem  Menschen  sagen,  der  eine 
solche  Ohnmacht,  eine  solche  Schwäche  des  Proletariats,  bei  der  es  nicht 
imstande  sein  wird,  die  Verschleppung,  den  Aufschub,  den  Kuhhandel, 
den  Verrat  und  die  Reaktion  zu  verhindern,  als  einen  Sieg  der  Arbeiter 
bezeichnet?  Es  ist  möglich,  daß  die  russische  Revolution  mit  einer  „kon- 
stitutionellen Fehlgeburt"  endet,  wie  der  „Wperjod"  * einmal  sagte,  aber 
kann  das  etwa  als  Rechtfertigung  für  einen  Sozialdemokraten  dienen,  der 

a)  die  reaktionären  Ziele  der  Regierungszugeständnisse  zu  entlarven,  in 
der  Propaganda  und  Agitation  einerseits  hervorzuheben,  daß  sie  erzwungen 
wurden,  und  anderseits  zu  betonen,  daß  es  der  Selbstherrschaft  absolut  un- 
möglich ist,  Reformen  zu  gewähren,  die  das  Proletariat  zufriedenstellen; 

b)  die  Wahlagitation  auszunutzen,  um  den  Arbeitern  den  wahren  Sinn  sol- 
cher Maßnahmen  der  Regierung  klarzumachen  und  sie  davon  zu  überzeugen, 
daß  es  für  das  Proletariat  notwendig  ist,  daß  auf  revolutionärem  Wege  eine 
konstituierende  Versammlung  auf  Grund  des  allgemeinen,  gleichen,  direkten 
und  geheimen  Wahlrechts  einberufen  wird; 

c)  das  Proletariat  zur  sofortigen,  auf  revolutionärem  Wege  erfolgenden  Ver- 
wirklichung des  Achtstundentags  und  anderer  auf  der  Tagesordnung  stehender 
Forderungen  der  Arbeiterklasse  zu  organisieren ; 

d)  den  bewaffneten  Widerstand  gegen  die  Aktionen  der  Schwarzhunderter 
und  überhaupt  aller  von  der  Regierung  angeleiteten  reaktionären  Elemente  zu 
organisieren."  (Fußnote  des  Verfassers  zur  Ausgabe  von  1907.  Die  Red.) 

* Die  Genfer  Zeitung  „Wperjod"  [Vorwärts]  erschien  ab  Januar  1905  als 
Organ  des  bolschewistischen  Teils  der  Partei.  Von  Januar  bis  Mai  kamen 


24 


IV.  1 Lenin 


am  Vorabend  des  entscheidenden  Kampfes  diese  Fehlgeburt  als  einen 
„entscheidenden  Sieg  über  den  Zarismus"  bezeichnen  würde?  Im  schlimm- 
sten Falle  ist  es  möglich,  daß  wir  nicht  nur  keine  Republik  erkämpfen 
werden,  sondern  daß  auch  die  Verfassung  eine  illusorische,  eine  „Schi- 
powsche"10  sein  wird,  aber  wäre  deshalb  etwa  die  Vertuschung  unserer 
republikanischen  Losung  durch  einen  Sozialdemokraten  verzeihlich? 

Bis  zur  Vertuschung  dieser  Losung  haben  sich  die  Neuiskristen  freilich 
noch  nicht  verstiegen.  Aber  bis  zu  welchem  Grad  bei  ihnen  der  revolutio- 
näre Geist  verflogen  ist,  bis  zu  welchem  Grad  die  lebensfremde  Räso- 
niererei  ihrem  Blick  die  augenblicklichen  Kampfaufgaben  entzogen  hat, 
ersieht  man  besonders  anschaulich  daraus,  daß  sie  in  ihrer  Resolution  aus- 
gerechnet vergessen  haben,  von  der  Republik  zu  sprechen!  Unglaublich, 
aber  wahr.  Alle  Losungen  der  Sozialdemokratie  sind  in  den  verschiedenen 
Resolutionen  der  Konferenz  bestätigt,  wiederholt,  erläutert  und  detail- 
liert, es  wurde  nicht  einmal  vergessen,  daß  die  Arbeiter  in  den  Betrieben 
Obleute  und  Delegierte  wählen  sollen  — nur  in  der  Resolution  über  die 
provisorische  revolutionäre  Regierung  fand  sidi  keine  Gelegenheit,  die 
Republik  zu  erwähnen.  Vom  „Sieg"  des  Volksaufstands,  von  der  Errich- 
tung einer  provisorischen  Regierung  sprechen  und  nicht  auf  den  Zusam- 
menhang dieser  „Schritte"  und  Akte  mit  der  Erkämpfung  der  Republik 
hinweisen  — das  heißt  eine  Resolution  schreiben,  nicht  um  den  Kampf  des 
Proletariats  zu  leiten,  sondern  um  hinter  der  proletarischen  Bewegung 
einherzutrotten. 

Fazit:  Der  erste  Teil  der  Resolution  hat  1.  absolut  keine  Klarheit  dar- 
über geschaffen,  welche  Bedeutung  der  provisorischen  revolutionären  Re- 
gierung im  Kampf  um  die  Republik  und  für  die  Gewährleistung  einer 
wirklich  vom  ganzen  Volk  gewählten  und  wirklich  konstituierenden  Ver- 
sammlung zukommt,  und  hat  2.  direkte  Verwirrung  in  das  demokratische 
Bewußtsein  des  Proletariats  hineingetragen,  weil  er  eine  Sachlage,  bei  der 
gerade  die  grundlegende  Voraussetzung  für  einen  wirklichen  Sieg  noch  fehlt, 
dem  entscheidenden  Sieg  der  Revolution  über  den  Zarismus  gleichsetzt. 

18  Nummern  heraus.  Vom  Mai  an  erschien  als  Zentralorgan  der  SDAPR  auf 
Beschluß  des  III.  Parteitags  der  SDAPR  statt  des  „Wperjod"  der  „Proletari". 
(Der  III.  Parteitag  fand  im  Mai  in  London  statt;  die  Menschewiki  hielten  sidi 
davon  fern  und  veranstalteten  ihre  eigene  „Konferenz"  in  Genf.)  (Fußnote  des 
Verfassers  zur  Ausgabe  von  1907.  Die  Red.) 


Zwei  ‘Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  25 


4.  DIE  LIQUIDIERUNG  DER  MONARCHISCHEN 
STAATSORDNUNG  UND  DIE  REPUBLIK 

Gehen  wir  zum  nächsten  Teil  der  Resolution  über.- 

. . Sowohl  in  dem  einen  als  auch  in  dem  anderen  Fall  wird  ein  solcher 
Sieg  als  Ausgangspunkt  für  eine  neue  Phase  der  revolutionären  Epoche 
dienen. 

Die  Aufgabe,  die  dieser  neuen  Phase  durch  die  objektiven  Bedingungen 
der  gesellschaftlichen  Entwicklung  mit  elementarer  Gewalt  gestellt  wird, 
ist  die  endgültige  Liquidierung  des  ganzen  ständisch-monarchischen  Re- 
gimes im  Prozeß  des  beiderseitigen  Kampfes  zwischen  den  Elementen  der 
politisch  befreiten  bürgerlichen  Gesellschaft  um  die  Verwirklichung  ihrer 
sozialen  Interessen  und  um  den  unmittelbaren  Besitz  der  Macht. 

Eine  provisorische  Regierung,  die  es  übernähme,  die  Aufgaben  dieser 
ihrem  historischen  Charakter  nach  bürgerlichen  Revolution  zu  verwirk- 
lichen, müßte  daher  den  beiderseitigen  Kampf  zwischen  den  gegensätz- 
lichen Klassen  der  sich  befreienden  Nation  regulieren  und  nicht  nur  die 
revolutionäre  Entwicklung  vorwärtstreiben,  sondern  auch  gegen  jene  ihrer 
Faktoren  kämpfen,  welche  die  Grundlagen  der  kapitalistischen  Ordnung 
bedrohen." 

Verweilen  wir  bei  diesem  Teil,  der  einen  selbständigen  Abschnitt  der 
Resolution  bildet.  Der  Grundgedanke  der  von  uns  zitierten  Betrachtungen 
fällt  mit  demjenigen  zusammen,  der  in  Punkt  3 der  Parteitagsresolution 
dargelegt  ist.  Vergleicht  man  indes  diesen  Abschnitt  der  beiden  Resolutio- 
nen, so  springt  sofort  folgender  fundamentale  Unterschied  zwischen  ihnen 
ins  Auge.  Die  Parteitagsresolution  charakterisiert  mit  wenigen  Worten  die 
geseüschaftlidi-ökonomische  Grundlage  der  Revolution,  verlegt  dann  die 
ganze  Aufmerksamkeit  auf  den  scharf  umrissenen  Kampf  der  Klassen  um 
bestimmte  Errungenschaften  und  rückt  die  Kampfaufgaben  des  Proleta- 
riats in  den  Vordergrund.  Die  Konferenzresolution  bringt  eine  lang- 
atmige, nebelhafte  und  verworrene  Beschreibung  der  gesellschaftlich-öko- 
nomischen Grundlagen  der  Revolution,  spricht  sehr  unklar  vom  Kampf 
für  bestimmte  Errungensdiaften  und  läßt  die  Kampfaufgaben  des  Prole- 
tariats völlig  außer  acht.  Die  Konferenzresolution  spricht  von  der  Liqui- 
dierung der  alten  Ordnung  im  Prozeß  des  beiderseitigen  Kampfes  zwi- 
schen den  Elementen  der  Gesellschaft.  Die  Parteitagsresolution  sagt,  daß 


3 Lenin,  Werke,  Bd.9 


26 


W.  3.  £enin 


wir,  die  Partei  des  Proletariats,  diese  Liquidierung  vornehmen  müssen, 
daß  eine  wirkliche  Liquidierung  nur  durch  die  Errichtung  der  demokra- 
tischen Republik  erfolgen  kann,  daß  wir  diese  Republik  erkämpfen  müs- 
sen, daß  wir  für  sie  und  für  die  volle  Freiheit  nicht  nur  gegen  die  Selbst- 
herrschaft, sondern  auch  gegen  die  Bourgeoisie  kämpfen  werden,  sobald 
sie  versuchen  wird  (und  sie  wird  es  unbedingt  versuchen),  uns  unsere 
Errungenschaften  zu  entreißen.  Die  Parteitagsresolution  ruft  eine  be- 
stimmte Klasse  zum  Kampf  auf  für  ein  genau  bestimmtes  nächstes  Ziel. 
Die  Konferenzresolution  stellt  Betrachtungen  an  über  den  beiderseitigen 
Kampf  verschiedener  Kräfte.  Die  eine  Resolution  spiegelt  die  Mentalität 
des  aktiven  Kampfes,  die  andere  die  des  passiven  Zuschauens  wider;  die 
eine  ist  durchdrungen  von  dem  Ruf  zu  lebendiger  Tätigkeit,  die  andere 
von  unlebendiger  Räsoniererei.  Beide  Resolutionen  erklären,  daß  die' vor 
sich  gehende  Umwälzung  für  uns  nur  der  erste  Schritt  ist,  dem  der  zweite 
folgen  wird.  Aber  die  eine  Resolution  zieht  daraus  den  Schluß,  daß  wir 
diesen  ersten  Schritt  um  so  schneller  zurücklegen  müssen,  ihn  um  so 
rascher  beenden,  die  Republik  erkämpfen,  die  Konterrevolution  scho- 
nungslos zertreten  und  die  Basis  für  den  zweiten  Schritt  schaffen  müssen. 
Die  andere  Resolution  hingegen  erschöpft  sich  sozusagen  in  weitschwei- 
figen Schilderungen  dieses  ersten  Schrittes  und  (man  verzeihe  den  vul- 
gären Ausdrude)  verzapft  endlos  Weisheiten  darüber.  Die  Parteitags- 
resolution nimmt  die  alten,  ewig  neuen  Gedanken  des  Marxismus  (über 
den  bürgerlichen  Charakter  der  demokratischen  Umwälzung)  als  Ein- 
leitung oder  Prämisse  für  die  Schlußfolgerungen  über  die  fortschrittlichen 
Aufgaben  der  fortschrittlichen  Klasse,  die  sowohl  für  die  demokratische 
als  auch  für  die  sozialistische  Umwälzung  kämpft.  Die  Konferenzresölu- 
tion  kommt  über  die  Einleitung  nicht  hinaus,  zerkaut  sie  und  klügelt  dar- 
über. 

Dieser  Unterschied  ist  ganz  genau  derselbe  Unterschied,  der  die  rus- 
sischen Marxisten  von  jeher  in  zwei  Flügel  trennt:  einen  räsonierenden 
und  einen  kämpfenden  Flügel  in  den  vergangenen  Zeiten  des  legalen 
Marxismus,  einen  ökonomistischen  und  einen  politischen  Flügel  in  der 
Epoche  der  beginnenden  Massenbewegung.  Aus  der  richtigen  marxisti- 
schen Prämisse  von  den  tiefen  ökonomischen  Wurzeln  des  Klassenkamp- 
fes im  allgemeinen  und  des  politischen  Kampfes  im  besonderen  zogen  die 
Ökonomisten  den  originellen  Schluß,  daß  man  dem  politischen  Kampf 


Zwei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  27 


den  Rücken  kehren,  seine  Entwicklung  hintanhalten,  sein  Ausmaß  ein- 
engen und  seine  Aufgaben  herabsetzen  müsse.  Der  politische  Flügel  da- 
gegen zog  aus  denselben  Prämissen  einen  anderen  Schluß,  nämlich:  Je 
tiefer  jetzt  die  Wurzeln  unseres  Kampfes  reichen,  um  so  umfassender, 
kühner,  entschlossener  und  mit  um  so  mehr  Initiative  müssen  wir  diesen 
Kampf  führen.  In  einer  anderen  Situation,  in  einer  modifizierten  Form 
haben  wir  jetzt  denselben  Streit  vor  uns.  Aus  den  Prämissen,  daß  eine 
demokratische  Umwälzung  noch  keineswegs  eine  sozialistische  ist,  daß  sie 
bei  weitem  nicht  nur  die  Besitzlosen  allein  „interessiert"  und  daß  ihre 
tiefsten  Wurzeln  in  den  unabwendbaren  Erfordernissen  und  Bedürfnissen 
der  gesamten  bürgerlichen  Gesellschaft  als  Ganzes  liegen  — aus  diesen 
Prämissen  ziehen  wir  den  Schluß,  daß  die  fortgeschrittenste  Klasse  ihre 
demokratischen  Aufgaben  desto  kühner  stellen  und  desto  schärfer  bis  zu 
Ende  aussprechen  muß,  daß- sie  die  unmittelbare  Losung  der  Republik 
aufstellen  und  die  Idee  von  der  Notwendigkeit  einer  provisorischen  revo- 
lutionären Regierung,  von  der  Notwendigkeit,  die  Konterrevolution  scho- 
nungslos zu  zertreten,  propagieren  muß.  Unsere  Opponenten  aber,  die 
Neuiskristen,  ziehen  aus  denselben  Prämissen  den  Schluß,  daß  man  die 
demokratischen  Schlußfolgerungen  nicht  bis  zu  Ende  aussprechen  solle; 
daß  man  unter  den  praktischen  Losungen  die  Losung  der  Republik  nicht 
aufzustellen  brauche,  daß  es  statthaft  sei,  die  Idee  von  der  Notwendig- 
keit einer  provisorischen  revolutionären  Regierung  nicht  zu  propagie- 
ren, daß  man  auch  einen  Beschluß  über  die  Einberufung  einer  konsti- 
tuierenden Versammlung  als  entscheidenden  Sieg  bezeichnen  könne  und 
daß  man  die  Aufgabe  des  Kampfes  gegen  die  Konterrevolution  nicht 
als  unsere  aktive  Aufgabe  zu  stellen  brauche,  sondern  in  dem  nebel- 
haften (und,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  falsch  formulierten)  Flinweis 
auf  den  „Prozeß  des  beiderseitigen  Kampfes"  untergehen  lassen  dürfe. 
Das  ist  nicht  die  Sprache  von  Politikern,  das  ist  eher  die  Sprache  von 
Archivräten ! 

Und  je  aufmerksamer  man  sich  die  einzelnen  Formulierungen  der  neu- 
iskristischen Resolution  ansieht,  um  so  anschaulicher  treten  ihre  hier  er- 
wähnten Haupteigentümlichkeiten  hervor.  Da  redet  man  uns  z.  B.  vom 
„Prozeß  des  beiderseitigen  Kampfes  zwischen  den  Elementen  der  poli- 
tisch befreiten  bürgerlichen  Gesellschaft".  Eingedenk  des  Themas,  über 
das  diese  Resolution  geschrieben  wurde  (die  provisorische  revolutionäre 


28 


IV.  1 Lenin 


Regierung),  müssen  wir  verwundert  fragen:  Wenn  schon  vom  Prozeß  des 
beiderseitigen  Kampfes  gesprochen  wird,  wie  kann  man  dann  von  den 
Elementen  schweigen,  die  die  bürgerliche  Gesellschaft  politisch  unter- 
jochen? Glauben  etwa  die  KonfeTenzler,  nachdem  sie  den  Sieg  der  Revo- 
lution vorausgesetzt  haben,  wären  diese  Elemente  schon  verschwunden? 
Ein  derartiger  Gedanke  wäre  überhaupt  absurd  und  in  diesem  Fall  von 
äußerster  politischer  Naivität  und  politischer  Kurzsichtigkeit.  Nadi  dem 
Sieg  der  Revolution  über  die  Konterrevolution  wird  die  Konterrevolution 
nicht  verschwinden,  sondern  im  Gegenteil  unweigerlich  einen  neuen  und 
noch  erbitterteren  Kampf  beginnen.  Widmen  wir  unsere  Resolution  der 
Untersuchung,  welche  Aufgaben  aus  dem  Sieg  der  Revolution  erwachsen, 
so  müssen  wir  den  Aufgaben  der  Abwehr  des  konterrevolutionären  An- 
sturms größte  Beachtung  schenken  (wie  das  in  der  Parteitagsresolution 
auch  geschehen  ist)  und  dürfen  diese  nächsten,  dringenden,  aktuellen  poli- 
tischen Aufgaben  einer  kämpfenden  Partei  nicht  untergehen  lassen  in  all- 
gemeinen Betrachtungen  darüber,  was  nach  der  jetzigen  revolutionären 
Epodie  geschehen  wird,  was  dann  geschehen  wird,  wenn  die  „politisch 
befreite  Gesellschaft"  schon  eine  vollendete  Tatsache  ist.  Ebenso  wie  die 
Ökonomisten  mit  Hinweisen  auf  allgemeine  Wahrheiten  über  die  Unter- 
ordnung der  Politik  unter  die  Ökonomik  ihre  Verständnislosigkeit  für 
die  aktuellen  politischen  Aufgaben  verdeckt  haben,  so  verdecken  die  Neu- 
iskristen  mit  ihren  Hinweisen  auf  allgemeine  Wahrheiten  über  den  Kampf 
innerhalb  der  politisdi  befreiten  Gesellschaft  ihre  Verständnislosigkeit  für 
die  aktuellen  revolutionären  Aufgaben  der  politischen  Befreiung  dieser 
Gesellschaft. 

Nehmt  den  Ausdruck  „die  endgültige  Liquidierung  des  ganzen  stän- 
disch-monarchischen Regimes".  Auf  russisch  heißt  die  endgültige  Liqui- 
dierung der  monarchischen  Staatsordnung  die  Errichtung  der  demokrati- 
schen Republik.  Doch  unserem  wackeren  Martynow  und  seinen  Ver- 
ehrern scheint  ein  solcher  Ausdruck  allzu  einfach  und  klar  zu  sein.  Sie 
wollen  unbedingt  „vertiefen"  und  „recht  klug"  schnacken.  Heraus  kom- 
men dabei  einerseits  lächerliche  Anstrengungen,  tiefsinnig  zu  sein.  Und 
anderseits  ergibt  sich  statt  einer  Losung  eine  Beschreibung,  statt  eines  muti- 
gen Rufes  zum  Vorwärtsschreiten  eine  Art  melancholischen  Rückblicks.  Als 
hätten  wir  nicht  lebendige  Mens  dien  vor  uns,  die  jetzt  gleich,  sofort  für 
die  Republik  kämpfen  wollen,  sondern  vertrocknete  Mumien,  die  diese 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  29 


Frage  sab  specie  aetemitatis*  unter  dem  Gesichtspunkt  des  Plusquam- 
perfektums** betrachten. 

Gehen  wir  weiter:  . .Eine  provisorische  Regierung,  die  es  übernähme, 

die  Aufgaben  dieser...  bürgerlichen  Revolution  zu  verwirklichen..." 
Hier  zeigt  sich  sofort,  daß  unsere  Konferenzler  die  konkrete  Frage  über- 
sehen haben,  die  sidi  vor  den  politischen  Führern  des  Proletariats  erhob. 
Die  konkrete  Frage  nach  der  provisorischen  revolutionären  Regierung  ist 
aus  ihrem  Gesichtsfeld  entschwunden  und  durch  die  Frage  nach  einer 
Reihe  von  künftigen  Regierungen  verdeckt  worden,  die  die  Aufgaben  der 
bürgerlichen  Revolution  schlechthin  verwirklichen  werden.  Wenn  ihr  die 
Frage  „historisch"  betrachten  wollt,  so  wird  euch  das  Beispiel  eines  be- 
liebigen europäischen  Landes  zeigen,  daß  eben  eine  Reihe  von  Regierun- 
gen, und  durchaus  nicht  „provisorischen",  die  historisdien  Aufgaben  der 
bürgerlichen  Revolution  verwirklichte,  daß  sogar  Regierungen,  die  über 
die  Revolution  gesiegt  hatten,  dennoch  gezwungen  waren,  die  historisdien 
Aufgaben  dieser  besiegten  Revolution  zu  verwirklichen.  Aber  als  „pro- 
visorische revolutionäre  Regierung"  bezeichnet  man  gar  nicht  das,  wovon 
ihr  redet.  So  bezeichnet  man  eine  Regierung  der  revolutionären  Epodie, 
die  unmittelbar  die  gestürzte  Regierung  ablöst  und  sich  auf  den  Volks- 
aufstand, nicht  aber  auf  irgendwelche  aus  dem  Volk  hervorgegangene  Ver- 
tretungskörperschaften stützt.  Die  provisorische  revolutionäre  Regierung 
ist  ein  Organ  des  Kampfes  für  den  sofortigen  Sieg  der  Revolution,  für 
die  sofortige  Abwehr  konterrevolutionärer  Ansdiläge  und  keineswegs 
ein  Organ  zur  Verwirklichung  der  historischen  Aufgaben  der  bürger- 
lichen Revolution  schlechthin.  Meine  Herren,  überlassen  wir  es  den  künf- 
tigen Historikern  in  einer  künftigen  „Russkaja  Starina"11,  zu  bestimmen, 
welche  Aufgaben  der  bürgerlichen  Revolution  wir  alle  zusammen  und 
welche  Aufgaben  die  eine  oder  andere  Regierung  verwirklicht  haben.  Das 
zu  tun,  wird  auch  nadi  dreißig  Jahren  noch  Zeit  sein,  jetzt  aber  müssen 
wir  Losungen  und  praktische  Weisungen  geben  für  den  Kampf  um  die 
Republik  und  für  die  energischste  Teilnahme  des  Proletariats  an  diesem 
Kampf. 

Aus  den  erwähnten  Gründen  sind  auch  die  letzten  Sätze  des  von  uns 
zitierten  Teils  der  Resolution  unbefriedigend.  Äußerst  unglücklidr  oder 
* vom  Standpunkt  der  Ewigkeit.  Die  Red. 

**  Vorvergangenheit.  Die  Red. 


30 


W.  7.  Lenin 


zumindest  ungeschickt  ist  der  Ausdruck,  daß  die  provisorische  Regierung 
den  beiderseitigen  Kampf  zwischen  den  gegensätzlichen  Klassen  zu  „re- 
gulieren" hätte:  Marxisten  sollten  sich  nicht  einer  solchen  liberalen  For- 
mulierung im  Stil  der  Oswoboshdenzen  bedienen,  die  zu  dem  Gedanken 
verleitet,  es  wären  Regierungen  möglich,  die  nicht  als  Organ  des  Klassen- 
kampfes, sondern  als  dessen  „Regulator"  dienen. . . Die  Regierung  müßte 
„nicht  nur  die  revolutionäre  Entwicklung  vorwärtstreiben,  sondern  audi 
gegen  jene  ihrer  Faktoren  kämpfen,  welche  die  Grundlagen  der  kapita- 
listischen Ordnung  bedrohen" . Dieser  „Faktor"  ist  gerade  das  Proletariat, 
in  dessen  Namen  die  Resolution  spricht!  Statt  zu  zeigen,  wie  das  Prole- 
tariat im  gegebenen  Augenblick  „die  revolutionäre  Entwicklung  vorwärts- 
treiben" soll  (weiter  vorantreiben,  als  die  konstitutionalistische  Bour- 
geoisie gehen  möchte),  statt  ihm  zu  raten,  sidi  auf  eine  bestimmte  Art 
und  Weise  zum  Kampf  gegen  die  Bourgeoisie  vorzubereiten,  wenn  diese 
sidi  gegen  die  Errungenschaften  der  Revolution  wenden  wird  — statt  des- 
sen setzt  man  uns  die  allgemeine  Beschreibung  eines  Prozesses  vor,  in  der 
über  die  konkreten  Aufgaben  unserer  Tätigkeit  nichts  gesagt  wird.  Die 
Art,  wie  die  Neuiskristen  ihre  Gedanken  darlegen,  erinnert  an  den  Aus- 
spruch von  Marx  (in  seinen  berühmten  „Thesen"  über  Feuerbach)  über 
den  alten  Materialismus,  dem  die  Idee  der  Dialektik  fremd  war.  Die 
Philosophen  haben  die  Welt  nur  verschieden  interpretiert,  sagte  Marx, 
es  kommt  aber  darauf  an,  sie  zu  verändern.12  So  können  audi  die  Neu- 
iskristen den  Prozeß  des  sich  vor  ihren  Augen  abspielenden  Kampfes 
leidlich  beschreiben  und  erklären,  sie  sind  jedoch  völlig  außerstande,  für 
diesen  Kampf  die  richtige  Losung  zu  geben.  Eifrige  Marsdiierer,  aber 
schlechte  Führer,  würdigen  sie  die  materialistische  Geschichtsauffassung 
dadurch  herab,  daß  sie  außer  acht  lassen,  welche  wirksame,  führende  und 
leitende  Rolle  in  der  Geschichte  die  Parteien  spielen  können  und  müssen, 
die  die  materiellen  Bedingungen  der  Umwälzung  erkannt  und  sidi  an  die 
Spitze  der  fortgeschrittenen  Klassen  gestellt  haben. 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  31 


5.  WIE  SOLL  MAN  „DIE  REVOLUTION 
VORWÄRTSTREIBEN"? 

Wir  bringen  einen  weiteren  Abschnitt  der  Resolution: 

, „Unter  diesen  Umständen  muß  die  Sozialdemokratie  danach  streben, 
während  des  ganzen  Verlaufs  der  Revolution  eine  solche  Stellung  zu  be- 
haupten, die  ihr  am  besten  die  Möglichkeit  sichert,  die  Revolution  vor- 
wärtszutreiben, ihr  im  Kampfe  gegen  die  inkonsequente  und  eigennützige 
Politik  der  bürgerlichen  Parteien  nicht  die  Hände  bindet  und  sie  davor 
bewahrt,  in  der  bürgerlichen  Demokratie  aufzugehen. 

Deshalb  darf  sich  die  Sozialdemokratie  nicht  das  Ziel  setzen,  durch 
Bildung  einer  provisorischen  Regierung  die  Macht  zu  ergreifen  oder  die 
Macht  in  einer  solchen  zu  teilen,  sie  muß  vielmehr  die  Partei  der  äußer- 
sten revolutionären  Opposition  bleiben." 

Der  Rat,  eine  Stellung  zu  beziehen,  die  am  besten  die  Möglichkeit 
sichert,  die  Revolution  vorwärtszutreiben,  gefällt  uns  ganz  außerordent- 
lich. Wir  hätten  nur  gewünscht,  daß  außer  diesem  guten  Rat  auch  ein 
direkter  Hinweis  vorhanden  wäre,  wie  die  Sozialdemokratie  gerade  jetzt, 
in  der  gegebenen  politischen  Situation,  in  den  Zeiten  der  Gerüchte,  Mut- 
maßungen, Redereien  und  Projekte  über  die  Einberufung  von  Volksver- 
tretern, die  Revolution  vorwärtstreiben  soll.  Kann  jetzt  jemand  die  Revo- 
lution vorwärtstreiben,  der  nicht  begreift,  welche  Gefahr  die  Theorie  der 
Oswoboshdenzen  von  einer  „Vereinbarung"  des  Volkes  mit  dem  Zaren 
in  sich  birgt,  der  den  bloßen  „Beschluß",  eine  konstituierende  Versamm- 
lung einzuberufen,  schon  als  Sieg  bezeichnet,  der  nicht  die  Aufgabe  stellt, 
die  Idee  von  der  Notwendigkeit  einer  provisorischen  revolutionären  Re- 
gierung aktiv  zu  propagieren?  der  die  Losung  der  demokratischen  Repu- 
blik außer  acht  läßt?  Solche  Leute  treiben  in  Wirklichkeit  die  Revolution 
zurück,  weil  sie  in  praktisch-politischer  Beziehung  auf  dem  Niveau  der 
von  den  Oswoboshdenzen  bezogenen  Stellung  stehengeblieben  sind.  Was 
nützt  es,  daß  sie  sich  zu  einem  Programm  bekennen,  das  die  Ersetzung  der 
Selbstherrschaft  durch  die  Republik  fordert,  wenn  in  ihrer  taktischen  Re- 
solution, welche  die  gegenwärtigen  und  die  nächsten  Aufgaben  der  Partei 
im  revolutionären  Augenblick  festlegt,  die  Losung  des  Kampfes  für  die 
Republik  fehlt?  Gerade  die  Stellung  der  Oswoboshdenzen,  die  Stellung 
der  konstitutionellen  Bourgeoisie  wird  doch  jetzt  faktisch  dadurch  charak- 


32 


IV.  1.  Zenin 


terisieri,  daß  der  Beschluß,  eine  vom  ganzen  Volk  gewählte  konstituierende 
Versammlung  einzuberufen,  als  ein  entscheidender  Sieg  angesehen  wird, 
während  man  sich  über  die  provisorische  revolutionäre  Regierung  und 
über  die  Republik  wohlweislich  ausschweigt!  Um  die  Revolution  vor- 
wä'rtszutreiben,  d.  h.  über  jene  Grenze  hinaus,  bis  zu  der  die  monarchi- 
stische Bourgeoisie  sie  treibt,  muß  man  aktiv  Losungen  aufstellen,  betonen 
und  in  den  Vordergrund  rücken,  die  die  „Inkonsequenz"  der  bürgerlichen 
Demokratie  aussdhliefien.  Solche  Losungen  gibt  es  im  gegenwärtigen 
Zeitpunkt  nur  zwei-,  1.  die  provisorisdie  revolutionäre  Regierung  und 
2.  die  Republik;  denn  die  Losung  einer  vom  ganzen  Volk  gewählten 
konstituierenden  Versammlung  ist  von  der  monarchistischen  Bourgeoisie 
übernommen  worden  (siehe  das  Programm  des  „Bundes  der  Befreiung"), 
und  sie  ist  übernommen  worden  eben  im  Interesse  der  Eskamotierung 
der  Revolution,  im  Interesse  der  Verhinderung  ihres  vollen  Sieges  und 
im  Interesse  des  Kuhhandels  der  Großbourgeoisie  mit  dem  Zarismus. 
Und  da  sehen  wir  nun,  daß  die  Konferenz  von  diesen  beiden  Losungen, 
die  einzig  und  allein  geeignet  sind,  die  Revolution  vorwärtszutreiben,  die 
Losung  der  Republik  gänzlich  vergessen  und  die  Losung  der  provisori- 
schen revolutionären  Regierung  der  Oswoboshdenzen-Losung  einer  vom 
ganzen  Volk  gewählten  konstituierenden  Versammlung  kurzerhand  gleich- 
gesetzt hat,  indem  sie  das  eine  wie  das  andere  einen  „entscheidenden  Sieg 
der  Revolution"  nannte!! 

Jawohl,  das  ist  eine  unzweifelhafte  Tatsache,  und  sie  wird,  das  steht 
für  uns  fest,  dem  künftigen  Geschichtsschreiber  der  russischen  Sozial- 
demokratie als  Markstein  dienen.  Eine  Konferenz  von  Sozialdemokraten 
nimmt  im  Mai  1905  eine  Resolution  an,  die  schöne  Worte  enthält  über 
die  Notwendigkeit,  die  demokratische  Revolution  vorwärtszutreiben, 
die  sie  jedoch  in  Wirklichkeit  zurücktreibt,  die  in  Wirklichkeit  nicht 
weiter  geht  als  die  demokratischen  Losungen  der  monarchistischen  Bour- 
geoisie. 

Die  Neuiskristen  machen  uns  gern  den  Vorwurf,  daß  wir  die  Gefahr 
eines  Aufgehens  des  Proletariats  in  der  bürgerlichen  Demokratie  igno- 
rieren. Wir  möchten  den  sehen,  der  es  unternähme,  diesen  Vorwurf  an 
Hand  des  Wortlauts  der  vom  III.  Parteitag  der  SDAPR  angenommenen 
Resolutionen  zu  beweisen.  Wir  werden  unseren  Opponenten  erwidern: 
Die  Sozialdemokratie,  die  auf  dem  Boden  der  bürgerlichen  Ges ellschaft 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisieren  Revolution  33 


tätig  ist,  kann  an  der  Politik  nicht  teilnehmen,  ohne  in  diesem  oder  jenem 
Einzelfall  mit  der  bürgerlidren  Demokratie  in  einer  Reihe  zu  gehen.  Der 
Unterschied  zwischen  uns  und  euch  ist  dabei  der,  daß  wir  mit  der  revo- 
lutionären und  republikanischen  Bourgeoisie  in  einer  Reihe  gehen,  ohne 
uns  mit  ihr  zu  verschmelzen,  während  ihr  mit  der  liberalen  und  monardhi- 
stisdhen  Bourgeoisie  in  einer  Reihe  geht,  ebenfalls  ohne  euch  mit  ihr  zu 
verschmelzen.  So  sieht  die  Sadhe  aus. 

Eure  taktischen  Losungen,  die  im  Namen  der  Konferenz  ausgegeben 
worden  sind,  stimmen  überein  mit  den  Losungen  der  „konstitutionell- 
demokratischen" Partei,  d.  h.  der  Partei  der  monardhistisdoen  Bourgeoisie, 
und  dabei  habt  ihr  diese  Übereinstimmung  nicht  bemerkt,  seid  eudi  ihrer 
nicht  bewußt  geworden  und  befindet  euch  somit  faktisch  im  Sdhlepptau 
der  Oswoboshdenzen. 

Unsere  taktischen  Losungen,  die  im  Namen  des  III.  Parteitags  der 
SDAPR  ausgegeben  worden  sind,  stimmen  überein  mit  den  Losungen  der 
demokratisdi-revolationären  und  republikanischen  Bourgeoisie.  Diese 
Bourgeoisie  und  Kleinbourgeoisie  hat  in  Rußland  noch  keine  große  Volks- 
partei gebildet.*  Aber  daß  es  Elemente  einer  solchen  Partei  gibt,  kann  nur 
der  bezweifeln,  der  keine  Ahnung  davon  hat,  was  jetzt  in  Rußland  vor- 
geht. Wir  beabsichtigen  (im  Falle  eines  erfolgreichen  Verlaufs  der  großen 
russischen  Revolution),  nicht  nur  das  von  der  Sozialdemokratischen  Par- 
tei organisierte  Proletariat  zu  führen,  sondern  auch  diese  Kleinbourgeoisie, 
die  sehr  wohl  mit  uns  in  einer  Reihe  gehen  kann. 

Die  Konferenz  ist  in  ihrer  Resolution  unbewußt  auf  das  Niveau  der 
liberalen  und  monarchistischen  Bourgeoisie  hinabgesunken.  Der  Partei- 
tag hat  durch  seine  Resolution  die  Elemente  der  revolutionären  Demo- 
kratie, die  zu  kämpfen  vermögen,  nicht  aber  Kuhhandel  treiben  wollen, 
bewußt  zu  sich  emporgehoben. 

Soldie  Elemente  gibt  es  zumeist  unter  der  Bauernschaft.  Ohne  einen 
ernsten  Fehler  zu  machen,  können  wir  bei  der  Einteilung  der  großen  Ge- 
sellschaftsgruppen nach  ihren  politischen  Tendenzen  die  revolutionäre 
und  republikanische  Demokratie  mit  der  Masse  der  Bauernschaft  gleidh- 

* Die  „Sozialrevolutionäre"  sind  eher  eine  terroristische  Intellektuellen- 
gruppe als  die  Keimform  einer  solchen  Partei,  obwohl  die  objektive  Bedeutung 
der  Tätigkeit  dieser  Gruppe  gerade  in  der  Verwirklichung  der  Aufgaben  der 
revolutionären  und  republikanischen  Bourgeoisie  besteht. 


34 


'W.J.  Lenin 


setzen  — selbstverständlich  in  demselben  Sinne,  mit  denselben  Vorbe- 
halten und  unter  denselben  stillschweigenden  Voraussetzungen,  wie  man 
die  Arbeiterklasse  mit  der  Sozialdemokratie  gleichsetzen  kann.  Wir  kön- 
nen, anders  ausgedrückt,  unsere  Schlußfolgerungen  auch  so  formulieren: 
Die  Konferenz  ist  mit  ihren  gesamtnationalen*  politischen  Losungen  im 
revolutionären  Augenblick  unbewußt  auf  das  Niveau  der  Masse  der  Guts- 
besitzer hinabgesunken.  Der  Parteitag  hat  mit  seinen  gesamtnationalen 
politischen  Losungen  die  Masse  der  Bauern  auf  ein  revolutionäres  Niveau 
emporgehoben.  Wer  uns  wegen  dieser  Schlußfolgerung  beschuldigt,  daß 
wir  zu  Paradoxen  neigen,  an  den  richten  wir  die  Aufforderung,  die  fol- 
gende These  zu  widerlegen:  Wenn  wir  nicht  imstande  sein  werden,  die 
Revolution  zu  Ende  zu  führen,  wenn  die  Revolution  mit  einem  im  Sinne 
der  Oswoboshdenzen  „entscheidenden  Sieg"  lediglich  in  der  Form  einer 
vom. Zaren  einberuf enen  Vertreterversammlung  enden  wird,  die  nur  zum 
Hohn  eine  konstituierende  Versammlung  genannt  werden  könnte  — dann 
wird  das  eine  Revolution  sein,  in  der  das  gutsherrliche  und  großbürger- 
liche Element  überwiegt.  Umgekehrt,  wenn  uns  beschieden  ist,  eine  wirk- 
liche große  Revolution  zu  erleben,  wenn  die  Geschichte  diesmal  keine 
„Fehlgeburt"  zuläßt,  wenn  wir  die  Kraft  haben  werden,  die  Revolution  zu 
Ende  zu  führen,  bis  zum  entscheidenden  Sieg  nicht  im  Sinne  der  Os  wöbosh- 
denzen  und  der  Neuiskristen,  dann  wird  das  eine  Revolution  sein,  in  der 
das  bäuerliche  und  proletarische  Element  überwiegt. 

Vielleicht  werden  manche  in  der  Zulassung  des  Gedankens  an  ein  sol- 
ches Uberwiegen  einen  Beweis  dafür  erblicken,  daß  wir  die  Überzeugung 
vom  bürgerlichen  Charakter  der  bevorstehenden  Revolution  aufgegeben 
haben?  Bei  dem  Mißbrauch,  der  in  der  „Iskra"  mit  diesem  Begriff  getrie- 
ben wird,  ist  das  wohl  möglich.  Deshalb  ist  es  durchaus  nicht  überflüssig, 
bei  dieser  Frage  zu  verweilen. 


* Wir  sprechen  nicht  von  den  speziellen  Losungen  für  die  Bauernschaft, 
denen  besondere  Resolutionen  gewidmet  sind. 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  35 


6.  WOHER  DROHT  DEM  PROLETARIAT  DIE  GEFAHR, 

IM  KAMPE  GEGEN  DIE  INKONSEQUENTE  BOURGEOISIE 
MIT  GEBUNDENEN  HÄNDEN  DAZUSTEHEN? 

Die  Marxisten  sind  vom  bürgerlichen  Charakter  der  russischen  Revolu- 
tion unbedingt  überzeugt.  Was  bedeutet  das?  Das  bedeutet,  daß  jene  de- 
mokratischen Umgestaltungen  der  politischen  Ordnung  und  jene  sozial- 
ökonomischen Umgestaltungen,  die  für  Rußland  notwendig  geworden  sind, 
an  und  für  sich  nicht  nur  keine  Untergrabung  des  Kapitalismus,  keine 
Untergrabung  der  Herrschaft  der  Bourgeoisie  bedeuten,  sondern  daß  sie 
umgekehrt  zum  erstenmal  gründlich  den  Boden  für  eine  breite  und  rasche, 
europäische  und  nicht  asiatische  Entwicklung  des  Kapitalismus  säubern, 
daß  sie  zum  erstenmal  die  Herrschaft  der  Bourgeoisie  als  Klasse  ermög- 
lichen werden.  Die  Sozialrevolutionäre  können  diese  Idee  nicht  begreifen, 
weil  sie  das  Abc  der  Entwicklungsgesetze  der  Warenproduktion  und  der 
kapitalistischen  Produktion  nicht  kennen.  Sie  sehen  nicht,  daß  sogar  ein 
voller  Erfolg  des  Bauernaufstands,  sogar  eine  Neuaufteilung  des  ganzen 
Grund  und  Bodens  im  Interesse  der  Bauernschaft  und  gemäß  ihren  Wün- 
schen (eine  „schwarze  Umteilung"  oder  etwas  in  dieser  Art)  den  Kapita- 
lismus keineswegs  vernichten,  sondern  im  Gegenteil  seiner  Entwicklung 
einen  Anstoß  geben  und  die  Klassenscheidung  der  Bauernschaft  selbst  be- 
schleunigen wird.  Weil  die  Sozialrevolutionäre  diese  Wahrheit  nicht  be- 
greifen, werden  sie  zu  unbewußten  Ideologen  des  Kleinbürgertums.  Das 
Festhalten  an  dieser  Wahrheit  ist  für  die  Sozialdemokratie  von  größter, 
nicht  nur  theoretischer,  sondern  auch  praktisch-politischer  Bedeutung, 
denn  hieraus  ergibt  sich  für  die  Partei  des  Proletariats  die  Pflicht,  in  der 
gegenwärtigen  „allgemein-demokratischen"  Bewegung  ihre  volle  Selbstän- 
digkeit als  Klassenpartei  zu  wahren. 

Aber  daraus  folgt  keineswegs,  daß  die  demokratische  (ihrem  gesell- 
schaftlich-ökonomischen Inhalt  nach  bürgerliche)  Umwälzung  für  das  Pro- 
letariat nicht  von  größtem  Interesse  wäre.  Daraus  folgt  keineswegs,  daß 
sich  die  demokratische  Umwälzung  nicht  sowohl  in  einer  Form  vollziehen 
könnte,  die  vorwiegend  für  den  Großkapitalisten,  den  Finanzmagnaten 
und  den  „aufgeklärten"  Gutsbesitzer  vorteilhaft  ist,  als  auch  in  einer 
Form,  die  für  den  Bauern  und  den  Arbeiter  vorteilhaft  ist. 


36 


IV.  J.  Lenin 


Die  Weuiskristen  mißverstehen  von  Grund  aus  Sinn  und  Bedeutung  der 
Kategorie : bürgerliche  Revolution.  Durch  ihre  Betrachtungen  zieht  sich 
ständig  der  Gedanke,  die  bürgerliche  Revolution  sei  eine  Revolution,  die 
nur  das  bringen  könne,  was  für  die  Bourgeoisie  vorteilhaft  ist.  Nichts  ist 
indes  irriger  als  dieser  Gedanke.  Die  bürgerliche  Revolution  ist  eine  Revo- 
lution, die  nicht  über  den  Rahmen  der  bürgerlichen,  d.  h.  der  kapitalisti- 
schen, ökonomischen  Struktur  der  Gesellschaft  hinausgeht.  Die  bürger- 
liche Revolution  bringt  die  Bedürfnisse  der  Entwicklung  des  Kapitalismus 
zum  Ausdruck  und  zerstört  keineswegs  die  Grundlagen  dieser  Entwick- 
lung, sondern  verbreitert  und  vertieft  sie  im  Gegenteil.  Diese  Revolution 
bringt  daher  die  Interessen  nicht  nur  der  Arbeiterklasse,  sondern  auch  der 
gesamten  Bourgeoisie  zum  Ausdruck.  Da  unter  dem  Kapitalismus  die 
Herrschaft  der  Bourgeoisie  über  das  Proletariat  unvermeidlich  ist,  kann 
man  mit  vollem  Recht  sagen,  daß  die  bürgerliche  Revolution  die  Interessen 
nicht  so  sehr  des  Proletariats  als  vielmehr  der  Bourgeoisie  zum  Ausdruck 
bringt.  Aber  völlig  absurd  ist  der  Gedanke,  daß  die  bürgerliche  Revolution 
die  Interessen  des  Proletariats  überhaupt  nicht  zum  Ausdruck  bringt.  Die- 
ser absurde  Gedanke  läuft  entweder  auf  die  althergebrachte  Volkstümler- 
theorie hinaus,  daß  die  bürgerliche  Revolution  den  Interessen  des  Prole- 
tariats widerspricht  und  daß  wir  daher  keine  bürgerliche  politische  Freiheit 
brauchen.  Oder  dieser  Gedanke  läuft  auf  den  Anarchismus  hinaus,  der 
jede  Beteiligung  des  Proletariats  an  der  bürgerlichen  Politik,  an  der  bür- 
gerlichen Revolution,  am  bürgerlichen  Parlamentarismus  verneint.  Theo- 
retisch bedeutet  dieser  Gedanke,  daß  man  die  elementarsten  Grundsätze 
des  Marxismus  vergißt,  wonach  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  auf  der 
Grundlage  der  Warenproduktion  unvermeidlich  ist.  Der  Marxismus  lehrt, 
daß  eine  Gesellschaft,  die  sich  auf  die  Warenproduktion  gründet  und  mit 
den  zivilisierten  kapitalistischen  Nationen  im  Austausch  steht,  auf  einer 
bestimmten  Entwicklungsstufe  unvermeidlich  auch  selbst  den  Weg  des 
Kapitalismus  beschreitet.  Der  Marxismus  hat  unwiderruflich  mit  den  Phan- 
tasien der  Volkstümler  und  der  Anarchisten  gebrochen,  als  ob  beispiels- 
weise Rußland  die  kapitalistische  Entwicklung  vermeiden,  dem  Kapitalis- 
mus ausweichen  oder  ihn  überspringen  und  einen  anderen  Weg  einschla- 
gen  könne  als  den  Weg  des  Klassenkampfes  auf  dem  Boden  und  im 
Rahmen  eben  dieses  Kapitalismus. 

Alle  diese  Leitsätze  des  Marxismus  sind  mit  aller  Ausführlichkeit  be- 


Zwei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  37 


wiesen  und  durchgekaut  worden,  sowohl  im  allgemeinen  als  auch  im  be- 
sonderen hinsichtlich  Rußlands.  Und  aus  diesen  Leitsätzen  folgt,  daß  es 
ein  reaktionärer  Gedanke  ist,  die  Erlösung  der  Arbeiterklasse  in  irgend 
etwas  anderem  zu  suchen  als  in  der  weiteren  Entwicklung  des  Kapitalis- 
mus. In  solchen  Ländern  wie  Rußland  leidet  die  Arbeiterklasse  nicht  so 
sehr  unter  dem  Kapitalismus  als  vielmehr  unter  der  ungenügenden  Ent- 
wicklung des  Kapitalismus.  Die  Arbeiterklasse  ist  daher  an  der  breitesten, 
freiesten  und  raschesten  Entwicklung  des  Kapitalismus  unbedingt  inter- 
essiert. Für  die  Arbeiterklasse  ist  die  Beseitigung  aller  Überreste  der  alten 
Zeit,  die  der  breiten,  freien  und  raschen  Entwicklung  des  Kapitalismus 
hinderlidi  sind,  unbedingt  von  Vorteil.  Die  bürgerliche  Revolution  ist  eben 
eine  solche 'Umwälzung,  die  am  entschiedensten  die  Überreste  der  alten 
Zeit,  die  Überreste  der  Leibeigenschaft  (zu  diesen  Überresten  gehört  nicht 
nur  die  Selbstherrschaft,  sondern  auch  die  Monarchie)  hinwegfegt,  die 
am  vollständigsten  die  breiteste,  freieste  und  rascheste  Entwicklung  des 
Kapitalismus  gewährleistet. 

Deshalb  ist  die  bürgerliche  Revolution  für  das  Proletariat  im  höchsten 
Qrade  vorteilhaft.  Die  bürgerliche  Revolution  ist  im  Interesse  des  Proleta- 
riats unbedingt  notwendig.  Je  vollständiger  und  entschiedener,  je  konse- 
quenter die  bürgerliche  Revolution  sein  wird,  desto  gesicherter  wird  der 
Kampf  des  Proletariats  gegen  die  Bourgeoisie  für  den  Sozialismus  sein. 
Nur  Leuten,  die  das  Abc  des  wissenschaftlichen  Sozialismus  nicht  kennen, 
kann  diese  Schlußfolgerung  neu  oder  seltsam,  ja  paradox  erscheinen.  Aus 
dieser  Schlußfolgerung  ergibt  sich  übrigens  auch  die  These,  daß  in  einem 
gewissen  Sinne  die  bürgerliche  Revolution  für  das  Proletariat  vorteilhafter 
ist  als  für  die  Bourgeoisie.  Und  zwar  unterliegt  diese  These  gerade  in 
folgendem  Sinne  keinem  Zweifel:  Für  die  Bourgeoisie  ist  es  vorteilhaft, 
sich  gegen  das  Proletariat  auf  einige  Überreste  der  alten  Zeit  zu  stützen, 
zum  Beispiel  auf  die  Monarchie,  auf  das  stehende  Heer  u.  dgl.  m.  Für  die 
Bourgeoisie  ist  es  vorteilhaft,  daß  die  bürgerliche  Revolution  nicht  gar  zu 
entschieden  alle  Überreste  der  alten  Zeit  hinwegfegt,  sondern  einige  von 
ihnen  bestehen  läßt,  daß  also  diese  Revolution  nicht  völlig  konsequent  ist, 
nidit  bis  zu  Ende  geht,  nicht  entsdiieden  und  schonungslos  ist.  Diesen  Ge- 
danken drücken  die  Sozialdemokraten  oft  etwas  anders  aus,  wenn  sie 
sagen,  die  Bourgeoisie  werde  sich  selbst  untreu,  die  Bourgeoisie  verrate 
die  Sache  der  Freiheit,  die  Bourgeoisie  sei  unfähig  zu  einem  konsequenten 


38 


W.  3.  Lenin 


Demokratismus.  Für  die  Bourgeoisie  ist  es  vorteilhafter,  daß  sich  die  not- 
wendigen Umgestaltungen  in  bürgerlich-demokratischer  Richtung  lang- 
samer, allmählicher,  vorsichtiger,  unentschiedener,  auf  dem  Wege  von  Re- 
formen und  nicht  auf  dem  Wege  der  Revolution  vollziehen;  daß  diese 
Umgestaltungen  die  „ehrwürdigen"  Einrichtungen  aus  der  Zeit  der  Leib- 
eigenschaft (wie  die  Monardüe)  möglichst  schonen;  daß  diese  Umgestal- 
tungen die  revolutionäre  Aktivität,  Initiative  und  Energie  des  einfachen 
Volkes,  d.  h.  der  Bauernschaft  und  insbesondere  der  Arbeiter,  möglichst 
wenig  entwickeln,  denn  sonst  wird  es  den  Arbeitern  um  so  leichter  fallen, 
„das  Gewehr  von  einer  Schulter  auf  die  andere  zu  legen",  wie  die  Fran- 
zosen sagen,  d.  h.  die  Waffen,  mit  denen  die  bürgerliche  Revolution  sie 
ausrüstet,  die  Freiheit,  die  sie  ihnen  gibt,  und  die  demokratischen  Ein- 
richtungen, die  auf  dem  von  der  Leibeigenschaft  gesäuberten  Boden  ent- 
stehen, gegen  die  Bourgeoisie  selbst  zu  kehren. 

Umgekehrt  ist  es  für  die  Arbeiterklasse  vorteilhafter,  daß  sich  die  not- 
wendigen Umgestaltungen  in  bürgerlich-demokratischer  Richtung  gerade 
nicht  auf  dem  Wege  von  Reformen,  sondern  auf  revolutionärem  Wege 
vollziehen,  denn  der  Weg  der  Reformen  ist  ein  Weg  der  Verschleppung, 
der  Amtsschimmelei,  des  qualvoll  langsamen  Absterbens  der  faulenden 
Teile  des  Volks  Organismus.  Unter  dieser  Fäulnis  leiden  zuerst  und  zumeist 
das  Proletariat  und  die  Bauernschaft.  Der  revolutionäre  Weg  ist  der  Weg 
der  raschen,  für  das  Proletariat  am  wenigsten  schmerzhaften  Operation; 
er  ist  der  Weg  der  direkten  Entfernung  der  faulenden  Teile,  der  Weg  der 
geringsten  Nachgiebigkeit  und  Nachsicht  gegenüber  der  Monarchie  und 
den  ihr  entsprechenden  abscheulichen  und  widerlichen,  verfaulten  und  mit 
ihrer  Fäulnis  die  Luft  verpestenden  Einrichtungen. 

Eben  deshalb  und  keineswegs  nur  aus  Zensurrücksichten,  nicht  nur  aus 
Angst  vor  der  hohen  Obrigkeit  vergießt  unsere  bürgerlich-liberale  Presse 
Tränen  über  die  Möglichkeit  des  revolutionären  Weges,  fürchtet  sie  die 
Revolution,  schreckt  sie  den  Zaren  mit  der  Revolution,  bemüht  sie  sich,  die 
Revolution  zu  vermeiden,  bettelt  sie  knechtisch  und  kriecherisch  um  kläg- 
liche Reformen,  um  den  Weg  der  Reformen  zu  ebnen.  Auf  diesem  Stand- 
punkt stehen  nidit  nur  die  „Russkije  Wedomosti"  [Russische  Nachrichten], 
„Syn  Otetschestwa"  [Sohn  des  Vaterlandes],  „Nascha  Shisn"  [Unser 
Leben]  und  „Naschi  Dni"  [Unsere  Tage],  sondern  auch  das  illegale,  freie 
„Oswoboshdenije".  Eben  die  Lage  der  Bourgeoisie  als  Klasse  in  der  kapi- 


Zwei  Zaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  39 


talistischen  Gesellschaft  erzeugt  unvermeidlich  ihre  Inkonsequenz  in  der 
demokratischen  Umwälzung.  Eben  die  Lage  des  Proletariats  als  Klasse 
zwingt  es,  konsequent  demokratisch  zu  sein.  Die  Bourgeoisie  blickt  nach 
rückwärts,  sie  fürchtet  den  demokratischen  Fortschritt,  der  mit  der  Gefahr 
einer  Erstarkung  des  Proletariats  droht.  Das  Proletariat  hat  nichts  zu  ver- 
lieren als  seine  Ketten,  wird  aber  mit  Hilfe  des  Demokratismus  die  ganze 
Welt  gewinnen.  Je  konsequenter  daher  die  bürgerliche  Revolution  in  ihren 
■demokratischen  Umgestaltungen  ist,  desto  weniger  beschränkt  sie  sich  auf 
das,  was  ausschließlich  für  die  Bourgeoisie  von  Vorteil  ist.  Je  konsequenter 
die  bürgerliche  Revolution  ist,  desto  mehr  Vorteile  sichert  sie  in  der  demo- 
kratischen Umwälzung  dem  Proletariat  und  der  Bauernschaft. 

Der  Marxismus  lehrt  den  Proletarier  nicht,  sich  von  der  bürgerlichen 
Revolution  femzuhalten,  auf  die  Teilnahme  an  ihr  zu  verzichten,  die  Füh- 
rung in  ihr  der  Bourgeoisie  zu  überlassen,  sondern  im  Gegenteil,  er  lehrt 
die  energischste  Teilnahme,  den  entschlossensten  Kampf  für  den  konse- 
quenten proletarischen  Demokratismus,  für  die  Durchführung  der  Revo- 
lution bis  zu  Ende.  Wir  können  den  bürgerlich-demokratischen  Rahmen 
der  russischen  Revolution  nicht  sprengen,  wir  können  aber  diesen  Rahmen 
gewaltig  erweitern,  wir  können  und  müssen  innerhalb  dieses  Rahmens  für 
die  Interessen  des  Proletariats,  für  seine  unmittelbaren  Bedürfnisse  und 
für  solche  Bedingungen  kämpfen,  die  es  ermöglichen,  seine  Kräfte  für  den 
künftigen  vollen  Sieg  vorzubereiten.  Es  gibt  bürgerliche  Demokratie  und 
bürgerliche  Demokratie.  Auch  der  monarchistische  Semstwomann,  der  An- 
hänger eines  Oberhauses,  der  das  allgemeine  Wahlrecht  „fordert",  aber 
insgeheim,  in  aller  Stille,  mit  dem  Zarismus  über  eine  gestutzte  Verfas- 
sung handelseins  wird,  ist  ein  bürgerlicher  Demokrat.  Und  der  Bauer,  der 
mit  der  Waffe  in  der  Hand  gegen  die  Gutsbesitzer  und  Beamten  zieht  und 
„naiv-republikanisch"  vorschlägt,  „den  Zaren  davonzujagen"*,  ist  eben- 
falls ein  bürgerlicher  Demokrat.  Es  gibt  solche  bürgerlich-demokratischen 
Verhältnisse  wie  in  Deutschland  und  solche  wie  in  England;  solche  wie  in 
Österreich  und  solche  wie  in  Amerika  oder  in  der  Schweiz.  Der  wäre  ein 
schöner  Marxist,  der  in  der  Epoche  der  demokratischen  Umwälzung  diesen 
Unterschied  zwischen  den  Abstufungen  des  Demokratismus  und  zwischen 
dem  verschiedenartigen  Charakter  der  einen  oder  anderen  seiner  Formen 


* Siehe  „Oswoboshdenije"  Nr.  71,  S.  337,  Anm.  2. 


40 


W.  ].  Lenin 


übersähe  und  sich  auf  das  „Klügeln“  darüber  beschränken  wollte,  daß  das 
ja  alles  „bürgerliche  Revolution"  sei  und  Früchte  der  „bürgerlichen  Revo- 
lution" seien. 

Zu  dieser  Sorte  Klügler,  die  mit  ihrer  Kurzsichtigkeit  wichtig  tun,  ge- 
hören aber  gerade  unsere  Neuiskristen.  Sie  beschränken  sich  darauf,  über  ■ 
den  bürgerlichen  Charakter  der  Revolution  ausgerechnet  dann  und  dort 
Betrachtungen  anzustellen,  wo  man  es  verstehen  muß,  einen  Unterschied 
zwischen  der  republikanisch-revolutionären  und  der  monarchistisch-libera- 
len bürgerlichen  Demokratie  zu  machen,  ganz  zu  schweigen  von  dem 
Unterschied  zwischen  dem  inkonsequenten  bürgerlichen  und  dem  konse- 
quenten proletarischen  Demokratismus.  Sie  begnügen  sich,  als  wären  sie 
wirklich  zu  „Menschen  im  Futteral"  * geworden,  mit  melancholischen 
Redensarten  über  den  „Prozeß  des  beiderseitigen  Kampfes  zwischen  den 
gegensätzlichen  Klassen",  wenn  es  darum  geht,  der  gegenwärtigen  Revo- 
lution eine  demokratische  Tührung  zu  geben,  die  fortschrittlichen  demo- 
kratischen Losungen  zum  Unterschied  von  den  verräterischen  Losungen 
der  Herren  Struve  und  Konsorten  hervorzuheben  und  die  nächsten  Auf- 
gaben des  wirklidt  revolutionären  Kampfes  des  Proletariats  und  der 
Bauernschaft  im  Untersdiied  zum  liberalen  Maklertum  der  Gutsbesitzer 
und  Fabrikanten  klipp  und  klar  aufzuzeigen.  Der  Kern  der  Frage,  den  Sie, 
meine  Herren,  übersehen  haben,  ist  jetzt  eben  der,  ob  unsere  Revolution 
mit  einem  wirklich  grandiosen  Sieg  oder  nur  mit  einem  erbärmlichen 
Kompromiß  absdtließen  wird,  ob  sie  bis  zur  revolutionären  demokrati- 
schen Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft  gelangen  oder  ob  ihr 
schon  bei  einer  liberalen  Schipowschen  Verfassung  „der  Atem  ausgehen" 
wird! 

Auf  den  ersten  Blick  könnte  es  scheinen,  als  wichen  wir  dadurch,  daß 
wir  diese  Frage  stellen,  von  unserem  Thema  völlig  ab.  Aber  so  scheint  es 
nur  auf  den  ersten  Blick.  In  Wirklichkeit  liegt  gerade  in  dieser  Frage  die 
Wurzel  der  prinzipiellen  Differenz,  die  sdion  jetzt  zwischen  der  sozial- 
demokratischen Taktik  des  III.  Parteitags  der  Sozialdemokratischen  Ar- 
beiterpartei Rußlands  und  der  Taktik,  die  auf  der  Konferenz  der  Neu- 
iskristen festgelegt  wurde,  klar  hervorgetreten  ist.  Die  letzteren  haben 
schon  heute  nicht  zwei,  sondern  drei  Schritte  zurück  gemacht,  denn  sie 

* „Der  Mann  im  Futteral" —Titelheld  einer  Erzählung  von  A.P. Tschechow. 
Der  Tibers. 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revoi ution  41 


haben  bei  der  Lösung  der  für  die  Arbeiterpartei  unvergleichlich  kompli- 
zierteren, sdiwerwiegenderen  und  lebenswichtigeren  Fragen  ihrer  Taktik 
im  Augenblick  der  Revolution  die  Fehler  des  Ökonomismus  zu  neuem 
Leben  erweckt.  Und  eben  deshalb  müssen  wir  bei  der  Untersuchung  der 
gestellten  Frage  mit  aller  Aufmerksamkeit  zu  Werke  gehen. 

In  dem  von  uns  zitierten  Teil  der  neuiskristischen  Resolution  ist  ein 
"Hinweis  auf  die  Gefahr  enthalten,  daß  sich  die  Sozialdemokratie  im 
Kampf  gegen  die  inkonsequente  Politik  der  Bourgeoisie  die  Hände  binden, 
daß  sie  in  der  bürgerlichen  Demokratie  aufgehen  könne.  Der  Gedanke  an 
diese  Gefahr  zieht  sich  wie  ein  roter  Faden  durch  die  ganze  spezifisch 
neuiskristische  Literatur,  dieser  Gedanke  ist  der  wahre  Kern  der  ganzen 
prinzipiellen  Stellung  in  unserer  Parteispaltung  (seitdem  das  Element  des 
Gezänks  in  dieser  Spaltung  vor  dem  Element  der  Wendung  zum  Ökono- 
mismus völlig  in  den  Hintergrund  getreten  ist).  Und  wir  erkennen  ohne 
alle  Umschweife  an,  daß  diese  Gefahr  wirklich  besteht,  daß  diese  Gefahr 
gerade  jetzt,  da  sich  die  russische  Revolution  stürmisch  entfaltet,  besonders 
ernst  geworden  ist.  Uns  allen,  den  Theoretikern  oder  — wie  ich  von  mir 
lieber  sagen  würde  — den  Publizisten  der  Sozialdemokratie,  obliegt  die 
unaufschiebbare  und  außerordentlich  verantwortliche  Aufgabe,  zu  unter- 
suchen, von  welcher  Seite  diese  Gefahr  in  Wirklichkeit  droht.  Denn  die 
Quelle  unserer  Meinungsverschiedenheit  liegt  nicht  in  dem  Streit  darüber, 
ob  eine  solche  Gefahr  vorhanden  ist,  sondern  in  dem  Streit  darüber,  ob  sie 
durch  die  sogenannte  Nachtrabpolitik  der  „Minderheit"  oder  durch  den 
sogenannten  Revolutionarismus  der  „Mehrheit"  hervorgerufen  wird. 

Um  Mißdeutungen  und  Mißverständnisse  zu  beseitigen,  wollen  wir  vor 
allem  bemerken,  daß  die  Gefahr,  von  der  wir  sprechen,  nicht  in  der  sub- 
jektiven, sondern  in  der  objektiven  Seite  der  Sache  liegt,  nicht  in  der  for- 
mellen Stellung,  welche  die  Sozialdemokratie  im  Kampfe  beziehen  wird, 
sondern  im  materiellen  Ausgang  des  ganzen  gegenwärtigen  revolutionären 
Kampfes.  Nicht  das  ist  die  Frage,  ob  diese  oder  jene  sozialdemokratischen 
Gruppen  in  der  bürgerlichen  Demokratie  aufgehen  wollen,  ob  sie  sich  des- 
sen bewußt  sind,  daß  sie  in  ihr  aufgehen  — davon  ist  gar  nidit  die  Rede. 
Wir  verdächtigen  keinen  Sozialdemokraten,  einen  solchen  Wunsch  zu 
haben,  und  nicht  auf  den  Wunsch  kommt  es  hier  an.  Die  Frage  ist  auch 
nicht,  ob  diese  oder  jene  sozialdemokratischen  Gruppen  ihre  formelle 
Selbständigkeit,  Sonderstellung  und  Unabhängigkeit  gegenüber  der  bür- 


4 Lenin,  Werke,  Bd.  9 


42 


IV.  J.  Lenin 


gerlichen  Demokratie  während  des  ganzen  Verlaufs  der  Revolution  be- 
wahren werden.  Sie  können  diese  ihre  „Selbständigkeit"  nicht  nur  ver- 
künden, sondern  sie  sogar  formell  bewahren,  und  nichtsdestoweniger 
kann  die  Sadhe  so  ausgeben,  daß  sie  im  Kampf  gegen  die  Inkonsequenz  der 
Bourgeoisie  mit  gebundenen  Händen  dastehen  werden.  Als  politische 
Schlußbilanz  der  Revolution  kann  sich  herausstellen,  daß  die  Sozialdemo- 
kratie trotz  ihrer  formellen  „Selbständigkeit",  trotz  ihrer  vollen  organisa- 
torischen Sonderstellung  als  Partei  sich  in  Wirklichkeit  nicht  als  selbstän- 
dig erweist,  sich  nicht  als  fähig  erweist,  dem  Gang  der  Ereignisse  den 
Stempel  ihrer  proletarischen  Selbständigkeit  aufzudrücken,  sondern  sich 
als  so  schwach  erweist,  daß  im  großen  und  ganzen,  im  Endergebnis,  als 
Schlußbilanz,  ihr  „Aufgehen"  in  der  bürgerlichen  Demokratie  dennoch 
zur  historischen  Tatsache  wird. 

Eben  darin  besteht  die  wirkliche  Gefahr.  Und  nun  wollen  wir  sehen, 
von  welcher  Seite  sie  droht:  Von  dem  Abweichen  der  Sozialdemokratie 
nach  rechts  in  Gestalt  der  neuen  „Iskra",  wie  wir  glauben,  oder  von  ihrem 
Abweichen  nach  links  in  Gestalt  der  „Mehrheit",  des  „Wperjod"  usw., 
wie  die  Neuiskristen  glauben. 

Die  Lösung  dieser  Frage  wird,  wie  wir  schon  gezeigt  haben,  durch  das 
objektive  Zusammenwirken  der  verschiedenen  gesellschaftlichen  Kräfte 
bestimmt.  Der  Charakter  dieser  Kräfte  ist  theoretisch  durch  die  marxi- 
stische Analyse  der  russischen  Wirklichkeit  bestimmt  worden  und  wird 
jetzt  praktisch  durch  das  offene  Auftreten  der  Gruppen  und  Klassen  im 
Verlauf  der  Revolution  bestimmt.  Die  ganze  theoretische  Analyse,  die 
schon  lange  vor  der  jetzigen  Epoche  von  den  Marxisten  vorgenommen 
worden  ist,  wie  auch  alle  praktischen  Beobachtungen  hinsichtlich  der  Ent- 
wicklung der  revolutionären  Ereignisse  zeigen  uns  nun,  daß  die  Revolution 
in  Rußland  vom  Standpunkt  der  objektiven  Bedingungen  auf  zweierlei  Art 
verlaufen  und  ausgehen  kann.  Die  Umgestaltung  der  ökonomischen  und 
politischen  Ordnung  Rußlands  in  bürgerlich-demokratischer  Richtung  ist 
unvermeidlich  und  unabwendbar.  Es  gibt  keine  Kraft  auf  Erden,  die  eine 
solche  Umgestaltung  verhindern  könnte.  Aber  aus  dem  Zusammenwirken 
der  vorhandenen  Kräfte,  die  diese  Umgestaltung  hervorbringen,  können 
sich  zweierlei  Resultate  oder  zweierlei  Formen  dieser  Umgestaltung  er- 
geben. Eines  von  beiden:  1.  entweder  endet  das  Ganze  mit  einem  „ent- 
scheidenden Sieg  der  Revolution  über  den  Zarismus"  oder  2.  die  Kräfte 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  43 

reichen  für  einen  entscheidenden  Sieg  nicht  aus,  und  das  Ganze  endet  mit 
einem  Pakt  zwischen  dem  Zarismus  und  den  „inkonsequentesten"  und 
„eigennützigsten"  Elementen  der  Bourgeoisie.  All  die  unendliche  Mannig- 
faltigkeit der  Details  und  Kombinationen,  die  vorauszusehen  niemand  im- 
stande ist,  reduziert  sich  im  großen  und  ganzen  gerade  auf  die  eine  oder 
die  andere  dieser  zwei  Möglichkeiten. . 

Betrachten  wir  nun  diese  Möglichkeiten,  erstens  vom  Gesichtspunkt 
ihrer  sozialen  Bedeutung  und  zweitens  vom  Gesichtspunkt  der  Lage  der 
Sozialdemokratie  (ihres  „Aufgehens"  oder  ihrer  „gebundenen  Hände") 
bei  dem  einen  und  dem  anderen  Ausgang. 

Was  ist  „ein  entscheidender  Sieg  der  Revolution  über  den  Zarismus"  ? 
Wir  haben  schon  gesehen,  daß  die  Neuiskristen  diesen  Ausdruck  gebrau- 
chen, ohne  dabei  auch  nur  seine  nädistliegende  politische  Bedeutung  zu 
verstehen.  Noch  weniger  ist  bei  ihnen  davon  etwas  zu  merken,  daß  sie 
den  Klasseninhalt  dieses  Begriffs  verstehen.  Wir  Marxisten  dürfen  uns 
jedoch  in  keinem  Falle  von  Worten  wie  „Revolution"  oder  „große  rus- 
sische Revolution"  blenden  lassen,  so  wie  sich  jetzt  viele  revolutionäre  De- 
mokraten (vom  Schlage  Gapons)  von  ihnen  blenden  lassen.  Wir  müssen 
uns  genau  Rechenschaft  darüber  ablegen,  welche  realen  gesellschaftlichen 
Kräfte  sich  dem  „Zarismus"  (das  ist  eine  durchaus  reale,  für  alle  durch- 
aus verständliche  Kraft)  entgegenstellen  und  fähig  sind,  einen  „entschei- 
denden Sieg"  über  ihn  zu  erringen.  Die  Großbourgeoisie,  die  Gutsbesitzer, 
die  Fabrikanten,  die  „gute  Gesellschaft",  die  hinter  den  Oswoboshdenzen 
steht,  können  diese  Kraft  nicht  sein.  Wir  sehen,  daß  sie  einen  entscheiden- 
den Sieg  auch  gar  nicht  wollen.  Wir  wissen,  daß  sie  infolge  ihrer  Klassen- 
lage zu  einem  entschlossenen  Kampf  gegen  den  Zarismus  nicht  fähig  sind: 
das  Privateigentum,  das  Kapital,  der  Grund  und  Boden  sind  ein  viel  zu 
schweres  Bleigewicht  an  ihren  Füßen,  als  daß  sie  einen  entschlossenen 
Kampf  führen  könnten.  Sie  brauchen  viel  zu  sehr  den  Zarismus,  seine 
polizeilich-bürokratischen  und  militärischen  Kräfte,  gegen  das  Proletariat 
und  die  Bauernschaft,  als  daß  sie  die  Vernichtung  des  Zarismus  anstreben 
könnten.  Nein,  die  Kraft,  die  fähig  ist,  einen  „entscheidenden  Sieg  über 
den  Zarismus"  zu  erringen,  kann  nur  das  Volk  sein,  d.  h.  das  Proletariat 
und  die  Bauernschaft,  wenn  man  die  grundlegenden,  ausschlaggebenden 
Kräfte  nimmt  und  die  ländliche  und  städtische  Kleinbourgeoisie  (die  auch 
zum  „Volk"  gehört)  zwischen  ihnen  aufteilt.  Ein  „entscheidender  Sieg  der 


4* 


44 


IV.  7.  Lenin 


Revolution  über  den  Zarismus"  ist  die  revolutionär-demokratisdbe  Dikta- 
tur des  ‘Proletariats  und  der  Bauernsdhaft.  Dieser  Schlußfolgerung,  auf  die 
vom  „Wperjod"  schon  längst  hingewiesen  worden  ist,  können  sich  unsere 
Neuiskristen  nicht  entziehen.  Es  gibt  sonst  niemanden,  der  einen  entschei- 
denden Sieg  über  den  Zarismus  erringen  könnte. 

Und  ein  solcher  Sieg  wird  eben  eine  Diktatur  sein,  d.  h.,  er  wird  sich 
unvermeidlich  auf  militärische  Gewalt,  auf  die  Bewaffnung  der  Massen, 
auf  den  Aufstand  stützen  müssen,  nicht  aber  auf  diese  oder  jene,  auf  „le- 
galem", „friedlichem  Wege"  geschaffene  Einrichtungen.  Das  kann  nur  eine 
Diktatur  sein,  denn  die  Verwirklichung  der  für  das  Proletariat  und  die 
Bauernschaft  unverzüglich  und  unabweislich  notwendigen  Umgestaltun- 
gen wird  den  erbitterten  Widerstand  sowohl  der  Gutsbesitzer  als  auch  der 
Großbourgeoisie  und  des  Zarismus  hervorrufen.  Ohne  Diktatur  ist  es  un- 
möglich, diesen  Widerstand  zu  brechen,  die  konterrevolutionären  An- 
schläge abzuwehren.  Doch  selbstverständlich  wird  das  keine  sozialistische, 
sondern  eine  demokratische  Diktatur  sein.  Sie  wird  (ohne  eine  ganze 
Reihe  Zwischenstufen  der  revolutionären  Entwicklung)  nicht  imstande  sein, 
die  Grundlagen  des  Kapitalismus  anzutasten.  Sie  wird  im  besten  Fall  im- 
stande sein,  eine  radikale  Neuverteilung  des  Grundeigentums  zugunsten 
der  Bauernschaft  vorzunehmen,  einen  konsequenten  und  vollen  Demokra- 
tismus bis  zur  Errichtung  der  Republik  durchzuführen,  alle  asiatischen 
Wesenszüge  und  Knechtschaftsverhältnisse  im  Leben  nicht  nur  des  Dor- 
fes, sondern  auch  der  Fabrik  auszumerzen,  für  eine  ernsthafte  Verbesse- 
rung der  Lage  der  Arbeiter,  für  die  Flebung  ihrer  Lebenshaltung  den 
Grund  zu  legen  und  schließlich,  last  but  not  least*,  den  revolutionären 
Brand  nach  Europa  zu  tragen.  Ein  solcher  Sieg  wird  aus  unserer  bürger- 
lichen Revolution  noch  keineswegs  eine  sozialistische  machen;  die  demo- 
kratische Umwälzung  wird  über  den  Rahmen  der  bürgerlichen  gesell- 
schaftlich-ökonomischen Verhältnisse  nicht  unmittelbar  hinausgehen;  aber 
nichtsdestoweniger  wird  die  Bedeutung  eines  solchen  Sieges  für  die  künf- 
tige Entwicklung  sowohl  Rußlands  als  auch  der  ganzen  Welt  gigantisch 
sein.  Nichts  wird  die  revolutionäre  Energie  des  Weltproletariats  so  sehr 
steigern,  nichts  wird  den  Weg,  der  zu  seinem  vollen  Siege  führt,  so  sehr 
abkürzen  wie  dieser  entscheidende  Sieg  der  in  Rußland  begonnenen 
Revolution. 


* als  Letztes,  aber  nicht  Geringstes. 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  45 

Inwieweit  ein  solcher  Sieg  wahrscheinlich  ist,  das  ist  eine  andere  Frage. 
Wir  neigen  diesbezüglich  keineswegs  zu  unbesonnenem  Optimismus,  wir 
vergessen  durchaus  nicht  die  ungeheuren  Schwierigkeiten  dieser  Aufgabe, 
aber  wenn  wir  in  den  Kampf  ziehen,  müssen  wir  den  Sieg  wollen  und  den 
richtigen  Weg  zu  ihm  zeigen  können.  Die  Tendenzen,  die  diesen  Sieg  her- 
beizuführen vermögen,  sind  unbestreitbar  vorhanden.  Freilich,  unser 
sozialdemokratischer  Einfluß  auf  die  Masse  des  Proletariats  ist  noch 
äußerst  ungenügend;  die  revolutionäre  Einwirkung  auf  die  Masse  der 
Bauern  ist  verschwindend  gering;  die  Zersplitterung,  die  Rückständigkeit, 
die  Unwissenheit  des  Proletariats  und  besonders  der  Bauernschaft  sind 
noch  furchtbar  groß.  Aber  die  Revolution  schweißt  rasch  zusammen  und 
klärt  rasch  auf.  Jeder  Schritt  ihrer  Entwicklung  rüttelt  die  Massen  auf  und 
zieht  sie  mit  unwiderstehlicher  Kraft  gerade  auf  die  Seite  des  revolutionä- 
ren Programms,  das  allein  ihre  wirklichen,  ureigenen  Interessen  konse- 
quent und  vollständig  zum  Ausdruck  bringt. 

Ein  Gesetz  der  Mechanik  lautet:  Die  Wirkung  ist  gleich  der  Gegenwir- 
kung. In  der  Geschichte  hängt  die  zerstörende  Kraft  der  Revolution  in 
nicht  geringem  Maße  auch  davon  ab,  wie  stark  und  andauernd  die  Unter- 
drückung der  Freiheitsbestrebungen  war  und  wie  tief  der  Widerspruch 
zwischen  dem  vorsintflutlichen  „überbau"  und  den  lebendigen  Kräften 
der  gegenwärtigen  Epoche  ist.  Auch  die  internationale  politische  Situation 
gestaltet  sich  in  vieler  Hinsicht  für  die  rassische  Revolution  so  günstig  wie 
nur  möglich.  Der  Aufstand  der  Arbeiter  und  der  Bauern  hat  schon  begon- 
nen; er  ist  zersplittert,  spontan  und  schwach,  aber  er  beweist  unbestreitbar 
und  unbedingt  das  Vorhandensein  von  Kräften,  die  zu  einem  entschlosse- 
nen Kampf  fähig  sind  und  einem  entscheidenden  Sieg  entgegengehen. 

Reichen  diese  Kräfte  nicht  aus,  so  wird  es  dem  Zarismus  gelingen,  einen 
Pakt  zu  schließen,  der  denn  auch  schon  von  zwei  Seiten  vorbereitet  wird, 
sowohl  von  den  Herren  Bulygin  als  auch  von  den  Herren  Struve.  Dann 
wird  die  Sache  mit  einer  gestutzten  Verfassung  oder  sogar  — im  aller- 
schlimmsten  Fall  — mit  einer  Parodie  auf  eine  Verfassung  enden.  Das  wird 
auch  eine  „bürgerliche  Revolution"  sein,  freilich  eine  Fehlgeburt,  ein  Zerr- 
bild, eine  Mißgestalt.  Die  Sozialdemokratie  macht  sich  keine  Illusionen, 
sie  kennt  die  verräterische  Natur  der  Bourgeoisie,  sie  wird  den  Mut  nicht 
sinken  lassen  und  ihre  beharrliche,  geduldige,  unentwegte  Arbeit  an  der 
Klassenerziehung  des  Proletariats  selbst  im  allergrauesten  Alltag  der 


46 


TV.  1 Lenin 


bürgerlich-konstitutionellen  „Schipowschen"  Glückseligkeit  nicht  auf  geben. 
Ein  solcher  Ausgang  gliche  mehr  oder  weniger  dem  Ausgang  fast  aller 
demokratischen  Revolutionen  in  Europa  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts, 
und  unsere  Parteientwicklung  beschritte  dann  einen  mühsamen,  schweren, 
langen,  aber  bekannten  und  ausgetretenen  Pfad. 

Es  fragt  sich  nun,  in  welchem  dieser  beiden  möglichen  Fälle  wird  die 
Sozialdemokratie  gegenüber  der  inkonsequenten  und  eigennützigen  Bour- 
geoisie faktisch  mit  gebundenen  Händen  dastehen?  in  der  bürgerlichen 
Demokratie  faktisch  „aufgegangen"  oder  fast  aufgegangen  sein? 

Es  genügt,  diese  Frage  klar  zu  stellen,  damit  man  sie,  ohne  auch  nur 
einen  Augenblick  zu  schwanken,  beantworten  kann. 

Gelingt  es  der  Bourgeoisie,  die  russische  Revolution  durch  einen  Pakt 
mit  dem  Zarismus  zum  Scheitern  zu  bringen,  dann  werden  der  Sozial- 
demokratie faktisch  eben  die  Hände  gegenüber  der  inkonsequenten  Bour- 
geoisie gebunden  sein,  dann  wird  die  Sozialdemokratie  in  der  bürgerlichen 
Demokratie  in  dem  Sinne  „aufgegangen"  sein,  daß  es  dem  Proletariat 
nicht  gelingen  wird,  der  Revolution  seinen  klaren  Stempel  aufzudrücken 
und  mit  dem  Zarismus  auf  proletarische  oder,  wie  Marx  einst  sagte, 
„plebejische  Manier"  fertig  zu  werden. 

Gelingt  der  entscheidende  Sieg  der  Revolution,  dann  werden  wir  mit 
dem  Zarismus  auf  jakobinische  oder,  wenn  ihr  wollt,  plebejische  Manier 
fertig  werden.  „Der  ganze  französische  Terrorismus",  schrieb  Marx  1848 
in  der  berühmten  „Neuen  Rheinischen  Zeitung",  „war  nichts  als  eine 
plebejische  Manier,  mit  den  Jeinden  der  Bourgeoisie,  dem  Absolutismus, 
dem  Feudalismus  und  dem  Spießbürgertum  fertig  zu  werden"  (siehe 
Marx5  Nachlaß,  herausgegeben  von  Mehring,  Bd.  III,  S.  211)13.  Haben 
die  Leute,  die  die  sozialdemokratischen  russischen  Arbeiter  mit  dem  Po- 
panz des  „Jakobinertums"  in  der  Epoche  der  demokratischen  Revolution 
schrecken,  jemals  über  die  Bedeutung  dieserWorte  von  Marx  nachgedacht? 

Die  Girondisten  der  heutigen  russischen  Sozialdemokratie,  die  Neu- 
iskristen,  verschmelzen  sich  nicht  mit  den  Oswoboshdenzen,  erweisen  sich 
aber  kraft  des  Charakters  ihrer  Losungen  faktisch  in  deren  Nachtrab.  Die 
Oswoboshdenzen  aber,  d.  h.  die  Vertreter  der  liberalen  Bourgeoisie,  möch- 
ten mit  der  Selbstherrschaft  auf  sanfte,  reformerische  Art  fertig  werden, - 
nachgiebig,  ohne  der  Aristokratie,  dem  Adel,  dem  Hof  weh  zu  tun,-  vor- 
sichtig, ohne  etwas  zu  zerbrechen;  liebenswürdig  und  höflich,  vornehm 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  47 


und  in  Glacehandschuhen  (wie  Herr  Petrunkewitsch  sie  sich  beim  Empfang 
der  „Volksvertreter"  (?)  durch  Nikolaus  den  Blutigen  von  einem  Polizei- 
schergen ausborgte;  siehe  „Proletari"  Nr.  5*). 

Die  Jakobiner  der  heutigen  Sozialdemokratie  — die  Bolschewiki,  die 
Anhänger  des  „Wperjod",  des  Parteitags  oder  des  „Proletari",  idi  weiß 
wirklich  nicht,  wie  ich  sagen  soll  — wollen  mit  ihren  Losungen  das  revolu- 
tionäre und  republikanische  Kleinbürgertum  und  besonders  die  Bauern- 
schaft auf  das  Niveau  des  konsequenten  Demokratismus  des  Proletariats 
heben,  das  seine  Sonderstellung  als  Klasse  dabei  voll  bewahrt.  Sie  wollen, 
daß  das  Volk,  d.  h.  das  Proletariat  und  die  Bauernschaft,  mit  der  Monar- 
chie und  der  Aristokratie  auf  „plebejische  Manier"  fertig  wird,  indem  es 
die  Feinde  der  Freiheit  schonungslos  vernichtet,  ihren  Widerstand  mit  Ge- 
walt bricht  und  dem  verfluchten  Erbe  der  Leibeigenschaft,  des  Asiatentums 
und  der  Schändung  des  Menschen  keinerlei  Konzession  macht. 

Das  bedeutet  natürlich  nicht,  daß  wir  unbedingt  die  Jakobiner  von  Anno 
1793  nachahmen,  ihre  Ansichten,  ihr  Programm,  ihre  Losungen  und 
Aktionsmethoden  übernehmen  wollen.  Nichts  dergleichen.  Wir  haben  nicht 
das  alte,  sondern  ein  neues  Programm  — das  Minimalprogramm  der  So- 
zialdemokratischen Arbeiterpartei  Rußlands.  Wir  haben  eine  neue  Losung: 
die  revolutionäre  demokratische  Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauern- 
schaft. Und  wir  werden,  falls  wir  den  wirklichen  Sieg  der  Revolution 
noch  erleben,  auch  neue  Aktionsmethoden  haben,  die  dem  Charakter  und 
den  Zielen  der  zur  vollen  sozialistischen  Umwälzung  strebenden  Par- 
tei der  Arbeiterklasse  entsprechen.  Mit  unserem  Vergleich  wollen  wir 
bloß  klarmachen,  daß  sich  die  Vertreter  der  fortgeschrittensten  Klasse  des 
20.  Jahrhunderts,  des  Proletariats,  d.  h.  die  Sozialdemokraten,  ebenso  in 
zwei  Flügel  teilen  (einen  opportunistischen  und  einen  revolutionären), 
wie  sich  die  Vertreter  der  fortgeschrittensten  Klasse  des  18.  Jahrhunderts, 
der  Bourgeoisie,  in  Girondisten  und  Jakobiner  geteilt  haben. 

Nur  im  Falle  eines  vollen  Sieges  der  demokratischen  Revolution  wird 
das  Proletariat  im  Kampf  gegen  die  inkonsequente  Bourgeoisie  nicht  mit 
gebundenen  Händen  dastehen.  Nur  in  diesem  Falle  wird  es  in  der  bürger- 
lichen Demokratie  nicht  „aufgehen",  sondern  der  ganzen  Revolution  sei- 
nen proletarischen,  richtiger  gesagt,  proletarisch-bäuerlichen  Stempel  auf- 
drücken. 


* Siehe  Werke,  4.  Ausgabe,  Bd.  8,  S.  491—495,  russ.  Die  Red. 


48 


W.  7.  Cenin 


Mit  einem  Wort:  Um  im  Kampf  gegen  die  inkonsequente  bürgerliche 
Demokratie  nicht  mit  gebundenen  Händen  dazustehen,  muß  das  Proleta- 
riat genügend  klassenbewußt  und  stark  sein,  um  die  Bauernschaft  zum 
revolutionären  Bewußtsein  emporzuheben,  ihren  Ansturm  zu  leiten  und 
auf  diese  Weise  den  konsequent  proletarischen  Demokratismus  selbständig 
durchzuführen. 

So  steht  es  mit  der  von  den  Neuiskristen  so  unglücklich  gelösten  Frage 
der  Gefahr,  im  Kampf  gegen  die  inkonsequente  Bourgeoisie  mit  gebunde- 
nen Händen  dazustehen.  Die  Bourgeoisie  wird  stets  inkonsequent  sein. 
Nichts  ist  naiver  und  fruchtloser  als  die  Versuche,  Bedingungen  oder 
Punkte  aufzustellen*,  bei  deren  Erfüllung  es  möglich  wäre,  die  bürgerliche 
Demokratie  für  einen  nicht  heuchlerischen  Freund  des  Volkes  zu  halten. 
Ein  konsequenter  Kämpfer  für  die  Demokratie  kann  nur  das  Proletariat 
sein.  Ein  siegreicher  Kämpfer  für  den  Demokratismus  kann  das  Proletariat 
nur  unter  der  Bedingung  werden,  daß  sich  die  Masse  der  Bauernschaft 
seinem  revolutionären  Kampf  anschließt.  Reicht  die  Kraft  des  Proletariats 
dazu  nicht  aus,  dann  wird  sich  die  Bourgeoisie  an  der  Spitze  der  demokra- 
tischen Revolution  erweisen  und  ihr  einen  inkonsequenten  und  eigennützi- 
gen Charakter  verleihen.  Um  das  zu  verhindern,  gibt  es  kein  anderes  Mit- 
tel als  die  revolutionär-demokratische  Diktatur  des  Proletariats  und  der 
Bauernschaft. 

Somit  kommen  wir  zu  der  unzweifelhaften  Schlußfolgerung,  daß  gerade 
die  neuiskristische  Taktik  ihrer  objektiven  Bedeutung  nach  der  bürger- 
lichen Demokratie  in  die  Hände  arbeitet.  Die  Propaganda  der  organisa- 
torischen Verschwommenheit,  die  bis  zu  Plebisziten,  zum  Prinzip  des 
Paktierens  und  zum  Losgelöstsein  der  Parteiliteratur  von  der  Partei  geht, 
die  Herabsetzung  der  Aufgaben  des  bewaffneten  Aufstands,  die  Vermen- 
gung der  das  ganze  Volk  betreffenden  politischen  Losungen  des  revolu- 
tionären Proletariats  mit  denen  der  monarchistisdren  Bourgeoisie,  die  Ent- 
stellung der  Bedingungen  des  „entscheidenden  Sieges  der  Revolution  über 
den  Zarismus"  — all  dies  zusammen  ergibt  im  revolutionären  Augenblick 
gerade  jene  Nachtrabpolitik,  die  das  Proletariat  irreführt  und  desorgani- 
siert, sein  Bewußtsein  trübt  und  die  Taktik  der  Sozialdemokratie  herab- 

* Wie  das  Starower  in  seiner  vom  III.  Parteitag  aufgehobenen  Resolution14 
zu  tun  versucht  hat  und  wie  es  die  Konferenz  in  der  nicht  minder  mißglückten 
Resolution  zu  tun  versucht. 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  49 


würdigt,  anstatt  den  einzigen  Weg  zum  Siege  zu  zeigen  und  alle  revolu- 
tionären und  republikanischen  Elemente  des  Volkes  um  die  Losung  des 
Proletariats  zusammenzuschließen. 

lim  diese  Schlußfolgerung,  zu  der  wir  auf  Grund  der  Analyse  der 
Resolution  gelangt  sind,  zu  erhärten,  wollen  wir  an  dieselbe  Frage  unter 
anderen  Gesichtspunkten  herangehen.  Betrachten  wir  erstens,  wie  der 
etwas  einfältige  und  offenherzige  Menschewik  im  georgischen  „Sozial- 
demokrat" die  neuiskristische  Taktik  illustriert.  Betrachten  wir  zweitens, 
wer  sich  in  der  gegebenen  politischen  Situation  tatsächlich  der  Losungen 
der  neuen  „Iskra"  bedient. 

7.  DIE  TAKTIK  DER  „AUSSCHALTUNG 
DER  KONSERVATIVEN  AUS  DER  REGIERUNG" 

Der  von  uns  oben  erwähnte  Artikel  im  Organ  des  menschewistischen 
Tifliser  „Komitees"  („Sozialdemokrat"  Nr.  1)  ist  betitelt  „Der  Semski 
Sobor  und  unsere  Taktik".  Der  Verfasser  hat  unser  Programm  noch  nicht 
ganz  vergessen,  er  stellt  die  Losung  der  Republik  auf,  läßt  sich  aber  über 
die  Taktik  wie  folgt  aus: 

„Zur  Erreichung  dieses  Zieles"  (der  Republik)  „kann  man  zwei  Wege  zei- 
gen : Entweder  man  läßt  den  Semski  Sobor,  der  von  der  Regierung  einberufen 
wird,  völlig  außer  acht,  stürzt  mit  der  Waffe  in  der  Hand  die  Regierung,  bildet 
eine  revolutionäre  Regierung  und  beruft  eine  konstituierende  Versammlung  ein. 
Oder  man  erklärt  den  Semski  Sobor  zum  Mittelpunkt  unserer  Aktion,  wirkt 
mit  der  Waffe  in  der  Hand  auf  seine  Zusammensetzung,  auf  seine  Tätigkeit 
ein  und  zwingt  ihn  mit  Gewalt,  sich  zur  konstituierenden  Versammlung  zu  er- 
klären, oder  beruft  durch  ihn  eine  konstituierende  Versammlung  ein.  Diese 
zwei  Taktiken  unterscheiden  sich  sehr  schroff  voneinander.  Betrachten  wir, 
welche  von  ihnen  für  uns  vorteilhafter  ist." 

So  also  legen  die  Neuiskristen  in  Rußland  die  Ideen  dar,  die  späterhin 
in  der  von  uns  analysierten  Resolution  ihren  Niederschlag  gefunden  haben. 
Das  wurde,  wohlgemerkt,  vor  Tsushima  geschrieben,  als  das  Bulyginsche 
„Projekt"  noch  gar  nicht  das  Licht  der  Welt  erblickt  hatte.  Sogar  die 
Liberalen  verloren  die  Geduld  und  äußerten  ihr  Mißtrauen  in  den  Spalten 


50 


IV.  7.  Lenin 


der  legalen  Presse;  der  neuiskristische  Sozialdemokrat  aber  zeigte  sich 
vertrauensseliger  als  die  Liberalen.  Er  erklärt,  daß  der  Semski  Sobor  „ein- 
berufen  wird",  und  vertraut  dem  Zaren  so  sehr,  daß  er  vorschlägt,  den 
noch  nicht  existierenden  Semski  Sobor  (vielleicht  sogar  eine  „Reichsduma" 
oder  einen  „gesetzberatenden  Sobor"?)  zum  Mittelpunkt  unserer  Aktion 
zu  machen.  Unser  Tifliser,  offenherziger  und  gradliniger  als  die  Verfasser 
der  von  der  Konferenz  angenommenen  Resolution,  setzt  diese  baden 
„Taktiken"  (die  er  mit  unnachahmlicher  Naivität  darlegt)  nicht  einander 
gleich,  sondern  erklärt,  daß  die  zweite  „vorteilhafter"  sei.  Man  höre: 

„Die  erste  Taktik.  Wie  bekannt,  ist  die  bevorstehende  Revolution  eine  bür- 
gerliche Revolution,  d.  h.,  sie  ist  auf  eine  solche  Änderung  der  gegenwärtigen 
Ordnung  gerichtet,  an  der  (nämlich  der  Änderung)  nicht  nur  das  Proletariat, 
sondern  auch  die  ganze  bürgerliche  Gesellschaft  interessiert  ist.  In  Opposition 
zur  Regierung  stehen  alle  Klassen,  selbst  die  Kapitalisten.  Das  kämpfende  Pro- 
letariat und  die  kämpfende  Bourgeoisie  gehen  in  einem  gewissen  Sinne  zusam- 
men und  greifen  die  Selbstherrschaft  von  verschiedenen  Seiten  gemeinsam  an. 
Die  Regierung  ist  hier  ganz  isoliert  und  genießt  keine  Sympathie  der  Gesell- 
schaft. Darum  ist  es  sehr  leicht,  sie  zu  vernichten.  Das  gesamte  russische  Pro- 
letariat ist  noch  nicht  so  klassenbewußt  und  organisiert,  daß  es  die  Revolution 
ganz  allein  durchführen  könnte.  Ja,  wenn  es  das  tun  könnte,  würde  es  keine 
bürgerliche,  sondern  eine  proletarische  (sozialistische)  Revolution  durchführen. 
Folglich  liegt  es  in  unserem  Interesse,  daß  die  Regierung  ohne  Verbündete 
bleibt,  daß  sie  nicht  imstande  ist,  die  Opposition  zu  entzweien,  daß  sie  die 
Bourgeoisie  nicht  für  sich  gewinnen  und  das  Proletariat  nicht  isolieren  kann . . 

Es  liegt  also  im  Interesse  des  Proletariats,  daß  die  zaristische  Regierung 
nicht  imstande  ist,  die  Bourgeoisie  und  das  Proletariat  zu  entzweien!  Heißt 
das  georgische  Organ  etwa  irrtümlicherweise  „Sozialdemokrat",  sollte  es 
nicht  eher  „Oswoboshdenije"  heißen?  Und  man  beachte,  welch  unnach- 
ahmliche Philosophie  der  demokratischen  Revolution!  Sehen  wir  hier 
nicht  ganz  deutlich,  wie  der  arme  Tifliser  durch  die  räsonierend-nachtrab- 
politische  Auslegung  des  Begriffs  „bürgerliche  Revolution"  endgültig  aus 
dem  Konzept  gebracht  worden  ist?  Er  erörtert  die  Frage  der  möglichen 
Isoliertheit  des  Proletariats  in  der  demokratischen  Umwälzung  und  ver- 
gißt... vergißt  eine  Kleinigkeit...  die  Bauernschaft!  Von  den  möglichen 
Verbündeten  des  Proletariats  kennt  er  die  Gutsbesitzer  der  Semstwos  und 
findet  an  ihnen  Gefallen,  aber  er  weiß  nichts  von  den  Bauern.  Und  das  im 


2.wei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  5 1 


Kaukasus ! Nun,  hatten  wir  nicht  recht,  als  wir  sagten,  daß  die  neue  „Iskra" 
durch  ihre  Gedankengänge  zur  monarchistischen  Bourgeoisie  hinabsinkt, 
anstatt  die  revolutionäre  Bauernschaft  als  Verbündeten  zu  sich  empor- 
zuheben? 

„...Andernfalls  ist  die  Niederlage  des  Proletariats  und  der  Sieg  der  Regie- 
rung unvermeidlich.  Und  gerade  das  erstrebt  die  Selbstherrschaft.  Sie  wird  in 
ihrem  Semski  Sobor  zweifellos  die  Vertreter  des  Adels,  der  Semstwos,  der 
Städte,  der  Universitäten  und  ähnlicher  bürgerlicher  Institutionen  auf  ihre  Seite 
ziehen.  Sie  wird  sich  bemühen,  sie  durch  kleine  Konzessionen  zu  beschwich- 
tigen und  auf  diese  Weise  mit  sich  auszusöhnen.  Solcherart  gefestigt,  wird  sie 
alle  ihre  Schläge  gegen  das  isoliert  gebliebene  arbeitende  Volk  richten.  Unsere 
Pflicht  ist  es,  einen  solchen  unglücklichen  Ausgang  zu  verhüten.  Aber  kann 
man  das  etwa  auf  dem  ersten  Wege  tun?  Angenommen,  wir  hätten  den  Semski 
Sobor  gar  nidit  beachtet,  sondern  selbständig  mit  der  Vorbereitung  des  Auf- 
stands begonnen,  und  wären  eines  schönen  Tages  bewaffnet  zum  Kampf  auf 
die  Straße  gegangen.  Und  nun  haben  wir  nicht  einen  Feind,  sondern  zwei 
Feinde  vor  uns : die  Regierung  und  den  Semski  Sobor.  Während  wir  uns  vor- 
bereiteten, gelang  es  ihnen,  handelseinig  zu  werden,  ein  Abkommen  zu  treffen, 
eine  für  sie  vorteilhafte  Verfassung  auszuarbeiten  und  die  Macht  unter  sich  zu 
teilen.  Das  ist  eine  für  die  Regierung  geradezu  vorteilhafte  Taktik,  und  wir 
müssen  sie  aufs  energischste  ablehnen..." 

Das  ist  wirklich  offenherzig!  Man  muß  die  „Taktik"  der  Vorbereitung  des 
Aufstands  entschieden  ablehnen,  weil  die  Regierung  „währenddessen"  ein 
Abkommen  mit  der  Bourgeoisie  treffen  wird!  Kann  man  in  der  alten  Lite- 
ratur des  eingefleischtesten  „Ökonomismus"  wohl  irgend  etwas  finden,  das 
dieser  Schändung  der  revolutionären  Sozialdemokratie  auch  nur  annähernd 
gleichkäme?  Die  bald  hier,  bald  dort  ausbrechenden  Aufstände  und  Er- 
hebungen der  Arbeiter  und  Bauern  sind  eine  Tatsache.  Der  Semski  Sobor 
ist  eine  Bulyginsche  Versprechung.  Und  der  „Sozialdemokrat"  aus  Tiflis 
beschließt,  die  Taktik  der  Vorbereitung  des  Aufstands  abzulehnen  und 
auf  den  „Mittelpunkt  der  Einwirkung",  den  Semski  Sobor  zu  warten... 

„. . .Die  zweite  Taktik  besteht  umgekehrt  darin,  daß  wir  den  Semski  Sobor 
unter  unsere  Aufsicht  stellen  und  ihm  keine  Möglichkeit  geben,  nach  seinem 
Willen  zu  handeln  und  mit  der  Regierung,  ein  Abkommen  zu  treffen.* 

* Welches  ist  denn  das  Mittel,  um  den  Semski-Sobor-Leuten  ihren  Willen 
zu  rauben?  Etwa  ein  besonderes  Lademuspapier? 


51 


IV.  J.  Lenin 


Wir  unterstützen  den  Semski  Sobor,  insofern  er  gegen  die  Selbstherrschaft 
kämpft,  und  bekämpfen  ihn  dann,  wenn  er  sich  mit  der  Selbstherrschaft  aus- 
söhnt. Durch  energische  Einmischung  und  Gewalt  entzweien  wir  die  Deputier- 
ten untereinander*,  die  Radikalen  gewinnen  wir  für  uns,  die  Konservativen 
schalten  wir  aus  der  Regierung  aus,  und  auf  diese  Weise  bringen  wir  den  gan- 
zen Semski  Sobor  auf  den  revolutionären  Weg.  Dank  einer  solchen  Taktik 
wird  die  Regierung  stets  isoliert,  die  Opposition  aber  stark  bleiben,  und  damit 
erleichtern  wir  die  Errichtung  der  demokratischen  Ordnung." 

Ja,  ja!  Jetzt  soll  noch  jemand  sagen,  daß  wir  die  Wendung  der  Neu- 
iskristen  zum  vulgärsten  Ebenbild  des  Ökonomismus  übertreiben.  Das  ist 
schon  direkt  so  etwas  wie  das  berühmte  Pulver  gegen  die  Fliegen:  Man 
fange  die  Fliege,  bestreue  sie  mit  dem  Pulver,  und  sie  krepiert.  Die  Depu- 
tierten des  Semski  Sobor  mit  Qewalt  entzweien,  „die  Konservativen  aus 
der  Regierung  ausschalten"  — und  der  ganze  Semski  Sobor  wird  den  revo- 
lutionären Weg  beschreiten . . . Ohne  jeden  „jakobinischen"  bewaffneten 
Aufstand,  von  leichter  Hand,  auf  vornehme  Art,  beinahe  parlamentarisdi, 
durch  „Einwirkung"  auf  die  Mitglieder  des  Semski  Sobor. 

Armes  Rußland ! Man  pflegte  von  ihm  zu  sagen,  daß  es  stets  altmodische, 
von  Europa  abgelegte  Hüte  trage.  Wir  haben  noch  kein  Parlament,  selbst 
Bulygin  hat  noch  keines  versprochen,  aber  parlamentarischen  Kretinis- 
mus15 haben  wir  schon  übergenug. 

„...Wie  soll  diese  Einmischung  erfolgen?  Vor  allem  werden  wir  fordern, 
daß  der  Semski  Sobor  auf  Grund  des  allgemeinen,  gleichen,  direkten  und  ge- 
heimen Wahlrechts  einberufen  wird.  Zusammen  mit  der  Ankündigung**  einer 
solchen  Wahlordnung  muß  die  volle  Freiheit  der  Wahlagitation  gesetzlich  fest- 
gelegt werden***,  d.h.  die  Versammlungs-,  Rede- und  Pressefreiheit,  die  Unan- 
tastbarkeit der  Wähler  und  der  zu  Wählenden  und  die  Freilassung  aller  poli- 
tischen Häftlinge.  Die  Wahlen  selbst  müssen  möglichst  spät  angesetzt  werden, 
damit  wir  genug  Zeit  haben,  um  das  Volk  aufzuklären  und  vorzubereiten.  Und 
da  die  Ausarbeitung  der  Regeln  für  die  Einberufung  des  Sobor  einer  Kommis- 

* Heiliger  Himmel!  Da  habt  ihr  sie,  die  „vertiefte"  Taktik!  Um  auf  der 
Straße  zu  kämpfen,  reicht  die  Kraft  nicht  aus,  aber  „die  Deputierten  ent- 
zweien" kann  man  mit  „Gewalt".  Na  hören  Sie,  werter  Tifliser  Genosse,  Un- 
sinn kann  man  ja  reden,  aber  alles  mit  Maßen 

**  In  der  „Iskra"? 

***  Von  Nikolaus? 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  53 


sion  unter  dem  Vorsitz  des  Innenministers  Bulygin  übertragen  worden  ist, 
müssen  wir  auch  auf  diese  Kommission  und  ihre  Mitglieder  einwirken.*  Sollte 
sich  die  Bulyginsche  Kommission  weigern,  unseren  Forderungen  stattzuge- 
ben**, und  nur  den  Besitzenden  das  Recht  zugestehen,  Deputierte  zu  wählen, 
so  müssen  wir  in  diese  Wahlen  eingreifen  und  die  Wähler  auf  revolutionärem 
Wege  dazu  bringen,  fortschrittliche  Kandidaten  zu  wählen  und  im  Semski  So- 
bor  eine  konstituierende  Versammlung  zu  verlangen.  Schließlich  müssen  wir 
mit  allen  erdenklichen  Mitteln  — Demonstrationen,  Streiks  und  notfalls  durch 
einen  Aufstand  — den  Semski  Sobor  dazu  bringen,  eine  konstituierende  Ver- 
sammlung einzuberufen  oder  sich  als  solche  zu  erklären.  Der  Verteidiger  der 
konstituierenden  Versammlung  muß  das  bewaffnete  Proletariat  sein,  und 
beide***  zusammen  werden  zur  demokratischen  Republik  vorwärtsschreiten. 

Das  ist  die  sozialdemokratische  Taktik,  und  nur  sie  wird  uns  den  Sieg  ver- 
bürgen." 

Der  Leser  glaube  ja  nicht,  daß  dieser  ganze  ungeheuerliche  Blödsinn 
die  belanglose  Schreibübung  irgendeines  unverantwortlichen  und  einfluß- 
losen Neuiskristen  ist.  Nein,  das  wird  im  Organ  eines  ganzen  Komitees 
der  Neuiskristen,  des  Tifliser  Komitees,  gesagt.  Nicht  genug  damit,  ist  die- 
ser Blödsinn  von  der  „J skra"  direkt  gebilligt  worden,  in  deren  Nr.  100 
wir  über  diesen  „Sozialdemokrat"  lesen : 

„Die  erste  Jdummer  ist  lebendig  und  talentvoll  redigiert.  Man  merkt 
die  erfahrene,  geschickte  Jdand  eines  Redakteurs  und  Schriftstellers... 
Man  kann  mit  Sicherheit  sagen,  daß  die  Zeitung  die  Aufgabe,  die  sie  sich 
gestellt  hat,  glänzend  lösen  wird." 

Allerdings!  Wenn  diese  Aufgabe  darin  besteht,  jedermann  anschaulich 
die  völlige  ideologische  Zersetzung  des  Neuiskrismus  vor  Augen  zu  füh- 
ren, dann  ist  sie  wirklich  „glänzend"  gelöst.  Das  Hinabsinken  der  Neu- 
iskristen zum  bürgerlich-liberalen  Opportunismus  hätte  niemand  „leben- 
diger, talentvoller  und  geschickter"  zum  Ausdruck  bringen  können. 


* Das  also  bedeutet  die  Taktik  der  „Ausschaltung  der  Konservativen  aus 
der  Regierung" ! 

**  Aber  das  kann  doch  gar  nicht  sein  bei  einer  so  richtigen  und  scharfsin- 
nigen Taktik  unserseits! 

***  Das  bewaffnete  Proletariat  und  die  „aus  der  Regierung  ausgeschalteten" 
Konservativen? 


54 


“W.  1.  Lenin 


8.  DAS  OSWOBOSHDENZENTUM 
UND  DER  NEUISKRISMUS 

Wenden  wir  uns  nun  einer  anderen  anschaulichen  Bestätigung  der  poli- 
tischen Bedeutung  des  Neuiskrismus  zu. 

In  dem  bemerkenswerten,  vortrefflichen,  äußerst  lehrreichen  Artikel 
„Wie  findet  man  sich  selbst"  („Oswoboshdenije"  Nr.  71)  zieht  Herr 
Struve  gegen  den  „programmatischen  Revolutionarismus"  unserer  extre- 
men Parteien  zu  Felde.  Mit  mir  persönlich  ist  Herr  Struve  besonders  un- 
zufrieden.* Was  mich  anbelangt,  so  bin  ich  mit  Herrn  Struve  überaus 

* „Im  Vergleich  mit  dem  Revolutionarismus  der  Herren  Lenin  und  Genossen 
erscheint  der  Revolutionarismus  der  westeuropäischen  Sozialdemokratie  Bebels 
und  sogar  Kautskys  als  Opportunismus,  doch  selbst  diesem  schon  gemilderten 
Revolutionarismus  hat  die  Geschichte  den  Boden  unterspült  und  weggespült." 
Ein  sehr  zorniger  Ausfall.  Herr  Struve  ist  jedoch  im  Irrtum,  wenn  er  meint, 
man  könne  mir,  wie  einem  Verstorbenen,  alles  in  die  Schuhe  schieben.  Es  ge- 
nügt, wenn  ich  an  Herrn  Struve  eine  Herausforderung  richte,  die  anzunehmen 
er  nie  und  nimmer  imstande  sein  wird.  Wo  und  wann  habe  ich  den  „Revolutio- 
narismus Bebels  und  Kautskys"  als  Opportunismus  bezeichnet?  Wo  und  wann 
habe  ich  versucht,  in  der  internationalen  Sozialdemokratie  eine  besondere  Rich- 
tung ins  Leben  zu  rufen,  die  mit  der  Richtung  Bebels  und  Kautskys  nicht  iden- 
tisch' wäre?  Wo  und  wann  sind  zwischen  mir  einerseits  und  Bebel  und  Kautsky 
anderseits  Meinungsverschiedenheiten  zutage  getreten,  die  auch  nur  annähernd 
so  ernst  wären  wie  beispielsweise  die  Meinungsverschiedenheiten  zwischen  Be- 
bel und  Kautsky  in  der  Agrarfrage  in  Breslau?10  Soll  Herr  Struve  versuchen, 
auf  diese  drei  Fragen  zu  antworten. 

Den  Lesern  aber  sagen  wir:  Die  liberale  Bourgeoisie  wendet  stets  und  über- 
all den  Kunstgriff  an,  ihren  Anhängern  in  dem  betreffenden  Lande  zu  ver- 
sichern, daß  die  Sozialdemokraten  dieses  Landes  die  unvernünftigsten  Leute, 
ihre  Genossen  im  benachbarten  Staat  aber  „Musterknaben"  seien.  Die  deut- 
sche Bourgeoisie  hat  den  Bebel  und  Kautsky  die  französischen  Sozialisten 
Hunderte  5Hale  als  „Musterknaben"  vorgehalten.  Die  französische  Bourgeoisie 
hat  erst  unlängst  den  französischen  Sozialisten  den  „Musterknaben"  Bebel  vor- 
gehalten. Ein  alter  Trick,  Herr  Struve ! Nur  Kinder  und  Ignoranten  werden  auf 
diesen  Leim  kriechen.  Die  volle  Solidarität  der  internationalen  revolutionären 
Sozialdemokratie  in  allen  wichtigen  Fragen  des  Programms  und  der  Taktik  ist 
eine  absolut  unbestreitbare  Tatsache. 


Zwei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdhen  Revolution  55 


zufrieden:  einen  besseren  Verbündeten  im  Kampf  gegen  den  wiederauf  - 
erstehenden  Ökonomismus  der  Neuiskristen  und  gegen  die  völlige  Prin- 
zipienlosigkeit der  „Sozialrevolutionäre"  könnte  ich  mir  gar  nicht  wün- 
schen. Auf  welche  Art  und  Weise  Herr  Struve  und  das  „Oswoboshdenije" 
praktisch  bewiesen  haben,  daß  die  im  Programmentwurf  der  Sozialrevo- 
lutionäre vorgenommenen  „Korrekturen"  des  Marxismus  durch  und  durch 
reaktionär  sind,  darüber  werden  wir  uns  gelegentlich  ein  andermal  unter- 
halten. Wie  Herr  Struve  mir  jedesmal,  wenn  er  den  Neuiskristen  prin- 
zipiell zustimmte,  einen  wahren,  ehrlichen  und  treuen  Dienst  leistete, 
darüber  haben  wir  schon  wiederholt  gesprochen*  und  wollen  es  hier  noch 
einmal  sagen. 

Der  Artikel  des  Herrn  Struve  enthält  eine  ganze  Reihe  hochinter- 
essanter Äußerungen,  die  wir  hier  nur  nebenbei  berühren  können.  Er 
schickt  sich  an,  „gestützt  nicht  auf  den  Kampf,  sondern  auf  die  Zusam- 
menarbeit der  Klassen,  eine  russische  Demokratie  zu  schaffen",  wobei  die 
„sozial  privilegierte  Intelligenz"  (vom  Schlage  des  „kulturell  hochstehen- 
den Adels",  vor  dem  Herr  Struve  mit  der  Grazie  eines  echt  weltmänni- 
schen . . . Lakaien  seine  Reverenzen  macht)  „das  Gewicht  ihrer  sozialen 
Stellung"  (das  Gewicht  des  Geldsacks)  in  diese  „klassenlose"  Partei  mit- 
bringen wird.  Herr  Struve  äußert  den  Wunsch,  die  Jugend  bekannt  zu 
machen  mit  der  Untauglichkeit  der  „radikalen  Schablone,  daß  die  Bour- 


* Erinnern  wir  den  Leser  daran,  daß  der  Artikel  „Was  man  nicht  tun  darf" 
(„Iskra"  Nr.  52)  vom  „Oswoboshdenije  "mit  Pauken  und  Trompeten  als  eine 
„bedeutungsvolle  Wendung"  zur  Nachgiebigkeit  gegenüber  den  Opportunisten 
begrüßt  wurde.  Die  prinzipiellen  Tendenzen  des  Neuiskrismus  billigte  das 
„Oswoboshdenije"  ausdrücklich  in  einer  Notiz  über  die  Spaltung  unter  den 
russischen  Sozialdemokraten.  Anläßlich  der  Broschüre  Trotzkis  „Unsere  politi- 
schen Aufgaben"  wies  das  „Oswoboshdenije"  auf  die  Gleichartigkeit  der  Gedan- 
ken dieses  Verfassers  mit  dem  hin,  was  einst  die  „Rabotsdieje-Delo"-Leute  Kri- 
tschewski,  Martynow  und  Akimow  gesagt  und  geschrieben  hatten  (siehe  den 
Sonderdruck  „Der  diensteifrige  Liberale",  Ausgabe  des  „Wperjod").  Marty- 
nows  Broschüre  über  die  zwei  Diktaturen  wurde  vom  „Oswoboshdenije"  be- 
grüßt (siehe  die  Notiz  im  „Wperjod"  Nr.  9).  Schließlich  trafen  die  verspä- 
teten Klagen  Starowers.  über  die  alte  Losung  der  alten  „Iskra" : „Sich  zuerst 
voneinander  abgrenzen,  um  sich  dann  zu  vereinigen"  auf  die  besondere  Sym- 
pathie des  „Oswoboshdenije". 


56 


TV.  3.  Lenin 


geoisie  Angst  bekommen  und  das  Proletariat  mitsamt  der  Sache  der  Frei- 
heit verkauft  habe".  (Von  ganzem  Herzen  begrüßen  wir  diesen  Wunsch. 
Nichts  könnte  diese  marxistische  „Schablone"  besser  bestätigen  als  der 
Kampf,  den  Herr  Struve  dagegen  führt.  Bitte  sehr,  Herr  Struve,  schieben 
Sie  Ihren  großartigen  Plan  nicht  auf  die  lange  Bank!) 

Für  unser  Thema  ist  wichtig,  daß  wir  feststellen,  gegen  welche  prak- 
tischen Losungen  heutzutage  ein  politisch  so  hellhöriger  und  auf  den  ge- 
ringsten Wetterumschlag  reagierender  Vertreter  der  russischen  Bour- 
geoisie kämpft.  Erstens  gegen  die  Losung  des  Republikanismus.  Herr 
Struve  ist  fest  überzeugt,  daß  diese  Losung  „der  Volksmasse  unverständ- 
lich und  fremd"  ist  (er  vergißt  hinzuzufügen:  verständlich,  aber  nach- 
teilig für  die  Bourgeoisie!).  Wir  möchten  gern  hören,  welche  Antwort 
Herr  Struve  darauf  von  den  Arbeitern  in  unseren  Zirkeln  und  Versamm- 
lungen erhalten  würde ! Oder  gehören  die  Arbeiter  nicht  zum  V olk?  Und 
die  Bauern?  Sie  huldigen  bisweilen,  wie  sich  Herr  Struve  ausdrückt,  einem 
„naiven  Republikanismus"  („den  Zaren  davonjagen"),  doch  die  liberale 
Bourgeoisie  gibt  sich  dem  Glauben  hin,  daß  den  naiven  Republikanismus 
nicht  der  bewußte  Republikanismus,  sondern  der  bewußte  Monarchismus 
ablösen  wird!  Ca  depend,  Herr  Struve,  das  hängt  noch  von  den  Umstän- 
den ab.  Sowohl  der  Zarismus  als  auch  die  Bourgeoisie  können  nicht  anders 
als  einer  grundlegenden  Verbesserung  der  Lage  der  Bauern  auf  Kosten 
des  großen  Grundeigentums  entgegenwirken;  die  Arbeiterklasse  dagegen 
kann  nicht  anders  als  in  dieser  Sache  mit  der  Bauernschaft  Zusammen- 
wirken. 

Zweitens  versichert  Herr  Struve-.  „Im  Bürgerkrieg  wird  der  Angreifer 
stets  im  LInrecht  sein."  Dieser  Gedanke  kommt  den  oben  gekennzeich- 
neten Tendenzen  der  Neuiskristen  sehr  nahe.  Wir  wollen  natürlich  nicht 
sagen,  daß  es  im  Bürgerkrieg  stets  vorteilhaft  wäre,  anzugreifen;  nein, 
manchmal  ist  die  Defensivtaktik  für  eine  gewisse  Zeit  geboten.  Aber  eine 
solche  These  in  Anwendung  auf  das  Rußland  von  1905  aufzustellen,  wie 
Herr  Struve  es  getan  hat,  bedeutet  eben,  mit  einem  Stückchen  „radikaler 
Schablone"  aufzuwarten  („die  Bourgeoisie  bekommt  Angst  und  verkauft 
die  Sache  der  Freiheit").  Wer  jetzt  die  Selbstherrschaft,  die  Reaktion 
nicht  angreifen  will,  wer  sich  auf  diesen  Angriff  nicht  vorbereitet,  wer  ihn 
nicht  propagiert,  der  bezeichnet  sich  zu  Unrecht  als  Anhänger  der  Revo- 
lution. 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisieren  Revolution  57 


Herr  Struve  verurteilt  die  Losungen  „Konspiration"  und  „Rebellion" 
(das  sei  ein  „Aufstand  in  Miniatur").  Herr  Struve  verachtet  das  eine  wie 
das  andere,  und  zwar  vom  Standpunkt  des  „Herankommens  an  die  Mas- 
sen" ! Wir  möchten  Herrn  Struve  fragen,  ob  er  z.  B.  in  einer  solchen  Schrift 
wie  „Was  tun?",  die  von  einem  seiner  Ansicht  nach  maßlosen  Revolu- 
tionärsten stammt,  eine  Propagierung  der  Rebellion  nachweisen  kann. 
Und  was  die  „Konspiration"  apbelangt,  besteht  da  wirklich  ein  so  großer 
Unterschied  z.  B.  zwischen  Herrn  Struve  und  uns?  Arbeiten  wir  nicht 
beide  an  „illegalen"  Zeitungen,  die  „konspirativ"  nach  Rußland  befördert 
werden  und  den  „geheimen"  Gruppen  des  „Bundes  der  Befreiung"  bzw. 
der  SDAPR  dienen?  Unsere  Arbeiterversammlungen  sind  oft  „konspira- 
tiv", wir  leugnen  das  nicht.  Und  die  Versammlungen  der  Herren  Oswo- 
boshdenzen?  Was  berechtigt  Sie,  Herr  Struve,  über  die  verächtlichen  An- 
hänger der  verächtlichen  Konspiration  die  Nase  zu  rümpfen? 

Allerdings,  bei  der  Belieferung  der  Arbeiter  mit  Waffen  bedarf  es  dop- 
pelt strenger  Konspiration.  Und  hier  tritt  Herr  Struve  schon  offener  auf. 
Man  höre:  „Was  den  bewaffneten  Aufstand  oder  die  Revolution  im  tech- 
nischen Sinne  betrifft,  so  kann  nur  die  Massenpropaganda  des  demokra- 
tischen Programms  die  sozial-psychologischen  Voraussetzungen  für  einen 
allgemeinen  bewaffneten  Aufstand  schaffen.  Mithin  ist  sogar  von  jenem 
Standpunkt  aus,  der  den  bewaffneten  Aufstand  als  die  unvermeidliche 
Krönung  des  gegenwärtigen  Befreiungskampfes  betrachtet  — ein  Stand- 
punkt, den  ich  nicht  teile  — , die  Durchdringung  der  Massen  mit  den  Ideen 
der  demokratischen  Umgestaltung  die  grundlegende,  die  notwendigste 
Aufgabe." 

Herr  Struve  möchte  der  Frage  ausweichen.  Er  spricht  von  der  Unver- 
meidlichkeit des  Aufstands,  anstatt  von  seiner  Notwendigkeit  für  den 
Sieg  der  Revolution  zu  sprechen.  Der  Aufstand,  und  zwar  ein  unvorbe- 
reiteter, spontaner  und  zersplitterter  Aufstand,  hat  schon  begonnen.  Nie- 
mand kann  sich  unbedingt  verbürgen,  daß  er  bis  zum  umfassenden  und 
einheitlichen  bewaffneten  Volksaufstand  voranschreiten  wird,  denn  das 
hängt  sowohl  vom  Zustand  der  revolutionären  Kräfte  ab  (die  man  nur 
im  Kampfe  selbst  ganz  ermessen  kann)  als  auch  von  der  Haltung  der  Re- 
gierung und  der  Bourgeoisie  sowie  von  einer  Reihe  anderer  Umstände, 
die  nicht  genau  errechnet  werden  können,  über  die  Unvermeidlichkeit 
im  Sinne  jener  absoluten  Gewißheit,  daß  das  konkrete  Ereignis  eintritt, 


5 Lenin,  Werke,  Bd.  9 


58 


TV.  7.  Lenin 


auf  die  Herr  Struve  das  Thema  abbiegt,  hat  es  keinen  Sinn  zu  sprechen. 
Wenn  man  Anhänger  der  Revolution  sein  will,  so  muß  man  darüber 
sprechen,  ob  der  Aufstand  für  den  Sieg  der  Revolution  notwendig  ist, 
ob  es  notwendig  ist,  aktiv  für  ihn  einzutreten,  ihn  zu  propagieren,  ihn 
unverzüglich  und  energisch  vorzubereiten.  Herr  Struve  müßte  diesen  Un- 
terschied eigentlich  verstehen;  er  verdeckt  ja  z.  B.  audi  nicht  die  für  einen 
Demokraten  unstreitige  Frage,  ob  das  allgemeine  Wahlrecht  notwendig 
ist,  durch  die  für  einen  Politiker  streitige  und  nicht  aktuelle  Frage,  ob 
seine  Erringung  im  Verlauf  dieser  Revolution  unvermeidlich  ist.  Dadurch, 
daß  Herr  Struve  der  Frage  ausweicht,  ob  der  Aufstand  notwendig  ist,  ent- 
hüllt er  das  innerste  Wesen  der  politischen  Position  der  liberalen  Bour- 
geoisie. Die  Bourgeoisie  zieht  es  erstens  vor,  mit  der  Selbstherrschaft  han- 
delseinig zu  werden,  statt  sie  zu  vernichten;  auf  jeden  Fall  wälzt  die  Bour- 
geoisie den  Kampf  mit  der  Waffe  in  der  Hand  auf  die  Arbeiter  ab  (das 
zweitens).  Das  ist  die  reale  Bedeutung,  die  dem  Ausweichen  des  Herrn 
Struve  zukommt.  Das  ist  der  Grund,  warum  er  sich  von  der  Frage  der 
Notwendigkeit  des  Aufstands  auf  die  Fragen  seiner  „sozial-psychologi- 
schen" Voraussetzungen  und  der  vorherigen  „Propaganda"  zurüdkzieht. 
Ganz  genauso,  wie  sich  die  bürgerlichen  Schwätzer  im  Frankfurter  Parla- 
ment von  1 848  mit  der  Abfassung  von  Resolutionen,  Deklarationen,  Be- 
schlüssen, mit  „Massenpropaganda"  und  Vorbereitung  der  „sozial-psycho- 
logischen Voraussetzungen"  zu  einer  Zeit  beschäftigten,  als  es  darum 
ging,  der  bewaffneten  Macht  der  Regierung  Widerstand  zu  leisten,  als  die 
Bewegung  „bis  zur  Notwendigkeit  gediehen  war",  den  bewaffneten  Kampf 
zu  führen,  als  die  bloße  Einwirkung  durch  das  Wort  (die  in  der  Vorberei- 
tungsperiode hundertfach  notwendig  ist)  zu  öder  bürgerlicher  Tatenlosig- 
keit und  Feigheit  geworden  war  — genauso  drückt  sich  auch  Herr  Struve 
vor  der  Frage  des  Aufstands  und  versteckt  sich  hinter  Phrasen.  Herr  Struve 
zeigt  uns  anschaulich  das,  was  viele  Sozialdemokraten  hartnäckig  nidit 
sehen  wollen,  nämlich  daß  sich  der  revolutionäre  Augenblick  von  den  ge- 
wöhnlichen, alltäglichen,  vorbereitenden  historischen  Zeitabschnitten  eben 
dadurch  unterscheidet,  daß  die  Stimmung,  die  Erregung,  die  Überzeugung 
der  Massen  in  der  Aktion  in  Erscheinung  treten  müssen  und  tatsächlich  in 
Erscheinung  treten. 

Der  vulgäre  Revolutionarismus  versteht  nicht,  daß  auch  das  Wort  eine 
Tat  ist;  dieser  Grundsatz  ist  unbestreitbar  in  seiner  Anwendung  auf  die 


Zwei  0 Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  59 


Geschichte  überhaupt  oder  auf  jene  Epochen  der  Geschichte,  wenn  es  keine 
offene  politische  Aktion  der  Massen  gibt,  die  ja  durch  keinerlei  Putsch 
ersetzt  oder  künstlich  hervorgerufen  werden  kann.  Die  Revolutionäre  der 
Nachtrabpolitik  verstehen  nidit,  daß  zu  einer  Zeit,  da  der  revolutionäre 
Augenblick  angebrochen  ist,  da  der  alte  „überbau"  in  allen  Fugen  kracht, 
da  die  offene  politische  Aktion  der  Klassen  und  Massen,  die  sich  einen 
neuen  überbau  schaffen,  zur  Tatsache  geworden  ist,  da  der  Bürgerkrieg 
begonnen  hat  — daß  es  dann  Lebensfremdheit,  Todesstarre,  Räsoniererei 
oder  aber  Verrat  an  der  Revolution  und  Fahnenflucht  ist,  wenn  man  sich 
wie  in  alter  Zeit  auf  das  „Wort"  beschränkt,  ohne  die  direkte  Losung  des 
Übergangs  zur  „Tat"  auszugeben,  wenn  man  um  die  Tat  herumredet 
unter  Hinweis  auf  „psychologische  Voraussetzungen"  und  „Propaganda" 
schlechthin.  Die  Frankfurter  Schwätzer  der  demokratischen  Bourgeoisie 
sind  das  unvergeßliche  historische  Musterbeispiel  eines  solchen  Verrats 
oder  eines  solchen  räsonierenden  Stumpfsinns. 

Wollt  ihr  eine  Erläuterung  dieses  Unterschieds  zwischen  dem  vulgären 
Revolutionarismus  und  der  Nachtrabpolitik  der  Revolutionäre  an  Hand 
der  Geschichte  der  sozialdemokratischen  Bewegung  in  Rußland?  Wir  kön- 
nen sie  euch  geben.  Denkt  an  die  Jahre  1901  bis  1902,  die  noch  nicht  lange 
zurückliegen  und  uns  doch  schon  wie  graue  Vergangenheit  anmuten.  De- 
monstrationen hatten  eingesetzt.  Der  vulgäre  Revolutionarismus  begann 
vom  „Sturm"  zu  schreien  („Rabotscheje  Delo"17),  „blutrünstige  Hug- 
blätter"  wurden  herausgegeben  (Berliner  Herkunft,  wenn  mich  das  Ge- 
dächtnis nicht  trügt),  und  man  attackierte  die  Idee  einer  gesamtrussischen 
Agitation  durch  eine  Zeitung  als  einen  „Einfall  von  Literaten",  der  am 
grünen  Tisch  ausgeheckt  worden  sei  (Nadeshdin) 1S.  Die  Nachtrabpolitik 
der  Revolutionäre  äußerte  sich  damals  umgekehrt  in  der  Predigt,  daß  der 
„ökonomische  Kampf  das  beste  Mittel  für  die  politische  Agitation"  sei. 
Wie  verhielt  sich  die  revolutionäre  Sozialdemokratie?  Sie  griff  beide  Strö- 
mungen an.  Sie  verurteilte  das  terroristische  Blendwerk  und  das  Geschrei 
vom  Sturm,  weil  alle  klar  sahen  oder  sehen  mußten,  daß  die  offene  Aktion 
der  Massen  eine  Sache  der  Zukunft  war.  Sie  verurteilte  die  Nachtrab- 
politik und  stellte  sogar  direkt  die  Losung  des  allgemeinen  bewaffneten 
Volksaufstands  auf,  nicht  im  Sinne  einer  unmittelbaren  Aufforderung 
(eine  Aufforderung  zur  „Rebellion"  hätte  Herr  Struve  zu  jener  Zeit  bei 
uns  nicht  gefunden),  sondern  im  Sinne  einer  notwendigen  Sdilußfolge- 


5* 


60 


W.  3.  Cenin 


rung,  im  Sinne  der  „Propaganda"  (an  die  sich  Herr  Struve  erst  jetzt  er- 
innerte — er  kommt  immer  um  einige  Jahre  zu  spät,  unser  verehrter  Herr 
Struve),  im  Sinne  der  Schaffung  eben  jener  „sozial-psychologischen  Vor- 
aussetzungen", über  die  jetzt  die  Vertreter  der  kopflos  gewordenen,  krä- 
merhaften Bourgeoisie  „mit  finsterer  Miene  und  zu  Unrechter  Zeit"  ora- 
keln. Damals  wurden  Propaganda  und  Agitation,  Agitation  und  Propa- 
ganda durch  die  objektive  Lage  wirklich  in  den  Vordergrund  gerückt. 
Damals  konnte  als  Eckstein  der  Arbeit  zur  Vorbereitung  des  Aufstands  die 
Forderung  der  Arbeit  an  einer  gesamtrussischen  politischen  Zeitung  er- 
hoben werden  (und  wurde  in  „Was  tun?"  auch  erhoben),  deren  wöchent- 
liche Herausgabe  als  ein  Ideal  erschien.  Damals  waren  die  Losungen  Mas- 
senagitation anstatt  unmittelbarer  bewaffneter  Aktionen  und  Schaffung 
der  sozial-psychologischen  Voraussetzungen  des  Aufstands  anstatt  terro- 
ristischen Blendwerks  die  einzig  richtigen  Losungen  der  revolutionären 
Sozialdemokratie.  Jetzt  sind  diese  Losungen  von  den  Ereignissen  über- 
holt, die  Bewegung  ist  vorangeeilt,  die  Losungen  sind  zu  Plunder  gewor- 
den, zu  Trödelkram,  der  nur  dazu  taugt,  die  Heuchelei  der  Oswoboshden- 
zen  und  die  Nachtrabpolitik  der  Neuiskristen  zu  verdecken ! 

Oder  irre  ich  mich  vielleicht?  Hat  die  Revolution  vielleicht  noch  nicht 
begonnen?  Ist  der  Augenblick  für  das  offene  politische  Auftreten  der 
Klassen  noch  nicht  gekommen?  Gibt  es  noch  keinen  Bürgerkrieg,  und  muß 
die  Kritik  der  Waffen  jetzt  noch  nicht  notwendig  und  unbedingt  die  Nach- 
folgerin, Erbin,  Testamentsvollstreckerin  und  Vollenderin  der  Waffe  der 
Kritik  sein? 

Blickt  um  euch,  schaut  aus  dem  Studierzimmer  auf  die  Straße,  um  auf 
diese  Fragen  zu  antworten.  Hat  die  Regierung  mit  der  Massenerschießung 
von  friedlichen  und  unbewaffneten  Bürgern  etwa  nicht  selbst  schon  überall 
den  Bürgerkrieg  begonnen?  Treten  etwa  nicht  bewaffnete  Schwarzhun- 
dertschaften als  „Argument"  der  Selbstherrschaft  auf?  Hat  die  Bourgeoisie 
— sogar  die  Bourgeoisie  — etwa  nicht  die  Notwendigkeit  einer  Bürger- 
miliz erkannt?  Redet  etwa  nicht  derselbe  Herr  Struve,  dieser  ideal  ge- 
mäßigte und  akkurate  Herr  Struve  (leider  redet  er  nur,  um  sich  heraus- 
zureden!) davon,  daß  der  „offene  Charakter  der  revolutionären  Aktionen 
(so  weit  sind  wir  heute!)  gegenwärtig  eine  der  wichtigsten  Bedingungen 
für  den  erzieherischen  Einfluß  auf  die  Volksmassen"  sei? 

Wer  Augen  hat  zu  sehen,  der  kann  nicht  daran  zweifeln,  wie  heute  von 


Zwei  C Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  61 


den  Anhängern  der  Revolution  die  Frage  des  bewaffneten  Aufstands  ge- 
stellt werden  muß.  Und  nun  seht  euch  die  drei  Fragestellungen  in  jenen 
Organen  der  freien  Presse  an,  die  einigermaßen  imstande  sind,  die  Mas- 
sen zu  beeinflussen. 

Erste  Fragestellung.  Die  Resolution  des  III.  Parteitags  der  Sozialdemo- 
kratischen Arbeiterpartei  Rußlands.*  Hier  ist  anerkannt  und  laut  vernehm- 
lich erklärt,  daß  die  allgemein-demokratische  revolutionäre  Bewegung  be- 
reits zur  Notwendigkeit  des  bewaffneten  Aufstands  geführt  hat.  Die 
Organisierung  des  Proletariats  für  den  Aufstand  ist  als  eine  der  wesent- 

* Hier  der  volle  Wortlaut: 

„In  der  Erwägung, 

1.  daß  das  Proletariat,  das  seiner  Lage  nach  die  fortgeschrittenste  und  ein- 
zige konsequent-revolutionäre  Klasse  darstellt,  eben  dadurch  berufen  ist,  die 
Führung  in  der  allgemein-demokratischen  revolutionären  Bewegung  Rußlands 
zu  verwirklichen  ; 

2.  daß  diese  Bewegung  gegenwärtig  bereits  zur  Notwendigkeit  des  bewaff- 
neten Aufstands  geführt  hat; 

3.  daß  sich  das  Proletariat  unvermeidlich  auf  das  tatkräftigste  an  diesem 
Aufstand  beteiligen  und  daß  diese  Beteiligung  das  Schicksal  der  Revolution  in 
Rußland  entscheiden  wird; 

4.  daß  das  Proletariat  die  Führung  in  dieser  Revolution  nur  verwirklichen 
kann,  wenn  es  zu  einer  einheitlichen  und  selbständigen  politischen  Kraft  unter 
dem  Banner  der  sozialdemokratischen  Arbeiterpartei  zusammengeschlossen  ist, 
die  seinen  Kampf  nicht  nur  ideologisch,  sondern  auch  praktisch  leitet; 

5.  daß  nur  die  Verwirklichung  dieser  Führung  dem  Proletariat  die  günstig- 
sten Bedingungen  für  den  Kampf  um  den  Sozialismus  gegen  die  besitzenden 
Klassen  des  bürgerlich-demokratischen  Rußlands  sichern  kann  — 

erkennt  der  III.  Parteitag  der  SDAPR  an,  daß  die  Aufgabe,  das  Proletariat 
zum  unmittelbaren  Kampf  gegen  die  Selbstherrschaft  auf  dem  Wege  des  be- 
waffneten Aufstands  zu  organisieren,  eine  der  wichtigsten  und  unaufschieb- 
baren Aufgaben  der  Partei  im  gegenwärtigen  revolutionären  Zeitpunkt  ist. 

Der  Parteitag  beauftragt  daher  alle  Parteiorganisationen: 

a)  dem  Proletariat  durch  Propaganda  und  Agitation  nicht  nur  die  politische 
Bedeutung,  sondern  auch  die  praktisch-organisatorische  Seite  des  bevorstehen- 
den bewaffneten  Aufstands  klarzumachen;. 

b)  bei  dieser  Propaganda  und  Agitation  die  Rolle  der  politischen  Massen- 
streiks zu  erläutern,  die  bei  Beginn  und  im  Verlauf  des  Aufstands  große  Be- 
deutung haben  können,- 


62 


W.  j.  Lenin 


lidien,  hauptsächlichen  und  notwendigen  Aufgaben  der  Partei  auf  die 
Tagesordnung  gesetzt.  Es  ist  der  Auftrag  erteilt,  die  energischsten  Maß- 
nahmen zu  treffen,  damit  das  Proletariat  bewaffnet  und  die  Möglichkeit 
einer  unmittelbaren  Leitung  des  Aufstands  gesichert  wird. 

Zweite  Fragestellung.  Der  prinzipielle  Artikel  des  „Führers  der  russi- 
schen Konstitutionalisten"  (so  wurde  unlängst  Herr  Struve  von  einem  so 
einflußreichen  Organ  der  europäischen  Bourgeoisie  wie  der  „Frankfurter 
Zeitung"  genannt)  oder  des  Führers  der  russischen  fortschrittlichen  Bour- 
geoisie im  „Oswoboshdenije".  Die  Ansicht  von  der  Unvermeidlichkeit  des 
Aufstands  teilt  er  nicht.  Konspiration  und  Rebellion  sind  spezifische  Me- 
thoden des  unvernünftigen  Revolutionarismus.  Der  Republikanismus  ist 
eine  Methode  der  Betäubung.  Der  bewaffnete  Aufstand  ist  eigentlich  nur 
eine  technische  Frage,  während  „das  grundlegende,  das  notwendigste" 
die  Massenpropaganda  und  die  Schaffung  der  sozial-psychologischen  Vor- 
aussetzungen ist. 

Dritte  Fragestellung.  Die  Resolution  der  neuiskristischen  Konferenz. 
Unsere  Aufgabe  ist  es,  den  Aufstand  vorzubereiten.  Die  Möglichkeit 
eines  planmäßigen  Aufstands  ist  ausgeschlossen.  Günstige  Bedingungen 
für  den  Aufstand  werden  durch  die  Desorganisation  der  Regierung,  durch 
unsere  Agitation  und  unsere  Organisation  geschaffen.  Erst  dann  „können 
technische  Kampfvorbereitungen  mehr  oder  weniger  ernste  Bedeutung  er- 
langen". 

Weiter  nichts?  Weiter  nichts!  Ob  der  Aufstand  notwendig  geworden 
ist,  das  wissen  die  neuiskristischen  Führer  des  Proletariats  noch  nicht.  Ob 
die  Aufgabe,  das  Proletariat  für  den  unmittelbaren  Kampf  zu  organisieren, 
unaufschiebbar  ist,  das  ist  ihnen  noch  nicht  klar.  Man  braucht  nidit  zu  den 
energischsten  Maßnahmen  aufzurufen,  es  ist  viel  wichtiger  (im  Jahre  1905 
und  nicht  im  Jahre  1902),  in  allgemeinen  Zügen  zu  erläutern,  unter  wel- 
chen Bedingungen  diese  Maßnahmen  eine  „mehr  oder  weniger  ernste" 
Bedeutung  erlangen  „können" . . . 

Seht  ihr  nun,  Genossen  Neuiskristen,  wohin  ihr  durch  eure  Schwenkung 

c)  die  energischsten  Maßnahmen  zur  Bewaffnung  des  Proletariats  sowie  zur 
Ausarbeitung  eines  Plans  des  bewaffneten  Aufstands  und  der  unmittelbaren 
Leitung  des  Aufstands  zu  ergreifen  und,  soweit  erforderlich,  zu  diesem  Zweck 
besondere  Gruppen  aus  Parteifunktionären  zu  bilden."  (Fußnote  des  Verfas- 
sers zur  Ausgabe  von  1907.  Die  Red.) 


Zwei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdhen  Revolution  63 


zum  Martynowismus  geraten  seid?  Begreift  ihr,  daß  sich  eure  politische 
Philosophie  als  ein  Nachbeten  der  Oswoboshdenzen-Philosophie  erwiesen 
hat?  daß  ihr  euch  (gegen  euren  Willen  und  ohne  euer  Wissen)  im  Schlepp- 
tau der  monarchistischen  Bourgeoisie  befindet?  Ist  euch  jetzt  klar,  daß  ihr, 
während  ihr  damit  beschäftigt  wart,  die  alte  Leier  zu  wiederholen  und 
euch  im  Räsonieren  zu  vervollkommnen,  den  Umstand  aus  dem  Auge  ver- 
loren habt,  daß  — um  mit  den  unvergeßlichen  Worten  des  unvergeßlichen 
Artikels  Peter  Struves  zu  sprechen  — „der  offene  Charakter  der  revolu- 
tionären Aktionen  gegenwärtig  eine  der  wichtigsten  Bedingungen  für  den 
erzieherischen  Einfluß  auf  die  Volksmassen  ist"? 


9.  WAS  BEDEUTET  ES,  WÄHREND  DER  REVOLUTION 
DIE  PARTEI  DER  ÄUSSERSTEN  OPPOSITION  ZU  SEIN? 

Kehren  wir  zur  Resolution  über  die  provisorische  Regierung  zurück. 
Wir  haben  gezeigt,  daß  die  Taktik  der  Neuiskristen  die  Revolution  nicht 
vorwärts-,  diese  Möglichkeit  wollten  sie  durch  ihre  Resolution  gewähr- 
leisten, sondern  rückwärtstreibt.  Wir  haben  gezeigt,  daß  gerade  diese 
Taktik  der  Sozialdemokratie  im  Kampf  gegen  die  inkonsequente  Bour- 
geoisie die  Hände  bindet  und  sie  nicht  davor  bewahrt,  in  der  bürgerlichen 
Demokratie  aufzugehen.  Es  ist  begreiflich,  daß  sich  aus  den  falschen  Prä- 
missen der  Resolution  auch  falsche  Schlußfolgerungen  ergeben:  „Deshalb 
darf  sich  die  Sozialdemokratie  nicht  das  Ziel  setzen,  durch  Bildung  einer 
provisorischen  Regierung  die  Macht  zu  ergreifen  oder  die  Macht  in  einer 
solchen  zu  teilen,  sie  muß  vielmehr  die  Partei  der  äußersten  revolutionären 
Opposition  bleiben."  Sehen  wir  uns  die  erste  Hälfte  dieser  Schlußfolge- 
rung an,  die  sich  auf  die  Zielsetzung  bezieht.  Stellen  die  Neuiskristen  als 
Ziel  der  sozialdemokratischen  Tätigkeit  den  entscheidenden  Sieg  der  Re- 
volution über  den  Zarismus  auf?  Das  tun  sie.  Sie  verstehen  nicht,  die 
Bedingungen  des  entscheidenden  Sieges  richtig  zu  formulieren,  und  formu- 
lieren daher  ähnlich  wie  das  „Oswoboshdenije",  aber  sie  stellen  das  er- 
wähnte Ziel  auf.  Ferner:  Verbinden  sie  die  provisorische  Regierung  mit 
dem  Aufstand?  Ja,  sie  verbinden  sie  direkt  damit,  indem  sie  sagen,  daß 
die  provisorische  Regierung  „aus  einem  siegreichen  Volksaufstand  hervor- 
geht". Setzen  sie  sich  schließlich  das  Ziel,  den  Aufstand  zu  leiten?  Ja,  sie 


64 


W.  % Lenin 


drücken  sich  zwar  ebenso  wie  Herr  Struve  davor,  den  Aufstand  als  not- 
wendig und  unaufschiebbar  anzuerkennen,  aber  gleichzeitig  sagen  sie, 
zum  Unterschied  von  Herrn  Struve,  daß  „die  Sozialdemokratie  bestrebt 
ist,  ihn  (den  Aufstand)  unter  ihren  Einfluß  und  unter  ihre  Leitung  zu 
bringen  und  ihn  im  Interesse  der  Arbeiterklasse  auszunutzen". 

Wie  bändig  das  herauskommt,  nidit  wahr?  Wir  setzen  uns  das  Ziel, 
den  Aufstand  sowohl  der  proletarischen  als  auch  der  nichtproletarischen 
Massen  unter  unseren  Einfluß,  unsere  Leitung  zu  bringen  und  ihn  in  un- 
serem Interesse  auszunutzen.  Folglich  setzen  wir  uns  das  Ziel,  beim  Auf- 
stand sowohl  das  Proletariat  als  auch  die  revolutionäre  Bourgeoisie  und 
das  Kleinbürgertum  (die  „niditproletarischen  Gruppen")  zu  leiten,  d.  h. 
die  Leitung  des  Aufstands  zwisdien  der  Sozialdemokratie  und  der  revo- 
lutionären Bourgeoisie  „zu  teilen".  Unser  Ziel  ist  der  Sieg  des  Aufstands, 
der  zur  Errichtung  einer  („aus  dem  siegreichen  Volksaufstand  hervor- 
gegangenen") provisorischen  Regierung  führen  soll.  Deshalb...  deshalb 
dürfen  wir  uns  nicht  das  Ziel  setzen,  durch  Bildung  einer  provisorischen 
revolutionären  Regierung  die  Macht  zu  ergreifen  oder  die  Macht  in  einer 
solchen  zu  teilen!! 

Unsere  Freunde  können  um  keinen  Preis  auf  einen  Nenner  kommen. 
Sie  schwanken  zwisdien  dem  Standpunkt  des  Herrn  Struve,  der  um  den 
Aufstand  herumredet,  und  dem  Standpunkt  der  revolutionären  Sozial- 
demokratie, die  dazu  auffordert,  diese  unaufschiebbare  Aufgabe  in  An- 
griff zu  nehmen.  Sie  schwanken  zwischen  dem  Anarchismus,  der  jede 
Teilnahme  an  der  provisorischen  revolutionären  Regierung  als  einen  Ver- 
rat am  Proletariat  prinzipiell  verurteilt,  und  dem  Marxismus,  der  eine 
solche  Teilnahme  unter  der  Bedingung  verlangt,  daß  die  Sozialdemokratie 
den  führenden  Einfluß  auf  den  Aufstand  hat.*  Sie  haben  keinerlei  selb- 
ständige Position,-  weder  die  Position  des  Herrn  Struve,  der  mit  dem 
Zarismus  handelseinig  werden  möchte  und  deshalb  der  Frage  des  Auf- 
stands ausweichen,  sich  vor  ihr  drücken  muß,  noch  die  Position  der  An- 
archisten, die  jede  Aktion  „von  oben"  und  jede  Teilnahme  an  der  bürger- 
lichen Revolution  verurteilen.  Die  Neuiskristen  werfen  den  Pakt  mit  dem 
Zarismus  und  den  Sieg  über  den  Zarismus  in  einen  Topf.  Sie  wollen  sich 
an  der  bürgerlichen  Revolution  beteiligen.  Sie  gehen  schon  etwas  weiter 

* Siehe  „Proletari"  Nr.  3,  „Ober  die  provisorische  revolutionäre  Regierung", 
Zweiter  Artikel.  (Siehe  Werke,  4.  Ausgabe,  Bd.  8,  S.  440—447,  russ.  Die  Red.) 


Zwei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  65 


als  Martynow  in  den  „Zwei  Diktaturen".  Sie  sind  sogar  damit  einver- 
standen, den  Volksaufstand  zu  leiten,  aber  nur,  um  sofort  nach  dem  Sieg 
(oder  vielleicht  unmittelbar  vor  dem  Sieg?)  auf  diese  Leitung  zu  verzich- 
ten, das  heißt  um  die  Jrüdhte  des  Sieges  nicht  zu  nutzen,  sondern  sie  voll 
und  ganz  der  Bourgeoisie  zu  überlassen.  Das  nennen  sie  „den  Aufstand 
im  Interesse  der  Arbeiterklasse  ausnutzen" . . . 

Es  erübrigt  sich,  bei  dieser  Konfusion  länger  zu  verweilen.  Nützlicher 
ist  es,  die  Quelle  dieser  Konfusion  in  jener  Formulierung  aufzuspüren,  die 
da  lautet:  „. . . die  Partei  der  äußersten  revolutionären  Opposition  bleiben". 

Wir  haben  hier  einen  der  bekannten  Grundsätze  der  internationalen 
revolutionären  Sozialdemokratie  vor  uns.  Einen  durchaus  richtigen  Grund- 
satz. Er  wurde  zum  Gemeinplatz  aller  Gegner  des  Revisionismus  oder 
Opportunismus  in  den  parlamentarischen  Ländern.  Er  erhielt  das  Bürger- 
recht als  rechtmäßige  und  notwendige  Zurückweisung  des  „parlamenta- 
rischen Kretinismus",  des  Millerandismus,  des  Bernsteinianertums  und  des 
italienischen  Reformismus  im  Geiste  Turatis.  Unsere  braven  Neuiskristen 
haben  diesen  guten  Grundsatz  auswendig  gelernt  und  wenden  ihn  eifrig 
dort  an,  wo  er...  völlig  unangebracht  ist.  Kategorien  des  parlamentari- 
schen Kampfes  werden  in  Resolutionen  aufgenommen,  die  für  Verhält- 
nisse geschrieben  sind,  unter  denen  es  gar  kein  Parlament  gibt.  Der  Begriff 
der  „Opposition",  der  Widerspiegelung  und  Ausdruck  einer  politischen 
Situation  ist,  in  der  vom  Aufstand  niemand  ernstlich  spricht,  wird  ganz 
sinnlos  auf  eine  Situation  übertragen,  da  der  Aufstand  begonnen  hat  und 
alle  Anhänger  der  Revolution  über  die  Leitung  des  Aufstands  nadhdenken 
und  sprechen.  Der  Wunsch,  bei  dem  „zu  bleiben",  was  vorher  war,  d.  h. 
bei  der  Aktion  nur  „von  unten",  wird  mit  Pauken  und  Trompeten  gerade 
dann  verkündet,  wenn  die  Revolution  gezeigt  hat,  daß  es  notwendig  ist, 
im  Falle  eines  siegreichen  Aufstands  von  oben  zu  handeln. 

Nein,  unsere  Neuiskristen  haben  entschieden  Pech!  Sogar  dann,  wenn 
sie  einen  richtigen  sozialdemokratischen  Grundsatz  formulieren,  verstehen 
sie  es  nicht,  ihn  richtig  anzuwenden.  Sie  haben  nicht  überlegt,  wie  sich  die 
Begriffe  und  Ausdrücke  des  parlamentarischen  Kampfes  in  der  Epoche  der 
begonnenen  Revolution,  wenn  es  kein  Parlament  gibt,  wenn  der  Bürger- 
krieg Tatsache  geworden  ist  und  Aufstände  ausbrechen,  wandeln  und  in 
ihr  Gegenteil  verkehren.  Sie  haben  nickt  überlegt,  daß  unter  den  Verhält- 
nissen, von  denen  jetzt  die  Rede  ist,  Abänderungsanträge  durch  Straßen- 


66 


W.  3.  Lenin 


demonstrationen  und  Interpellationen  durch  Angriffsaktionen  der  bewaff- 
neten Bürger  eingebracht  werden,  daß  die  Opposition  gegen  die  Regierung 
durch  den  gewaltsamen  Sturz  der  Regierung  verwirklicht  wird. 

Wie  der  bekannte  Held  unseres  Volksmärchens  gute  Ratschläge  gerade 
dann  wiederholte,  wenn  sie  nicht  am  Platze  waren,  so  wiederholen  auch 
die  Verehrer  Martynows  die  Lehren  des  friedlichen  Parlamentarismus  ge- 
rade dann,  wenn  sie  selbst  den  Beginn  direkter  Kampfhandlungen  fest- 
stellen. Nichts  ist  drolliger,  als  wenn  in  einer  Resolution,  die  mit  dem 
Hinweis  auf  den  „entscheidenden  Sieg  der  Revolution"  und  auf  den 
„Volksaufstand"  beginnt,  mit  wichtiger  Miene  die  Losung  der  „äußersten 
Opposition"  aufgestellt  wird!  überlegt  doch,  Herrschaften,  was  es  be- 
deutet, in  der  Epoche  des  Aufstands  als  „äußerste  Opposition"  aufzutre- 
ten! Bedeutet  das,  die  Regierung  zu  entlarven  oder  sie  zu  stürzen?  Be- 
deutet das,  gegen  die  Regierung  zu  stimmen  oder  ihren  Streitkräften  im 
offenen  Kampf  eine  Niederlage  beizubringen?  Bedeutet  das,  der  Regie- 
rung die  Auffüllung  der  Staatskasse  zu  verweigern,  oder  bedeutet  das  die 
revolutionäre  Beschlagnahme  dieser  Staatskasse,  um  sie  für  die  Bedürf- 
nisse des  Aufstands,  für  die  Bewaffnung  der  Arbeiter  und  Bauern,  für  die 
Einberufung  der  konstituierenden  Versammlung  zu  verwenden?  Begreift 
ihr  nicht  endlich,  Herrschaften,  daß  der  Begriff  „äußerste  Opposition" 
nur  negative  Handlungen  zum  Ausdruck  bringt:  entlarven,  dagegen  stim- 
men, verweigern?  Und  warum?  Weil  dieser  Begriff  sich  nur  auf  den  par- 
lamentarischen Kampf  bezieht,  und  zwar  in  einer  Epoche,  in  der  niemand 
den  „entscheidenden  Sieg"  als  unmittelbares  Kampfziel  aufstellt.  Begreift 
ihr  nicht  endlich,  daß  sich  in  dieser  Hinsicht  die  Sache  kardinal  ändert, 
sobald  auf  der  ganzen  Linie  der  entschlossene  Ansturm  des  politisch  unter- 
drückten Volkes  zum  erbitterten  Kampf  um  den  Sieg  beginnt? 

Die  Arbeiter  fragen  uns,  ob  man  die  unaufschiebbare  Sache  des  Auf- 
stands energisch  in  die  Hand  nehmen  soll.  Wie  es  zu  bewerkstelligen  ist, 
daß  der  begonnene  Aufstand  siegreich  endet.  Wie  der  Sieg  ausgenutzt  wer- 
den soll.  Welches  Programm  dann  verwirklicht  werden  kann  und  muß.  Die 
Neuiskristen,  die  den  Marxismus  vertiefen,  antworten  darauf:  Die  Partei 
der  äußersten  revolutionären  Opposition  bleiben . . . Nun,  hatten  wir  etwa 
nicht  recht,  als  wir  diese  Helden  Virtuosen  des  Philistertums  nannten? 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  67 


10.  DIE  „REVOLUTIONÄREN  KOMMUNEN" 

UND  DIE  REVOLUTIONÄR-DEMOKRATISCHE  DIKTATUR 
DES  PROLETARIATS  UND  DER  BAUERNSCHAFT 

Die  Konferenz  der  Neuiskristjgp  beharrte  nicht  auf  dem  anarchistischen 
Standpunkt,  zu  dem  sich  die  neue  „Iskra"  verstiegen  hatte  (nur  „von 
unten"  anstatt  „von  unten  und  von  oben").  Der  Widersinn  der  Behaup- 
tung, der  Aufstand  sei  möglich,  aber  der  Sieg  sei  unmöglich  und  die  Teil- 
nahme an  einer  provisorischen  revolutionären  Regierung  unzulässig,  sprang 
zu  sehr  ins  Auge.  Die  Resolution  hat  deshalb  die  von  Martynow  und  Mar- 
tow  gegebene  Lösung  der  Frage  mit  Vorbehalten  und  Einschränkungen 
versehen.  Betrachten  wir  uns  einmal  diese  Vorbehalte,  die  im  nächsten 
Teil  der  Resolution  dargelegt  sind: 

„Diese  Taktik"  („die  Partei  der  äußersten  revolutionären  Opposition 
bleiben")  „schließt  natürlich  nicht  im  geringsten  die  Zweckmäßigkeit  der 
teilweisen,  episodischen  Machtergreifung  und  der  Bildung  revolutionärer 
Kommunen  in  der  einen  oder  anderen  Stadt  und  in  dem  einen  oder  an- 
deren Bezirk  aus,  wobei  ausschließlich  das  Interesse  maßgebend  ist,  die 
Ausbreitung  des  Aufstands  und  die  Desorganisierung  der  Regierung  zu 
fördern." 

Ist  dem  so,  so  bedeutet  das,  daß  im  Prinzip  die  Aktion  nicht  nur  von 
unten,  sondern  auch  von  oben  zulässig  ist.  Folglich  wird  der  im  bekannten 
Feuilleton  L.  Martows  in  der  „Iskra"  (Nr.  93)  aufgestellte  Grundsatz  ver- 
worfen und  die  Taktik  der  Zeitung  „Wperjod":  nicht  nur  „von  unten", 
sondern  auch  „von  oben",  als  richtig  anerkannt. 

Ferner  setzt  die  Machtergreifung  (wenn  auch  eine  teilweise,  episodische 
usw.)  offensichtlich  die  Teilnahme  nicht  allein  der  Sozialdemokratie  und 
nicht  allein  des  Proletariats  voraus.  Das  folgt  daraus,  daß  an  einer  demo- 
kratischen Revolution  nicht  allein  das  Proletariat  interessiert  und  aktiv 
beteiligt  ist.  Das  folgt  daraus,  daß  der  Aufstand,  wie  es  einleitend  in  der 
von  uns  behandelten  Resolution  heißt,  ein  „Volksaufstand"  ist,  daß  an 
ihm  auch  „nichtproletarische  Gruppen"  (der  Ausdruck  stammt  aus  der 
Resolution  der  Konferenzler  über  den  Aufstand)  teilnehmen,  d.  h.  auch 
die  Bourgeoisie.  Also  ist  das  Prinzip,  daß  jede  Teilnahme  der  Sozialisten 
zusammen  mit  dem  Kleinbürgertum  an  einer  provisorischen  revolutionä- 
ren Regierung  ein  Verrat  an  der  Arbeiterklasse  sei,  von  der  Konferenz 


68 


TV.  J.  Lenin 


über  Bord  geworfen  worden,  wie  das  der  „Wperjod"  gefordert  hat.  Ein 
„Verrat"  hört  nicht  auf,  ein  Verrat  zu  sein,  weil  sein  Tatbestand  ein  teil- 
weiser, episodischer,  regionaler  usw.  ist.  Also  ist  die  Gleichsetzung  der 
Teilnahme  an  einer  provisorischen  revolutionären  Regierung  mit  einem 
vulgären  Jauresismus  von  der  Konferenz  über  Bord  geworfen  worden, 
wie  das  der  „Wperjod"  gefordert  hat.1^  Eine  Regierung  hört  nicht  auf, 
eine  Regierung  zu  sein,  weil  sich  ihre  Macht  nicht  auf  viele  Städte  erstreckt, 
sondern  nur  auf  eine  Stadt,  nicht  auf  viele  Bezirke,  sondern  nur  auf  einen 
Bezirk,  und  auch  nicht,  weil  diese  Regierung  so  oder  anders  genannt  wird. 
Somit  ist  also  die  prinzipielle  Fragestellung,  welche  die  neue  „Iskra"  zu 
geben  versucht  hat,  von  der  Konferenz  fallengelassen  worden. 

Betrachten  wir,  ob  die  von  der  Konferenz  gemachten  Einschränkungen 
für  die  nunmehr  prinzipiell  zugelassene  Bildung  revolutionärer  Regierun- 
gen und  für  die  Teilnahme  an  ihnen  vernünftig  sind.  Wodurch  sich  der 
Begriff  „episodisch"  vom  Begriff  „provisorisch"  unterscheidet,  wissen  wir 
nicht.  Wir  befürchten,  daß  hier  lediglich  die  mangelnde  Klarheit  des  Ge- 
dankens mit  einem  „neuen"  Fremdwort  verdeckt  wird.  Das  scheint  „tie- 
fer" zu  sein,  ist  aber  in  Wirklichkeit  nur  dunkler  und  verworrener.  Wo- 
durch unterscheidet  sich  „die  Zweckmäßigkeit"  der  teilweisen  „Macht- 
ergreifung" in  einer  Stadt  oder  in  einem  Bezirk  von  der  Teilnahme  an 
einer  provisorischen  revolutionären  Regierung  des  ganzen  Staates?  Zählt 
denn  zu  den  „Städten"  nidit  eine  solche  Stadt  wie  Petersburg,  wo  sich 
der  9.  Januar  abgespielt  hat?  Gehört  denn  zu  den  Bezirken  nicht  auch  der 
Kaukasus,  der  größer  ist  als  viele  Staaten?  Erwachsen  uns  denn  die  Auf- 
gaben (die  der  neuen  „Iskra"  einst  Kopfschmerzen  verursacht  haben), 
sich  mit  den  Gefängnissen,  der  Polizei,  den  Finanzämtern  usw.  usf.  zu 
befassen,  nicht  auch  bei  der  „Machtergreifung"  in  einer  Stadt,  gesdiweige 
denn  in  einem  Bezirk?  Niemand  wird  natürlich  bestreiten,  daß  bei  un- 
zulänglichen Kräften,  wenn  der  Aufstand  zu  keinem  vollen  Erfolg,  zu 
keinem  entscheidenden  Sieg  führt,  teilweise  provisorische  revolutionäre 
Regierungen  in  einzelnen  Städten  und  anderwärts  möglidi  sind.  Aber  ge- 
hört denn  das  hierher,  meine  Herren?  Sprecht  ihr  nicht  selbst  am  Anfang 
der  Resolution  vom  „entscheidenden  Sieg  der  Revolution",  vom  „sieg- 
reichen Volksaufstand"??  Seit  wann  besorgen  die  Sozialdemokraten  die 
Geschäfte  der  Anarchisten:  die  Aufmerksamkeit  und  die  Ziele  des  Prole- 
tariats zu  zersplittern?  es  auf  das  „Teilweise"  und  nidit  auf.  das  All- 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdben  Revolution  69 


gemeine,  Einheitliche,  Umfassende  und  Vollständige  hinzulenken?  Indem 
ihr  die  „Machtergreifung"  in  einer  Stadt  voraussetzt,  sprecht  ihr  selbst 
von  der  „Ausdehnung  des  Aufstands"  auf  eine  andere  Stadt  — dürfen 
wir  wohl  annehmen?  auf  alle  Städte,  hoffentlich?  Eure  Schlußfolgerun- 
gen, meine  Herren,  sind  ebenso  brüchig  und  zufällig,  widerspruchsvoll 
und  verworren  wie  eure  Prämissen.  Der  dritte  Parteitag  der  SDAPR  hat 
eine  klare  und  erschöpfende  Antwort  gegeben  auf  die  Frage  der  provi- 
sorischen revolutionären  Regierung  überhaupt.  Diese  Antwort  umfaßt 
auch  alle  teilweisen  provisorischen  Regierungen.  Die  Antwort  der  Kon- 
ferenz dagegen  greift  künstlich  und  willkürlich  einen  7 eil  der  Frage  her- 
aus, wodurch  sie  (allerdings  erfolglos)  der  Frage  als  Ganzes  ausweidht 
und  Konfusion  erzeugt. 

Was  heißt  „revolutionäre  Kommunen"?  Unterscheidet  sich  dieser  Be- 
griff von  dem  der  „provisorischen  revolutionären  Regierung"  ? und  wenn 
ja,  worin?  Das  wissen  die  Herren  Konferenzler  selber  nicht.  Die  Ver- 
worrenheit des  revolutionären  Denkens  führt  bei  ihnen,  wie  das  durchweg 
der  Fall  zu  sein  pflegt,  zur  revolutionären  Phrase.  Jawohl,  das  Wort  „revo- 
lutionäre Kommune",  gebraucht  in  einer  Resolution  von  Vertretern  der 
Sozialdemokratie,  ist  eine  revolutionäre  Phrase  und  weiter  nichts.  Marx 
hat  derartige  Phrasen  wiederholt  verurteilt,  wenn  durch  den  „bestricken- 
den" Ausdruck  aus  einer  überlebten  "Vergangenheit  die  Aufgaben  der  Zu- 
kunft verdeckt  werden.  Das  Bestrickende  des  Ausdrucks,  der  seine  Rolle 
in  der  Geschichte  ausgespielt  hat,  verwandelt  sich  in  solchen  Fällen  in  un- 
nützes und  schädliches  Flitterwerk,  in  Wortgeklingel.  Wir  müssen  den 
Arbeitern  und  dem  ganzen  Volk  eine  klare  und  eindeutige  Vorstellung 
davon  geben,  wozu  wir  eine  provisorische  revolutionäre  Regierung  bilden 
wollen,  weldbe  konkreten  "Umgestaltungen  wir  verwirklichen  werden, 
wenn  wir  beim  siegreichen  Ausgang  des  bereits  begonnenen  Volksauf- 
stands schon  morgen  einen  entscheidenden  Einfluß  auf  die  Staatsmacht 
ausüben.  Das  sind  die  Fragen,  vor  denen  die  politischen  Führer  stehen. 

Der  III.  Parteitag  der  SDAPR  antwortet  auf  diese  Fragen  mit  voller 
Klarheit,  indem  er  das  ganze  Programm  dieser  Umgestaltungen  vorlegt: 
das  Minimalprogramm  unserer  Partei.  Das  Wort  „Kommune"  aber  gibt 
gar  keine  Antwort,  es  verwirrt  nur  die  Köpfe  mit  irgendeinem  fernen 
Klang . . . oder  mit  leerem  Geklingel.  Je  teurer  uns,  sagen  wir,  die  Pariser 
Kommune  von  1871  ist,  um  so  weniger  dürfen  wir  uns  auf  sie  berufen, 


70 


'W.  1 Lenin 


ohne  ihre  Fehler  und  ihre  besonderen  Bedingungen  zu  analysieren.  Das 
tun  hieße  das  abgeschmackte  Beispiel  der  von  Engels  verspotteten  Blan- 
quisten  nachahmen,  die  sich  (1874  in  ihrem  „Manifest")  vor  jedem  Akt 
der  Kommune  in  Ehrfurcht  verneigten.20  Was  wird  der  Konferenzler  dem 
Arbeiter  sagen,  wenn  dieser  ihn  nach  jener  „revolutionären  Kommune" 
fragt,  die  in  der  Resolution  erwähnt  ist?  Er  wird  nur  das  eine  sagen  kön- 
nen, daß  in  der  Geschichte  unter  diesem  Namen  eine  Arbeiterregierung 
bekannt  ist,  die  damals  nicht  verstand  und  nicht  vermochte,  die  Elemente 
der  demokratischen  und  der  sozialistischen  Umwälzung  auseinanderzu- 
halten, die  die  Aufgaben  des  Kampfes  für  die  Republik  und  die  Aufgaben 
des  Kampfes  für  den  Sozialismus  verwechselte,  die  nicht  imstande  war, 
die  Aufgaben  einer  energischen  militärischen  Offensive  gegen  Versailles 
zu  lösen,  die  den  Fehler  beging,  sich  nicht  der  Bank  von  Frankreich  zu 
bemächtigen  usw.  Kurzum  — ob  ihr  euch  auf  die  Pariser  oder  auf  irgend- 
eine andere  Kommune  beruft  — eure  Antwort  wird  sein:  Das  war  eine 
solche  Regierung,  wie  es  unsere  nidht  sein  darf.  Eine  schöne  Antwort,  das 
muß  man  sagen!  Zeugt  das  nicht  von  Räsoniererei  eines  Buchstaben- 
gelehrten, von  Hilflosigkeit  eines  Revolutionärs,  wenn  man  das  praktische 
Programm  der  Partei  mit  Schweigen  übergeht  und  in  der  Resolution  ganz 
unangebrachten  Geschichtsunterricht  zu  erteilen  beginnt?  Zeigt  sich  darin 
nicht  gerade  der  Fehler,  dessen  man  uns  vergeblich  zu  überführen  suchte: 
die  Verwechslung  der  demokratischen  und  der  sozialistischen  Umwäl- 
zung, die  von  keiner  einzigen  „Kommune"  auseinandergehalten  worden 
sind? 

Als  Ziel  der  provisorischen  Regierung  (die  man  so  unpassend  als  Kom- 
mune bezeichnet)  wird  „ausschließlich"  die  Ausbreitung  des  Aufstands 
und  die  Desorganisierung  der  Regierung  aufgestellt.  Das  Wort  „aus- 
schließlich", buchstäblich  verstanden,  schaltet  alle  anderen  Aufgaben  aus 
und  ist  ein  Nachklang  der  unsinnigen  Theorie  des  „nur  von  unten".  Ein 
solches  Ausschalten  der  anderen  Aufgaben  ist  wiederum  nichts  als  Kurz- 
sichtigkeit und  Unüberlegtheit.  Die  „revolutionäre  Kommune",  d.  h.  die 
revolutionäre  Staatsmacht,  wenn  auch  nur  in  einer  Stadt,  wird  unvermeid- 
lich (wenn  auch  nur  provisorisch,  „teilweise,  episodisch")  alle  Staatsfunk- 
tionen ausüben  müssen,  und  es  wäre  der  Gipfel  der  Unvernunft,  hier  den 
Kopf  in  den  Sand  zu  stecken.  Diese  Staatsmacht  wird  sowohl  den  Acht- 
stundentag zum  Gesetz  erheben  und  die  Arbeiterinspektion  in  den  Fabri- 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  71 


ken  einrichten  als  auch  die  unentgeltliche  allgemeine  Schulbildung  und  die 
Wählbarkeit  der  Richter  einführen,  Bauemkomitees  gründen  müssen 
usw.  — kurzum,  sie  wird  unbedingt  eine  Reihe  von  Reformen  durchfüh- 
ren müssen.  Diese  Reformen  unter  den  Begriff  „die  Ausbreitung  des  Auf- 
stands fördern"  einordnen  zu  wollen  hieße  mit  Worten  spielen  und  ab- 
sichtlich die  Unklarheit  dort  vergrößern,  wo  volle  Klarheit  notwendig  ist. 

Der  Schlußteil  der  neuiskristischen  Resolution  liefert  kein  neues  Mate- 
rial für  die  Kritik  an  den  prinzipiellen  Tendenzen  des  in  unserer  Partei 
wiederauferstandenen  „Ökonomismus",  aber  er  illustriert  das  oben  Ge- 
sagte von  einer  etwas  anderen  Seite. 

Hier  ist  dieser  Teil: 

„Nur  in  einem  Fall  müßte  die  Sozialdemokratie  aus  eigener  Initiative 
ihre  Anstrengungen  darauf  richten,  die  Macht  zu  ergreifen  und  sie  mög- 
lichst lange  zu  behaupten,  nämlich  wenn  die  Revolution  auf  die  fortge- 
schrittenen Länder  Westeuropas  Übergriffe,  wo  die  Bedingungen  für  die 
Verwirklichung  des  Sozialismus  schon  eine  gewisse  (?)  Reife  erreicht 
haben.  In  diesem  Falle  können  sich  die  beschränkten  historischen  Grenzen 
der  russischen  Revolution  beträchtlich  ausweiten,  und  es  wird  die  Mög- 
lichkeit entstehen,  den  Weg  sozialistischer  Umgestaltungen  zu  beschreiten. 

Indem  die  Sozialdemokratie  ihre  Taktik  auf  der  Absicht  aufbaut,  der 
sozialdemokratischen  Partei  während  der  ganzen  revolutionären  Periode 
die  Stellung  der  äußersten  revolutionären  Opposition  gegenüber  allen  Re- 
gierungen, die  sich  im  Laufe  der  Revolution  ablösen,  zu  bewahren,  kann 
sie  sich  auch  am  besten  darauf  vorbereiten,  die  Regierungsmacht  auszu- 
nutzen, wenn  sie  ihr  zufallen  (??)  sollte." 

Der  Grundgedanke  ist  hier  derselbe,  den  der  „Wperjod"  mehrfach  for- 
muliert hat,  als  er  davon  sprach,  daß  wir  einen  vollen  Sieg  der  Sozialdemo- 
kratie in  der  demokratischen  Revolution,  d.  h.  die  revolutionäre  demo- 
kratische Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft  nicht  fürchten 
dürften  (wie  Martynow  es  tut),  denn  ein  solcher  Sieg  werde  uns  die  Mög- 
lichkeit geben,  Europa  zur  Erhebung  zu  bringen,  und  das  sozialistische 
Proletariat  Europas  werde  uns,  nachdem  es  das  Joch  der  Bourgeoisie  ab- 
geschüttelt habe,  seinerseits  helfen,  die  sozialistische  Umwälzung  zu  voll- 
bringen. Man  sehe  sich  jedoch  an,  wie  dieser  Gedanke  in  der  Fassung  der 
Neuiskristen  verpfuscht  worden  ist.  Wir  wollen  nicht  auf  Einzelheiten  ein- 


72 


'W.  7.  Centn 


gehen  wie  auf  den  Unsinn,  daß  einer  zielbewußten  Partei,  die  die  Taktik 
der  Machtergreifung  für  schädlich  hält,  die  Macht  „zufallen"  könne;  oder 
darauf,  daß  in  Europa  die  Bedingungen  für  den  Sozialismus  nicht  eine 
gewisse  Reife  erreicht  haben,  sondern  überhaupt  reif  dafür  sind;  oder  dar- 
auf, daß  unser  Parteiprogramm  keine  sozialistischen  Umgestaltungen,  son- 
dern nur  die  sozialistische  Umwälzung  kennt.  Nehmen  wir  den  hauptsäch- 
lichen und  grundlegenden  Unterschied  zwischen  dem  Gedankengang  des 
„Wperjod"  und  der  Resolution.  Der  „Wperjod"  zeigte  dem  revolutio- 
nären Proletariat  Rußlands  eine  aktive  Aufgabe:  im  Kampf  für  die  Demo- 
kratie siegen  und  diesen  Sieg  ausnutzen,  um  die  Revolution  nach  Europa 
hinüberzutragen.  Die  Resolution  versteht  nicht  diesen  Zusammenhang 
zwischen  unserem  „entscheidenden  Sieg"  (nicht  im  neuiskristischen  Sinne) 
und  der  Revolution  in  Europa  und  spricht  deshalb  nicht  von  den  Aufgaben 
des  Proletariats,  nicht  von  den  Perspektiven  seines  Sieges,  sondern  von 
einer  der  Möglichkeiten  schlechthin:  „wenn  die  Revolution  Übergriffe"  . . . 
Der  „Wperjod"  zeigte  klipp  und  klar  — und  diese  Hinweise  sind  in  die 
Resolution  des  III.  Parteitags  der  SDAPR  eingegangen  — , wie  eben  im 
Interesse  des  Proletariats  „die  Regierungsmacht  ausgenutzt"  werden  kann 
und  muß,  unter  Berücksichtigung  dessen,  was  auf  der  gegebenen  Stufe 
der  gesellschaftlichen  Entwicklung  sofort  verwirklicht  werden  kann  und 
was  zuerst,  als  demokratische  Voraussetzung  des  Kampfes  für  den  Sozia- 
lismus, verwirklicht  werden  muß.  Die  Resolution  hinkt  auch  hier  hoff- 
nungslos nach,  wenn  sie  sagt:  „...kann  sich  darauf  vorbereiten,  die  Re- 
gierungsmacht auszunutzen",  aber  nicht  zu  sagen  vermag,  wie  man  das 
kann,  wie  man  sich  vorbereiten  und  wie  man  die  Regierungsmacht  aus- 
nutzen soll.  Wir  zweifeln  zum  Beispiel  nicht  daran,  daß  die  Neuiskristen 
„sich  darauf  vorbereiten  können",  die  führende  Stellung  in  der  Partei 
„auszunutzen",  der  Haken  ist  aber  der,  daß  ihre  Erfahrung  bei  dieser 
Ausnutzung  und  ihre  Vorbereitung  bis  jetzt  nicht  zu  der  Hoffnung  be- 
rechtigen, daß  sie  die  Möglichkeit  zur  Wirklichkeit  machen . . . 

Der  „Wperjod"  sagte  genau,  worin  gerade  die  reale  „Möglichkeit"  be- 
steht, „die  Macht  zu  behaupten":  in  der  revolutionären  demokratischen 
Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft,  in  ihrer  gemeinsamen 
Massenkraft,  die  imstande  ist,  über  alle  Kräfte  der  Konterrevolution  das 
Übergewicht  zu  erlangen,  und  in  der  unvermeidlichen  Übereinstimmung 
ihrer  Interessen,  was  die  demokratischen  Umgestaltungen  anbelangt.  Die 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  73 


Konferenzresolution  bietet  auch  hier  nichts  Positives,  sie  redet  bloß  um 
die  Frage  herum.  Die  Möglichkeit,  in  Rußland  die  Macht  zu  behaupten, 
muß  doch  abhängig  gemacht  werden  von  der  Zusammensetzung  der  sozia- 
len Kräfte  in  Rußland  selbst,  von  den  Bedingungen  der  demokratischen 
Umwälzung,  die  jetzt  bei  uns  vor  sich  geht.  Der  Sieg  des  Proletariats  in 
Europa  (zwischen  dem  Hinübertragen  der  Revolution  nach  Europa  und 
dem  Sieg  des  Proletariats  liegt  aber  noch  eine  gewisse  Wegstrecke)  wird 
doch  einen  verzweifelten  konterrevolutionären  Kampf  der  russischen  Bour- 
geoisie hervorrufen.  Die  Resolution  der  Neuiskristen  sagt  kein  Wort  über 
diese  konterrevolutionäre  Kraft,  deren  Bedeutung  in  der  Resolution  des 
III.  Parteitags  der  SDAPR  bewertet  wird.  Könnten  wir  uns  im  Kampfe 
für  die  Republik  und  die  Demokratie  außer  auf  das  Proletariat  nicht  auch 
auf  die  Bauernschaft  stützen,  so  wäre  die  „Behauptung  der  Macht"  eine 
aussichtslose  Sache.  Ist  sie  aber  nicht  aussichtslos,  eröffnet  der  „entschei- 
dende Sieg  der  Revolution  über  den  Zarismus"  eine  solche  Möglichkeit, 
so  müssen  wir  darauf  hinweisen,  aktiv  dazu  aufrufen,  die  Möglichkeit  zur 
Wirklichkeit  zu  machen,  praktische  Losungen  geben  nicht  nur  für  den 
Jall , daß  die  Revolution  nach  Europa  hinübergetragen  wird,  sondern  auch 
zu  dem  Zweck,  sie  hinüberzutragen.  Bei  den  Nachtrabpolitikern  der  So- 
zialdemokratie bemäntelt  die  Berufung  auf  den  „beschränkten  historischen 
Rahmen  der  russischen  Revolution"  nur  das  beschränkte  Verständnis  für 
die  Aufgaben  dieser  demokratischen  Revolution  und  für  die  führende 
Rolle  des  Proletariats  in  dieser  Revolution! 

Einer  der  Einwände  gegen  die  Losung  „revolutionär-demokratische 
Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft"  besteht  darin,  daß  die 
Diktatur  einen  „einheitlichen  Willen"  voraussetze  („Iskra"  Nr.  95),  das 
Proletariat  und  das  Kleinbürgertum  aber  keinen  einheitlichen  Willen 
haben  könnten.  Dieser  Einwand  ist  nicht  stichhaltig,  denn  er  fußt  auf  einer 
abstrakten,  „metaphysischen"  Auslegung  des  Begriffs  „einheitlicher  Wille". 
Der  Wille  kann  ja  in  einer  Beziehung  einheitlich,  in  einer  anderen  nicht 
einheitlich  sein.  Daß  der  Wille  in  den  Fragen  des  Sozialismus  und  im 
Kampf  für  den  Sozialismus  nicht  einheitlich  ist,  schließt  nicht  aus,  daß  er 
in  den  Fragen  des  Demokratismus  und  im  Kampf  für  die  Republik  ein- 
heitlich ist.  Das  vergessen  hieße  den  logischen  und  historischen  Unter- 
schied zwischen  der  demokratischen  und  der  sozialistischen  Umwälzung 
vergessen.  Das  vergessen  hieße  vergessen,  daß  die  demokratische  Umwäl- 


6 Lenin,  Werke,  Bd.  9 


74 


IV.  J.  Centn 


zung  ihrem  Charakter  nach  das  ganze  Volk  umfaßt:  Wenn  sie  aber  das 
„ganze  Volk"  umfaßt,  so  gibt  es  also  einen  „einheitlichen  Willen",  und 
zwar  insofern,  als  diese  Umwälzung  die  Bedürfnisse  und  Erfordernisse 
des  ganzen  Volkes  befriedigt.  Uber  den  Rahmen  des  Demokratismus  hin- 
aus kann  von  einem  einheitlichen  Willen  des  Proletariats  und  der  bäuer- 
lichen Bourgeoisie  keine  Rede  sein.  Der  Klassenkampf  zwischen  ihnen  ist 
unvermeidlich,  aber  auf  dem  Boden  der  demokratischen  Republik  wird 
dieser  Kampf  eben  der  tiefgehendste  und  umfassendste  Volkskampf  für 
den  Sozialismus  sein.  Die  revolutionär-demokratische  Diktatur  des  Pro- 
letariats und  der  Bauernschaft  hat,  wie  alles  auf  der  Welt,  eine  Vergangen- 
heit und  eine  Zukunft.  Ihre  Vergangenheit  sind  die  Selbstherrschaft,  die 
Leibeigenschaft,  die  Monarchie,  die  Privilegien.  Im  Kampf  gegen  diese 
Vergangenheit,  im  Kampf  gegen  die  Konterrevolution  kann  es  einen  „ein- 
heitlichen Willen"  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft  geben,  weil  ein- 
heitliche Interessen  vorhanden  sind. 

Ihre  Zukunft  ist  der  Kampf  gegen  das  Privateigentum,  der  Kampf  des 
Lohnarbeiters  gegen  den  Unternehmer,  der  Kampf  für  den  Sozialismus. 
Hier  ist  ein  einheitlicher  Wille  unmöglich.*  Hier  liegt  vor  uns  nicht  der 
Weg  von  der  Selbstherrschaft  zur  Republik,  sondern  der  Weg  von  der 
kleinbürgerlichen  demokratischen  Republik  zum  Sozialismus. 

In  der  konkreten  historischen  Situation  verflechten  sich  freilich  die  Ele- 
mente der  Vergangenheit  und  der  Zukunft,  der  eine  Weg  geht  in  den 
anderen  über.  Die  Lohnarbeit  und  ihren  Kampf  gegen  das  Privateigentum 
gibt  es  auch  unter  der  Selbstherrschaft,  sie  entsteht  in  ihrer  Keimform  so- 
gar unter  der  Leibeigenschaft.  Das  hindert  uns  jedoch  keineswegs,  die 
großen  Entwicklungsperioden  logisch  und  historisch  voneinander  zu  schei- 
den. Wir  alle  stellen  ja  die  bürgerliche  Revolution  der  sozialistischen  gegen- 
über, wir  alle  bestehen  unbedingt  auf  der  Notwendigkeit,  strengstens  zwi- 
schen ihnen  zu  unterscheiden,  aber  kann  man  denn  leugnen,  daß  sich  in  der 
Geschichte  einzelne  Teilelemente  der  einen  und  der  anderen  Umwälzung 
miteinander  verflechten?  Kennt  denn  die  Epoche  der  demokratischen  Re- 
volutionen in  Europa  nicht  eine  Reihe  sozialistischer  Bewegungen  und 

* Die  Entwicklung  des  Kapitalismus,  die  unter  freiheitlichen  Verhältnissen 
noch  umfassender  und  schneller  vor  sich  geht,  wird  dem  einheitlichen  Willen 
unvermeidlich  ein  rasches  Ende  setzen,  ein  um  so  rascheres,  je  rascher  die  Kon- 
terrevolution und  Reaktion  zerschlagen  wird. 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  75 


sozialistischer  Versuche?  Und  ist  denn  der  künftigen  sozialistischen  Revo- 
lution in  Europa  nicht  noch  vieles,  sehr  vieles  im  Sinne  des  Demokratismus 
nachzuholen  geblieben? 

Ein  Sozialdemokrat  darf  den  unvermeidlichen  Klassenkampf  des  Prole- 
tariats für  den  Sozialismus  gegen  die  Bourgeoisie  und  die  Kleinbourgeoisie, 
mögen  sie  noch  so  demokratisch  und  republikanisch  sein,  nie  und  nimmer 
vergessen.  Das  steht  außer  allem  Zweifel.  Daraus  folgt,  daß  eine  beson- 
dere, selbständige,  streng  auf  dem  Klassenprinzip  aufgebaute  Partei  der 
Sozialdemokratie  unbedingt  notwendig  ist.  Daraus  folgt,  daß  unser  „ver- 
eint schlagen"  mit  der  Bourgeoisie  zeitweiligen  Charakter  trägt,  daß  wir 
die  Pflicht  haben,  „auf  den  Verbündeten  wie  auf  den  Feind"  scharf  aufzu- 
passen usw.  Das  alles  unterliegt  ebenfalls  nicht  dem  geringsten  Zweifel. 
Aber  es  wäre  lächerlich  und  reaktionär,  daraus  zu  folgern,  daß  man  die 
zwar  vorübergehenden  und  zeitweiligen,  aber  in  der  Gegenwart  aktuellen 
Aufgaben  vergessen,  ignorieren  oder  vernachlässigen  dürfte.  Der  Kampf 
gegen  die  Selbstherrschaft  ist  eine  zeitweilige  und  vorübergehende  Auf- 
gabe der  Sozialisten,  doch  jedes  Ignorieren  oder  Vernachlässigen  dieser 
Aufgabe  bedeutet  nichts  anderes,  als  den  Sozialismus  zu  verraten  und  der 
Reaktion  einen  Dienst  zu  erweisen.  Die  revolutionär-demokratische  Dikta- 
tur des  Proletariats  und  der  Bauernschaft  ist  zweifellos  nur  eine  vorüber- 
gehende, zeitweilige  Aufgabe  der  Sozialisten,  aber  es  ist  geradezu  reaktio- 
när, diese  Aufgabe  in  der  Epoche  der  demokratischen  Revolution  zu  igno- 
rieren. 

Konkrete  polirische  Aufgaben  muß  man  in  einer  konkreten  Situation 
stellen.  Alles  ist  relativ,  alles  fließt,  alles  ändert  sich.  Die  deutsche  Sozial- 
demokratie stellt  in  ihrem  Programm  nicht  die  Forderung  der  Republik 
auf.  Dort  ist  die  Situation  so,  daß  diese  Frage  praktisch  kaum  von  der 
Frage  des  Sozialismus  zu  trennen  ist  (obwohl  Engels  in  den  Bemerkungen 
zum  Entwurf  des  Erfurter  Programms  1891  auch  hinsichtlich  Deutschlands 
davor  gewarnt  hat,  die  Bedeutung  der  Republik  und  des  Kampfes  für  die 
Republik  zu  unterschätzen  !21).  In  der  russischen  Sozialdemokratie  tauchte 
nicht  einmal  die  Frage  auf,  ob  man  die  Forderung  der  Republik  aus  dem 
Programm  und  aus  der  Agitation  streichen  solle,  denn  bei  uns  kann  von 
einem  untrennbaren  Zusammenhang  zwischen  den  Fragen  der  Republik 
und  des  Sozialismus  gar  keine  Rede  sein.  Der  deutsche  Sozialdemokrat 
von  1898,  der  nicht  speziell  die  Frage  der  Republik  in  den  Vordergrund 


76 


W.  J.  Lenin 


rückt,  ist  eine  natürliche  Erscheinung,  die  weder  Verwunderung  noch  Ver- 
urteilung hervorruft.  Der  deutsche  Sozialdemokrat,  der  1848  die  Frage 
der  Republik  im  unklaren  gelassen  hätte,  wäre  ein  direkter  Verräter  an 
der  Revolution  gewesen.  Es  gibt  keine  abstrakte  Wahrheit.  Die  Wahrheit 
ist  immer  konkret. 

Die  Zeit  wird  kommen,  da  der  Kampf  gegen  die  russische  Selbstherr- 
schaft zu  Ende  und  die  Epoche  der  demokratischen  Revolution  für  Ruß- 
land vorbei  sein  wird;  dann  wird  es  lächerlich  anmuten,  vom  „einheit- 
lichen Willen"  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft,  von  der  demokrati- 
schen Diktatur  usw.  auch  nur  zu  sprechen.  Dann  werden  wir  unmittelbar 
an  die  sozialistische  Diktatur  des  Proletariats  denken  und  eingehender 
darüber  sprechen.  Heute  aber  muß  die  Partei  der  fortgeschrittensten 
Klasse  den  entscheidenden  Sieg  der  demokratischen  Revolution  über  den 
Zarismus  auf  das  tatkräftigste  anstreben.  Und  der  entscheidende  Sieg  ist 
eben  nichts  anderes  als  die  revolutionär-demokratische  Diktatur  des  Pro- 
letariats und  der  Bauernschaft. 

Anmerkung 22 

1.  Wir  erinnern  den  Leser  daran,  daß  in  der  Polemik  zwischen  der 
„Iskra"  und  dem  „Wperjod"  erstere  sich  unter  anderem  auf  einen  Brief 
von  Engels  an  Turati  berief,  in  dem  Engels  den  (späteren)  Führer  der  italie- 
nischen Reformisten  davor  warnte,  die  demokratische  Revolution  mit  der 
sozialistischen  zu  verwechseln.23  Die  bevorstehende  Revolution  in  Italien, 
schrieb  Engels  zur  politischen  Lage  in  Italien  1894,  wird  eine  kleinbürger- 
liche, demokratische,  und  nicht  eine  sozialistische  sein.  Die  „Iskra"  machte 
dem  „Wperjod"  den  Vorwurf,  er  weiche  von  dem  Prinzip  ab,  das  Engels 
aufgestellt  habe.  Dieser  Vorwurf  war  unberechtigt,  denn  der  „Wperjod" 
(Nr.  14)*  erkannte  die  Richtigkeit  der  Marxschen  Theorie  vom  Unter- 
schied der  drei  Hauptkräfte  in  den  Revolutionen  des  19.  Jahrhunderts  im 
großen  und  ganzen  durchaus  an.  Nach  dieser  Theorie  treten  der  alten  Ge- 
sellschaftsordnung, der  Selbstherrschaft,  dem  Feudalismus,  der  Leibeigen- 
schaft, entgegen:  1.  die  liberale  Großbourgeoisie;  2.  das  radikale  Klein- 
bürgertum; 3.  das  Proletariat.  Die  erste  kämpft  lediglich  für  die  konstitu- 
tionelle Monarchie,  das  zweite  für  die  demokratische  Republik,  das  dritte 
für  die  sozialistische  Umwälzung.  Die  Verwechslung  des  kleinbürgerlichen 

* Siehe  Werke,  4.  Ausgabe,  Bd.  8,  S.  247—263,  ross.  Die  Red. 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisiert  Revolution  77 


Kampfes  für  die  vollständige  demokratische  Umwälzung  mit  dem  proleta- 
rischen Kampf  für  die  sozialistische  Revolution  droht  dem  Sozialisten  mit 
politischem  Bankrott.  Diese  Warnung  von  Marx  ist  durchaus  richtig.  Aber 
gerade  aus  diesem  Grunde  ist  eben  die  Losung  der  „revolutionären  Kom- 
munen" falsch,  denn  die  in  der  Geschichte  bekannten  Kommunen  haben 
ja  gerade  die  demokratische  Umwälzung  mit  der  sozialistischen  verwech- 
selt. Unsere  Losung:  revolutionäre  demokratische  Diktatur  des  Proleta- 
riats und  der  Bauernschaft  hingegen  bietet  die  volle  Garantie,  daß  dieser 
Fehler  vermieden  wird.  Denn  unsere  Losung  erkennt  vorbehaltlos  den 
bürgerlichen  Charakter  der  Revolution  an,  die  unfähig  ist,  über  den  Rah- 
men einer  nur  demokratischen  Umwälzung  unmittelbar  hinauszugehen, 
treibt  aber  zugleich  diese  Umwälzung  vorwärts,  ist  bestrebt,  dieser  Um- 
wälzung die  für  das  Proletariat  vorteilhaftesten  Formen  zu  geben,  und  ist 
folglich  bestrebt,  die  demokratische  Umwälzung  für  die  Zwecke  des  weite- 
ren erfolgreichen  Kampfes  des  Proletariats  für  den  Sozialismus  in  denk- 
bar bester  Weise  auszunutzen. 


II.  FLUCHTIGER  VERGLEICH  EINIGER  RESOLUTIONEN 
DES  III.  PARTEITAGS  DER  SDAPR  UND  DER  „KONFERENZ" 

Die  Frage  der  provisorischen  revolutionären  Regierung  bildet  für  die 
Sozialdemokratie  gegenwärtig  den  Schwerpunkt  der  taktischen  Fragen. 
Auf  die  übrigen  Resolutionen  der  Konferenz  ebenso  ausführlich  einzu- 
gehen ist  weder  möglich  noch  nötig.  Wir  werden  uns  nur  mit  einem  kurzen 
Hinweis  auf  einige  Punkte  begnügen,  die  den  von  uns  oben  analysierten 
prinzipiellen  Unterschied  der  taktischen  Linie  zwischen  den  Resolutionen 
des  III.  Parteitags  der  SDAPR  und  den  Resolutionen  der  Konferenz  be- 
stätigen. 

Nehmen  wir  die  Frage  der  Stellung  zur  Taktik  der  Regierung  am  Vor- 
abend der  Umwälzung.  Wiederum  wird  man  in  der  Resolution  des 

III.  Parteitags  der  SDAPR  eine  vollständige  Antwort  finden.  Diese  Reso- 
lution berücksichtigt  all  die  mannigfachen  Bedingungen  und  Aufgaben  des 
besonderen  Augenblicks:  sowohl  die  Entlarvung  der  heuchlerischen  Zu- 
geständnisse der  Regierung  als  auch  die  Ausnutzung  der  „karikaturisti- 
schen Formen  einer  Volksvertretung",  sowohl  die  revolutionäre  Verwirk- 


78 


'W.  1 Cenin 


lichung  der  dringenden  Forderungen  der  Arbeiterklasse  (vor  allem  des 
Achtstundentags)  als  schließlich  auch  die  Abwehr  der  Schwarzhundert- 
schaften. In  den  Konferenzresolutionen  ist  die  Frage  in  verschiedenen  Ab- 
schnitten verstreut:  Die  „Abwehr  der  finsteren  Kräfte  der  Reaktion"  ist 
nur  in  den  Motivierungen  der  Resolution  über  die  Stellung  zu  den  anderen 
Parteien  erwähnt.  Die  Beteiligung  an  den  Wahlen  zu  den  Vertretungs- 
körperschaften wird  getrennt  von  den  „Kompromissen"  des  Zarismus  mit 
der  Bourgeoisie  behandelt.  Anstatt  der  Aufforderung,  den  Achtstundentag 
auf  revolutionärem  Wege  zu  verwirklichen,  wird  in  einer  besonderen  Re- 
solution mit  dem  pompösen  Titel  „über  den  ökonomischen  Kampf"  (nach 
den  tönenden  und  sehr  törichten  Worten  von  dem  „zentralen  Platz,  den 
die  Arbeiterfrage  im  öffentlichen  Leben  Rußlands  eingenommen  hat")  nur 
die  alte  Losung  von  der  Agitation  für  die  „gesetzliche  Festlegung  des  Acht- 
stundentags" wiederholt.  Daß  diese  Losung  im  gegenwärtigen  Augenblick 
ungenügend  und  zurückgeblieben  ist,  ist  viel  zu  klar,  als  daß  es  eines  wei- 
teren Beweises  bedürfte. 

Nun  zur  Frage  des  offenen  politischen  Auftretens.  Der  III.  Parteitag 
zieht  die  bevorstehende  grundlegende  Änderung  unserer  Tätigkeit  in  Be- 
tracht. Die  konspirative  Tätigkeit  und  der  Ausbau  des  konspirativen 
Apparats  dürfen  in  keiner  Weise  vernachlässigt  werden;  das  käme  der 
Polizei  sehr  gelegen  und  wäre  für  die  Regierung  äußerst  vorteilhaft.  Man 
muß  aber  schon  jetzt  auch  an  das  offene  Auftreten  denken.  Man  muß  un- 
verzüglich zweckmäßige  Formen  eines  solchen  Auftretens  und  folglich 
einen  besonderen,  weniger  konspirativen  Apparat  für  diesen  Zweck  vor- 
bereiten. Man  muß  die  legalen  und  halblegalen  Verbände  ausnutzen,  um 
sie  nach  Möglichkeit  in  Stützpunkte  für  die  künftige  legale  Sozialdemo- 
kratische Arbeiterpartei  in  Rußland  zu  verwandeln. 

Die  Konferenz  zerstückelt  auch  diese  Frage,  ohne  irgendwelche  voll- 
ständigen Losungen  zu  geben.  Besonders  fällt  der  lächerliche  Auftrag  an 
die  Organisationskommission  auf,  für  die  „Unterbringung"  der  legalen 
Literaten  zu  sorgen.  Ganz  absurd  ist  der  Beschluß,  daß  wir  „jene  demokra- 
tischen Zeitungen  unter  unseren  Einfluß  bringen  müssen,  die  sich  das  Ziel 
setzen,  die  Arbeiterbewegung  zu  fördern".  Dieses  Ziel  setzen  sich  alle 
unsere  legalen  liberalen  Zeitungen,  die  ja  fast  durchweg  der  Richtung  des 
„Oswoboshdenije"  angehören.  Warum  sollte  die  „Iskra"-Redaktion  nicht 
selbst  damit  beginnen,  ihren  Rat  in  die  Tat  umzusetzen,  und  uns  ein  Bei- 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  79 


spiel  geben,  wie  man  das  „Oswoboshdenije"  unter  sozialdemokratischen 
Einfluß  bringt?  Anstatt  der  Losung,  die  legalen  Verbände  zur  Schaffung 
von  Stützpunkten  für  die  Partei  auszunutzen,  gibt  man  uns  erstens  einen 
Rat,  der  nur  eine  Teilfrage,  nämlich  die  „Gewerkschafts"verbände  betrifft 
(obligatorische  Mitgliedschaft  für  Parteimitglieder),  und  zweitens  den  Rat, 
die  „revolutionären  Organisationen  der  Arbeiter"  = „losen  Organisatio- 
nen" = „revolutionären  Arbeiterklubs"  zu  leiten.  Wie  die  „Klubs"  unter 
die  losen  Organisationen  geraten  sind,  was  das  für  „Klubs"  sind,  das  weiß 
Allah  allein.  Anstatt  präziser,  klarer  Direktiven  der  höchsten  Parteikörper- 
schaft sehen  wir  hingeworfene  Gedankensplitter  und  flüchtige  Notizen  von 
Literaten.  Ein  vollständiges  Bild  davon,  wie  die  Partei  beginnen  soll,  ihre 
gesamte  Arbeit  auf  eine  völlig  neue  Basis  umzustellen,  erhält  man  nicht. 

Die  „Bauernfrage"  ist  vom  Parteitag  und  von  der  Konferenz  ganz  ver- 
schieden gestellt  worden.  Der  Parteitag  hat  eine  Resolution  über  „die  Stel- 
lung zur  Bauernbewegung",  die  Konferenz  eine  Resolution  über  „die  Ar- 
beit unter  den  Bauern"  ausgearbeitet.  In  dem  einen  Fall  werden  die  Auf- 
gaben der  Leitung  der  ganzen  breiten  revolutionär-demokratischen  Be- 
wegung im  gesamtnationalen  Interesse  des  Kampfes  gegen  den  Zarismus 
in  den  Vordergrund  gerückt.  In  dem  anderen  Fall  reduziert  sich  das  Ganze 
auf  die  „Arbeit"  unter  einer  besonderen  Schicht.  In  dem  einen  Fall  wird 
eine  zentrale  praktische  Agitationslosung  ausgegeben  — die  sofortige 
Bildung  von  revolutionären  Bauernkomitees  zur  Durchführung  aller  demo- 
kratischen Umgestaltungen.  In  dem  anderen  Fall  heißt  es,  daß  „die  Forde- 
rung, Komitees  zu  bilden",  der  konstituierenden  Versammlung  unterbrei- 
tet werden  solle.  Warum  müssen  wir  unbedingt  diese  konstituierende  Ver- 
sammlung abwarten?  wird  sie  in  Wirklichkeit  zu  einer  konstituierenden 
werden?  wird  sie  ohne  vorhergehende  und  gleichzeitige  Schaffung  von 
revolutionären  Bauernkomitees  von  Bestand  sein?  Alle  diese  Fragen  sind 
von  der  Konferenz  außer  acht  gelassen  worden.  In  allen  ihren  Beschlüssen 
spiegelt  sich  mithin  der  von  uns  aufgezeigte  allgemeine  Gedanke  wider, 
daß  wir  in  der  bürgerlichen  Revolution  nur  unsere  besondere  Arbeit  zu 
leisten  hätten,  ohne  uns  das  Ziel  zu  setzen,  die  gesamte  demokratische  Be- 
wegung zu  leiten  und  sie  selbständig  durchzuführen.  Wie  die  Ökono- 
misten ständig  in  den  Irrtum  verfielen,  die  Sozialdemokraten  hätten  sich 
um  den  ökonomischen  Kampf,  die  Liberalen  aber  um  den  politischen 
Kampf  zu  kümmern,  so  verfallen  auch  die  Neuiskristen  im  ganzen  Verlauf 


80 


W.  J.  Lenin 


ihrer  Betrachtungen  in  den  Irrtum,  uns  gebühre  ein  bescheidener  Winkel 
abseits  von  der  bürgerlichen  Revolution,  Sache  der  Bourgeoisie  dagegen 
sei  es,  die  Revolution  aktiv  durchzuführen. 

Schließlich  darf  auch  die  Resolution  über  die  Stellung  zu  den  anderen 
Parteien  nicht  unerwähnt  bleiben.  Die  Resolution  des  III.  Parteitags  der 
SDAPR  spricht  von  der  Entlarvung  jeder  Beschränktheit  und  Unzuläng- 
lichkeit der  bürgerlichen  Freiheitsbewegung,  ohne  sich  dem  naiven  Gedan- 
ken hinzugeben,  man  müsse  von  Parteitag  zu  Parteitag  alle  möglichen 
Fälle  dieser  Beschränktheit  aufzählen  und  eine  Linie  ziehen,  welche  die 
schlechten  von  den  guten  Bourgeois  scheidet.  Die  Konferenz  sucht,  den 
Fehler  Starowers  wiederholend,  beharrlich  nach  einer  solchen  Scheidelinie 
und  entwickelt  dabei  die  berühmte  Theorie  des  „Lackmuspapiers".  Sta- 
rower  ging  von  der  sehr  guten  Idee  aus,  der  Bourgeoisie  recht  strenge  Be- 
dingungen zu  stellen.  Er  vergaß  nur,  daß  jeder  Versuch,  die  bürgerlichen 
Demokraten  von  vornherein  zu  scheiden  in  solche,  die  verdienen,  daß 
man  ihnen  Anerkennung  zollt,  mit  ihnen  Abkommen  schließt  usw.,  und 
in  solche,  die  das  nicht  verdienen,  zu  einer  „Formel"  führt,  die  von  der 
Entwicklung  der  Ereignisse  sofort  wieder  über  Bord  geworfen  wird  und 
die  in  das  proletarische  Klassenbewußtsein  Verwirrung  hineinträgt.  Denn 
das  Schwergewicht  wird  damit  von  der  realen  Einheit  im  Kampf  auf  Er- 
klärungen, Versprechungen  und  Losungen  verlegt.  Starower  betrachtete 
als  eine  solche  grundlegende  Losung  das  „allgemeine,  gleiche,  direkte  und 
geheime  Wahlrecht".  Es  vergingen  keine  zwei  Jahre  — und  das  „Lackmus- 
papier" erwies  sich  als  untauglich,  die  Losung  des  allgemeinen  Wahlrechts 
wurde  von  den  Oswoboshdenzen  übernommen,  und  diese  sind  dadurch 
der  Sozialdemokratie  keineswegs  nähergekommen,  sondern  versuchen  im 
Gegenteil,  eben  mittels  dieser  Losung  die  Arbeiter  irrezuführen  und  sie 
vom  Sozialismus  abzulenken. 

Jetzt  stellen  die  Neuiskristen  noch  „strengere  Bedingungen",  sie  „for- 
dern" von  den  Feinden  des  Zarismus  die  „energische  und  unzwei- 
deutige (!?)  Unterstützung  jeder  entschlossenen  Aktion  des  organisierten 
Proletariats"  usw.,  einschließlich  der  „aktiven  Beteiligung  an  der  Selbst- 
bewaffnung des  Volkes".  Die  Scheidelinie  erstreckt  sich  auf  viel  weitere 
Gebiete  — und  nichtsdestoweniger  ist  diese  Linie  schon  wieder  veraltet,  hat 
sie  sich  sofort  als  untauglich  erwiesen.  Warum  fehlt  z.  B.  die  Losung  der 
Republik?  Wie  kommt  es,  daß  die  Sozialdemokraten  von  den  bürgerlichen 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  81 


Demokraten  im  Interesse  des  „rücksichtslosen  revolutionären  Krieges 
gegen  alle  Grundlagen  der  ständisch-monarchischen  Ordnung"  alles  mög- 
liche „fordern",  nur  nicht  den  Kampf  für  die  Republik? 

Daß  diese  Frage  keine  Nörgelei,  daß  der  Fehler  der  Neuiskristen  von 
lebendigster  politischer  Bedeutung  ist,  beweist  der  „Russische  Befreiungs- 
bund" (siehe  „Proletari"  Nr.  4)*.  Diese  „Feinde  des  Zarismus"  dürften 
allen  „Forderungen"  der  Neuiskristen  vollkommen  entsprechen.  Indessen 
haben  wir  gezeigt,  daß  im  Programm  (oder  in  der  Programmlosigkeit)  die- 
ses „Russischen  Befreiungsbundes"  der  Geist  des  „Oswoboshdenije" 
herrscht  und  daß  die  Oswoboshdenzen  ihn  leicht  ins  Schlepptau  nehmen 
können.  Die  Konferenz  jedoch  erklärt  am  Schluß  der  Resolution,  daß  „die 
Sozialdemokratie  allen  jenen  politischen  Parteien,  die  zwar  das  liberale 
und  demokratische  Banner  entrollen,  aber  sich  weigern,  den  revolutionären 
Kampf  des  Proletariats  wirklich  zu  unterstützen,  nach  wie  vor  als  heuch- 
lerische» freunden  des  Volkes  entgegentreten  wird".  Der  „Russische  Be- 
freiungsbund" ist  weit  davon  entfernt,  sich  zu  weigern,  er  bietet  diese 
Unterstützung  im  Gegenteil  eifrig  an.  Ist  das  eine  Bürgschaft  dafür,  daß 
seine  Führer  keine  „heuchlerischen  Freunde  des  Volkes"  sind,  wenngleich 
sie  zu  den  Oswoboshdenzen  gehören? 

Man  sieht:  Dadurch,  daß  die  Neuiskristen  im  voraus  „Bedingungen" 
verfassen  und  grimmige  „Forderungen"  aufstellen,  die  in  ihrer  Ohnmacht 
komisch  wirken,  bringen  sie  sich  sofort  in  eine  lächerliche  Lage.  Ihre  Be- 
dingungen und  Forderungen  erweisen  sich  sofort  als  unzulänglich,  wenn 
es  gilt,  der  lebendigen  Wirklichkeit  Rechnung  zu  tragen.  Ihr  Jagen  nach 
Formeln  ist  aussichtslos,  denn  es  gibt  keine  Formel,  in  der  man  alle  die 
Äußerungen  von  Heuchelei,  Inkonsequenz  und  Beschränktheit  der  bürger- 
lichen Demokratie  einfangen  könnte.  Nicht  auf  „Lackmuspapier",  nicht 

* In  Nr.  4 des  „Proletari"  vom  4.  Juni  1905  erschien  ein  umfangreicher  Ar- 
tikel „Ein  neuer  revolutionärer  Arbeiterbund"  (siehe  Werke,  4.  Ausgabe,  Bd.  8, 
S.  465— 476,  russ.  Die  Red.).  In  dem  Artikel  wird  der  Inhalt  der  Aufrufe  dieses 
Bundes  wiedergegeben,  der  sich  „Russischer  Befreiungsbund"  nannte  und  sich 
die  Einberufung  einer  konstituierenden  Versammlung  mit  Hilfe  des  bewaffne- 
ten Aufstands  zu m Ziele  setzte.  Weiterhin  wird  in  dem  Artikel  die  Stellung  der 
Sozialdemokratie  zu  derartigen  parteilosen  Verbänden  festgelegt.  Inwieweit  die- 
ser Bund  real  und  welches  sein  Schicksal  in  der  Revolution  war,  entzieht  sich  völ- 
lig unserer  Kenntnis.  (Fußnote  des  Verfassers  zur  Ausgabe  von  1907.  Die  Red.) 


82 


W.  J.  Lettin 


auf  Formeln,  nicht  auf  niedergeschriebene  und  abgedruckte  Forderungen, 
nicht  auf  eine  von  vornherein  gezogene  Grenzlinie  zwischen  heuchle- 
rischen und  nichtheuchlerischen  „Freunden  des  Volkes"  kommt  es  an,  son- 
dern auf  die  reale  Einheit  im  Kampf,  auf  die  unablässige  Kritik  seitens  der 
Sozialdemokratie  an  jedem  „unentschlossenen"  Schritt  der  bürgerlichen 
Demokratie.  Für  den  „wirklichen  Zusammenschluß  aller  am  demokrati- 
schen Umbau  interessierten  gesellschaftlichen  Kräfte"  bedarf  es  nicht  der 
„Punkte",  mit  denen  sich  die  Konferenz  so  eifrig  und  so  vergeblich  ab- 
mühte, sondern  der  Fähigkeit,  wirklich  revolutionäre  Losungen  aufzustel- 
len. Dazu  braucht  man  Losungen,  welche  die  revolutionäre  und  republika- 
nische Bourgeoisie  auf  das  Niveau  des  Proletariats  emporheben,  nicht  aber 
die  Aufgaben  des  Proletariats  auf  das  Niveau  der  monarchistischen  Bour- 
geoisie hinabdrücken.  Dazu  ist  die  energischste  Beteiligung  am  Aufstand 
notwendig,  nicht  aber  räsonierende  Ausflüchte  vor  der  unaufschiebbaren 
Aufgabe  des  bewaffneten  Aufstands. 


12.  WIRD  DER  SCHWUNG 

DER  DEMOKRATISCHEN  REVOLUTION  GESCHWÄCHT, 

WENN  DIE  BOURGEOISIE  VON  IHR  ABSCHWENKT? 

Die  obigen  Zeilen  waren  schon  geschrieben,  als  wir  die  von  der  „Iskra" 
herausgegebenen  Resolutionen  der  kaukasischen  Konferenz  der  Neuiskri- 
sten  erhielten.  Pour  la  bonne  bouche  (als  letzten  Leckerbissen)  hätten  wir 
uns  kein  besseres  Material  wünschen  können. 

Die  Redaktion  der  „Iskra"  bemerkt  mit  Recht:  „In  der  Grundfrage  der 
Taktik  ist  die  kaukasische  Konferenz  ebenfalls  zu  einem  Beschluß  gekom- 
men, der  dem  auf  der  gesamtrussischen  (d.  h.  neuiskristischen)  Konferenz 
angenommenen  analog  ist.  (Das  ist  wahr!)  Die  Frage  der  Stellung  der  So- 
zialdemokratie zur  provisorischen  revolutionären  Regierung  ist  von  den 
kaukasischen  Genossen  im  Sinne  der  schärfsten  Ablehnung  jener  neuen 
Methode  entschieden  worden,  die  von  der  Gruppe  ,Wperjod‘  und  den 
Delegierten  des  sogenannten  Parteitags,  die  sich  ihr  angeschlossen  haben, 
propagiert  wird."  „Die  von  der  Konferenz  gegebene  Formulierung  der 
Taktik  der  proletarischen  Partei  in  der  bürgerlichen  Revolution  muß  als 
sehr  gelungen  bezeichnet  werden." 


Z wei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  83 


Was  wahr  ist,  ist  wahr.  Eine  „gelungenere"  Formulierung  des  Grund- 
fehlers der  Neuiskristen  hätte  niemand  geben  können.  Wir  wollen  diese 
Formulierung  ungekürzt  bringen  und  vorerst  in  Klammern  auf  die  Blüten, 
dann  aber  auch  auf  die  zum  Schluß  servierten  Früchte  aufmerksam  machen. 

Hier  die  Resolution  der  kaukasischen  Konferenz  der  Neuiskristen  über 
die  provisorische  Regierung: 

„Da  die  Konferenz  es  als  ihre  Aufgabe  betrachtet,  den  revolutionären 
Augenblick  zur  Vertiefung"  (nun  natürlich!  Man  müßte  hinzufügen:  zur 
Martynowschen  Vertiefung!)  „des  sozialdemokratischen  Bewußtseins  des 
Proletariats  auszunutzen",  (nur  zur  Vertiefung  des  Bewußtseins  und  nicht 
zur  Erkämpfung  der  Republik?  Welch  „tiefe"  Auffassung  von  der  Revo- 
lution !)  „spricht  sie  sich,  um  der  Partei  die  vollste  Freiheit  der  Kritik  an 
dem  entstehenden  bürgerlich-staatlichen  Regime  zu  sichern",  (die  Repu- 
blik zu  sichern,  ist  nicht  unsere  Sache!  Unsere  Sache  ist  nur,  die  Freiheit 
der  Kritik  zu  sichern.  Anarchistische  Ideen  erzeugen  auch  eine  anarchi- 
stische Sprache:  „bürgerlich-staatliches"  Regime!)  „gegen  die  Bildung  einer 
sozialdemokratischen  provisorischen  Regierung  und  gegen  den  Eintritt  in 
eine  solche  Regierung  aus"  (man  erinnere  sich  an  die  von  Engels 
zitierte  Resolution  der  Bakunisten  zehn  Monate  vor  der  spanischen  Revo- 
lution,- siehe  „Proletari"  Nr.  324)  „und  hält  es  für  das  zweckmäßigste, 
auf  die  bürgerliche  provisorische  Regierung  zwecks  angemessener  (?!) 
Demokratisierung  des  staatlichen  Regimes  einen  Druck  von  außen  aus- 
zuüben" (von  unten,  aber  nicht  von  oben).  „Die  Konferenz  ist  der 
Meinung,  daß  die  Bildung  einer  provisorischen  Regierung  durch  die 
Sozialdemokraten  oder  der  Eintritt  in  eine  solche  einerseits  zum  Abfall 
breiter  Massen  des  Proletariats  von  der  sozialdemokratischen  Partei 
führen  würde,  die  von  ihr  enttäuscht  wären,  weil  die  Sozialdemokratie, 
ungeachtet  der  Machtergreifung,  die  dringenden  Bedürfnisse  der  Arbeiter- 
klasse einschließlich  der  Verwirklichung  des  Sozialismus  nicht  befriedigen 
könnte",  (die  Republik  ist  kein  dringendes  Bedürfnis!  Die  Verfasser 
merken  in  ihrer  Unschuld  gar  nicht,  daß  sie  eine  rein  anarchistische 
Sprache  führen,  als  ob  sie  die  Teilnahme  an  bürgerlichen  Revolutio- 
nen ablehnten!)  „anderseits  aber  die  bürgerlichen  Xiassen 
veranlassen  würde,  von  der  Revolution  abzuschwenken, 
wo  dur  cb  der  S cbwung  der  Revolution  geschwächt  wür  de  " 

Hier  also  liegt  der  Hund  begraben.  Hier  ist  es,  wo  sich  die  anarchisti- 


84 


W.  J.  Lenin 


sehen  Ideen  mit  dem  Opportunismus  reinsten  Wassers  verflechten  (wie  das 
auch  bei  den  westeuropäischen  Bemsteinianern  ständig  der  Fall  ist).  Man 
denke  bloß:  In  die  provisorische  Regierung  nicht  eintreten,  weil  das  die 
Bourgeoisie  veranlassen  würde,  von  der  Revolution  abzuschwenken,  wo- 
durch der  Schwung  der  Revolution  geschwächt  würde!  Da  haben  wir  ja  in 
Reinkultur,  in  vollständiger  und  konsequenter  Form,  die  neuiskristische 
Philosophie  vor  uns,  wonach  wir,  weil  die  Revolution  eine  bürgerliche  ist, 
der  bürgerlichen  Banalität  unsere  Reverenz  erweisen  und  ihr  den  Vor- 
rang lassen  müssen.  Denn  lassen  wir  uns,  wenn  auch  nur  teilweise,  auch 
nur  einen  Augenblick  lang,  von  der  Erwägung  leiten,  daß  unsere  Teil- 
nahme die  Bourgeoisie  veranlassen  könnte,  abzuschwenken,  so  treten  wir 
damit  die  führende  Rolle  in  der  Revolution  ganz  und  gar  an  die  bürger- 
lichen Klassen  ab.  Wir  stellen  damit  das  Proletariat  vollkommen  unter  die 
Vormundschaft  der  Bourgeoisie  (und  behalten  uns  die  volle  „Freiheit  der 
Kritik"  vor!!),  wir  zwingen  das  Proletariat,  gemäßigt  und  zahm  zu  sein, 
damit  die  Bourgeoisie  nicht  abschwenke.  Wir  beschneiden  die  dringendsten 
Bedürfnisse  des  Proletariats,  nämlich  seine  politischen  Bedürfnisse,  welche 
die  Ökonomisten  und  ihre  Epigonen  nie  richtig  verstanden  haben,  be- 
schneiden sie,  damit  die  Bourgeoisie  nicht  abschwenke.  Wir  verlassen 
völlig  den  Boden  des  revolutionären  Kampfes  für  die  Verwirklichung  des 
Demokratismus  in  den  Grenzen,  deren  das  Proletariat  bedarf,  und  betre- 
ten den  Boden  des  Kuhhandels  mit  der  Bourgeoisie,  wobei  wir  mit  unse- 
rem Verrat  an  den  Prinzipien,  dem  Verrat  an  der  Revolution  die  freiwil- 
lige Zustimmung  der  Bourgeoisie  erkaufen  („damit  sie  nicht  abschwenke"). 

Die  kaukasischen  Neuiskristen  haben  es  fertiggebracht,  in  zwei  kurzen 
Zeilen  das  ganze  Wesen  der  Taktik  des  Verrats  an  der  Revolution,  der 
Verwandlung  des  Proletariats  in  ein  klägliches  Anhängsel  der  bürgerlichen 
Klassen  auszudrücken.  Was  wir  oben  aus  den  Fehlern  des  Neuiskrismus 
als  Tendenz  ableiteten,  das  ist  jetzt  vor  unseren  Augen  zum  klaren  und  be- 
stimmten Prinzip  erhoben  worden:  im  Nachtrab  der  monarchistischen 
Bourgeoisie  einhertrotten.  Weil  die  Verwirklichung  der  Republik  die  Bour- 
geoisie veranlassen  würde  (und  bereits  veranlaßt  — siehe  das  Beispiel  des 
Herrn  Struve!),  abzuschwenken,  deshalb  nieder  mit  dem  Kampf  für  die 
Republik.  Weil  jede  energische  und  bis  zu  Ende  gehende  demokratische 
Forderung  des  Proletariats  die  Bourgeoisie  stets  und  in  der  ganzen  Welt 
veranlaßt,  abzuschwenken,  deshalb:  Verkriecht  euch  in  die  Mauselöcher, 


Zwei  Zaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  85 


Genossen  Arbeiter,  wirkt  nur  von  außen,  laßt  euch  nicht  einfallen,  die 
Werkzeuge  und  Mittel  des  „bürgerlich- staatlichen"  Regimes  für  die  Revo- 
lution auszunutzen,  und  bewahrt  euch  die  „Freiheit  der  Kritik". 

Hier  tritt  klar  zutage,  wie  grundfalsch  schon  allein  der  Terminus  „bür- 
gerliche Revolution"  aufgefaßt  wird.  Diese  Martynowsche  oder  neuiskri- 
stische „Auffassung"  führt  schnurstracks  zum  Verrat  der  proletarischen 
Sache  an  die  Bourgeoisie. 

Wer  den  alten  Ökonomismus  vergessen  hat,  wer  ihn  nicht  studiert,  an 
ihn  nicht  zurückdenkt,  der  wird  auch  die  heutige  Neuauflage  des  Ökono- 
mismus schwerlich  begreifen.  Man  erinnere  sich  des  bernsteinianischen 
„Credos"25.  Aus  „rein  proletarischen"  Anschauungen  und  Programmen 
folgerten  die  Leute:  Uns,  den  Sozialdemokraten,  die  Ökonomik,  die 
wahre  Sache  der  Arbeiterschaft,  die  freie  Kritik  an  jedem  Politikastertum, 
die  wahre  Vertiefung  der  sozialdemokratischen  Arbeit.  Ihnen,  den  Libera- 
len, die  Politik.  Gott  bewahre  uns  davor,  in  „Revolutionarismus"  zu  ver- 
fallen: Das  würde  die  Bourgeoisie  veranlassen,  abzuschwenken.  Wer  das 
„Credo"  oder  die  Sonderbeilage  zu  Nr.  9 der  „Rabotschaja  Mysl"26  (Sep- 
tember 1899)  vollständig  durchliest,  der  wird  alle  diese  Gedankengänge 
finden. 

Jetzt  ist  es  dasselbe,  nur  in  großem  Maßstab,  in  Anwendung  auf  die 
Einschätzung  der  ganzen  „großen"  russischen  Revolution,  die  leider  von 
den  Theoretikern  des  orthodoxen  Philistertums  schon  im  voraus  banali- 
siert und  zur  Karikatur  herabgewürdigt  wird!  Uns,  den  Sozialdemokraten, 
die  Freiheit  der  Kritik,  die  Vertiefung  des  Bewußtseins,  die  Einwirkung 
von  außen.  Ihnen,  den  bürgerlichen  Klassen,  die  Freiheit  des  Handelns, 
den  freien  Spielraum  für  die  revolutionäre  (lies:  liberale)  Führung,  die 
Freiheit  der  Durchführung  von  „Reformen"  von  oben. 

Diese  Vulgarisatoren  des  Marxismus  haben  sich  niemals  Gedanken  ge- 
macht über  Marx1  Worte  von  der  Notwendigkeit,  die  Waffe  der  Kritik 
durch  die  Kritik  der  Waffen  zu  ersetzen27.  Sie  führen  den  Namen  Marx 
im  Munde,  fassen  aber  in  Wirklichkeit  taktische  Resolutionen  ganz  im 
Geiste  der  Frankfurter  bürgerlichen  Schwätzer,  die  den  Absolutismus  frei 
kritisierten,  das  demokratische  Bewußtsein  vertieften  und  nicht  begriffen, 
daß  die  Zeit  der  Revolution  eine  Zeit  des  Handelns,  der  Aktion  sowohl 
von  oben  als  auch  von  unten  ist.  Indem  sie  den  Marxismus  in  Räsoniererei 
verwandelten,  machten  sie  aus  der  Ideologie  der  fortgeschrittensten,  ent- 


86 


W.  1.  Lenin 


schlossensten  und  tatkräftigsten  revolutionären  Klasse  eine  Ideologie  ihrer 
unentwickeltsten  Schichten,  die  sich  vor  den  schwierigen  revolutionär- 
demokratischen Aufgaben  drücken  und  diese  demokratischen  Aufgaben 
den  Herren  Struve  überlassen. 

Wenn  die  bürgerlichen  Klassen  von  der  Revolution  abschwenken,  weil 
die  Sozialdemokratie  in  die  revolutionäre  Regierung  eintritt,  so  wird  da- 
durch „der  Schwung  der  Revolution  geschwächt". 

Hört,  russische  Arbeiter:  Der  Schwung  der  Revolution  wird  größer  sein, 
wenn  die  durch  die  Sozialdemokraten  nicht  abgeschreckten  Herren  Struve 
sie  durchführen,  die  keinen  Sieg  über  den  Zarismus,  sondern  einen  Pakt 
mit  dem  Zarismus  wollen.  Der  Schwung  der  Revolution  wird  größer  sein, 
wenn  von  den  beiden  Ausgangsmöglichkeiten,  die  wir  oben  Umrissen 
haben,  die  erste  zur  Wirklichkeit  wird,  d.  h.  wenn  sich  die  monarchistische 
Bourgeoisie  mit  der  Selbstherrschaft  auf  eine  „Verfassung"  nach  Art  der 
Schipowschen  einigt ! 

Sozialdemokraten,  die  in  Resolutionen  als  Anleitung  für  die  ganze  Par- 
tei derart  schändliche  Dinge  schreiben  oder  die  derart  „gelungene"  Reso- 
lutionen billigen,  sind  durch  das  Räsonieren,  das  aus  dem  Marxismus  allen 
lebendigen  Geist  ausgetrieben  hat,  so  sehr  verblendet,  daß  sie  nicht  merken, 
wie  diese  Resolutionen  alle  ihre  sonstigen  trefflichen  Worte  zur  Phrase 
machen.  Man  nehme  einen  beliebigen  ihrer  Artikel  aus  der  „Iskra",  nehme 
sogar  die  berüchtigte  Broschüre  unseres  berühmten  Martynow,  und  man 
wird  Reden  hören  über  den  'Polksaufstand,  über  die  Durchführung  der 
Revolution  bis  zu  Ende  und  über  das  Bestreben,  sich  im  Kampf  gegen  die 
inkonsequente  Bourgeoisie  auf  die  unterenVolkssdbiöbten  zu  stützen.  Aber 
alle  diese  trefflichen  Dinge  verwandeln  sich  doch  in  eine  erbärmliche 
Phrase,  sobald  man  den  Gedanken  akzeptiert  oder  billigt,  daß  der 
„Schwung  der  Revolution"  durch  das  Abrücken  der  Bourgeoisie  „ge- 
schwächt" werde.  Eines  von  beiden,  meine  Herren:  Entweder  müssen  wir 
mit  dem  Volk  danach  streben,  die  Revolution  durchzuführen,  und  ent- 
gegen dem  Willen  der  inkonsequenten,  eigennützigen  und  feigen  Bour- 
geoisie einen  völligen  Sieg  über  den  Zarismus  erringen.  Oder  wir  lassen 
dieses  „entgegen  dem  Willen"  nicht  zu,  wir  fürchten,  die  Bourgeoisie 
könne  „abschwenken",  und  dann  verraten  wir  das  Proletariat  und  das 
Volk  an  die  Bourgeoisie,  an  die  inkonsequente,  eigennützige  und  feige 
Bourgeoisie. 


Zwei  Taktiken  der  Soziatdemokratie  in  der  demokratisiert  Revolution  87 


Laßt  euch  nicht  einfallen,  meine  Worte  zu  mißdeuten.  Schreit  nicht, 
daß  man  euch  bewußten  Verrat  vorwerfe.  Nein,  ihr  seid  die  ganze  Zeit 
genauso  unbewußt  in  den  Sumpf  geglitten  und  jetzt  darin  versunken,  wie 
die  alten  Ökonomisten,  die  auf  der  schiefen  Ebene  der  „Vertiefung"  des 
Marxismus  unaufhaltsam  und  unwiderruflich  bis  zum  antirevolutionären, 
seelenlosen  und  leblosen  „Klügeln"  abgeglitten  waren. 

Von  welchen  realen  gesellschaftlichen  Kräften  hängt  der  „Schwung  der 
Revolution"  ab?  Habt  ihr  darüber  nachgedacht,  meine  Herren?  Lassen 
wir  die  Kräfte  der  Außenpolitik,  der  internationalen  Kombinationen  bei- 
seite, die  sich  für  uns  jetzt  sehr  vorteilhaft  gestaltet  haben,  die  wir  aber 
alle,  und  zwar  mit  Recht,  von  der  Betrachtung  ausschließen,  da  von  den 
inneren  Kräften  Rußlands  die  Rede  ist.  Seht  euch  diese  inneren  gesell- 
schaftlichen Kräfte  an.  Gegen  die  Revolution  steht  die  Selbstherrschaft, 
der  Hof,  die  Polizei,  die  Beamtenschaft,  das  Heer  und  das  Häuflein  des 
Hochadels.  Je  tiefer  die  Empörung  im  Volke  ist,  desto  unzuverlässiger 
wird  das  Heer,  desto  größer  werden  die  Schwankungen  in  der  Beamten- 
schaft. Ferner,  die  Bourgeoisie  ist  jetzt  im  großen  und  ganzen  für  die  Re- 
volution, sie  ereifert  sich  in  Reden  über  die  Freiheit  und  ergreift  immer 
öfter  im  Namen  des  Volkes  und  sogar  im  Namen  der  Revolution  das 
Wort.*  Aber  wir  Marxisten  wissen  doch  alle  aus  der  Theorie  und  beob- 
achten täglich  und  stündlich  am  Beispiel  unserer  Liberalen,  Semstwoleute 
und  Oswoboshdenzen,  daß  die  Bourgeoisie  für  die  Revolution  inkonse- 
quent, eigennützig  und  feige  eintritt.  Die  Bourgeoisie  wird  in  ihrer  Masse 
unweigerlich  zur  Konterrevolution,  zur  Selbstherrschaft  übergehen  und 
sich  gegen  die  Revolution,  gegen  das  Volk  kehren,  sobald  ihre  engen, 
eigennützigen  Interessen  befriedigt  sein  werden,  sobald  sie  vom  konse- 
quenten Demokratismus  „abgeschwenkt"  sein  wird  (und  sie  sdhwenkt 
sdhon  jetzt  davon  ab!).  Es  bleibt  das  „Volk",  das  heißt  das  Proletariat  und 
die  Bauernschaft:  Allein  das  Proletariat  ist  fähig,  konsequent  bis  zu  Ende 
zu  gehen,  denn  es  geht  weit  über  die  demokratische  Umwälzung  hinaus. 
Deshalb  eben  kämpft  das  Proletariat  in  den  vordersten  Reihen  für  die 
Republik  und  weist  mit  Verachtung  die  törichten  und  seiner  unwürdigen 
Ratschläge  zurück,  darauf  Rüdesicht  zu  nehmen,  daß  die  Bourgeoisie  mög- 

* Interessant  ist  in  dieser  Hinsicht  der  offene  Brief  des  Herrn  Struve  an 
Jaur£s,  der  neulich  von  Jaures  in  der  Zeitung  „l’Humanit£"2s  und  von  Herrn 
Struve  in  Nr.  72  des  „Oswoboshdenije"  veröffentlicht  worden  ist. 


88 


IV.  1.  Cenin 


licherweise  abschwenkt.  Die  Bauernschaft  umfaßt  eine  Masse  halbproleta- 
rischer Elemente  neben  kleinbürgerlichen  Elementen.  Dieser  Umstand 
macht  auch  die  Bauernschaft  unbeständig,  so  daß  das  Proletariat  genötigt 
ist,  sich  zu  einer  streng  klassenmäßigen  Partei  zusammenzuschließen.  Aber 
die  Unbeständigkeit  der  Bauernschaft  ist  von  der  Unbeständigkeit  der 
Bourgeoisie  grundverschieden,  denn  die  Bauernschaft  ist  gegenwärtig  nicht 
so  sehr  an  dem  unbedingten  Schutz  des  Privateigentums  als  vielmehr  an 
der  Enteignung  des  Gutsbesitzerlandes,  einer  der  Hauptformen  des  Privat- 
eigentums, interessiert.  Ohne  dadurch  sozialistisch  zu  werden,  ohne  auf- 
zuhören, kleinbürgerlich  zu  sein,  ist  die  Bauernschaft  fähig,  zum  völligen 
und  radikalsten  Anhänger  der  demokratischen  Revolution  zu  werden.  Die 
Bauernschaft  wird  unweigerlich  ein  solcher  Anhänger  der  Revolution 
werden,  wenn  nur  der  sie  aufklärende  Gang  der  revolutionären  Ereignisse 
nicht  durch  den  Verrat  der  Bourgeoisie  und  die  Niederlage  des  Proletariats 
allzufrüh  unterbrochen  wird.  Die  Bauernschaft  wird  unter  der  erwähnten 
Bedingung  unweigerlich  zur  Stütze  der  Revolution  und  der  Republik  wer- 
den, denn  einzig  die  zum  vollen  Sieg  gelangte  Revolution  wird  der  Bauern- 
schaft auf  dem  Gebiet  der  Agrarreformen  alles  zu  bieten  vermögen:  alles 
das,  was  die  Bauernschaft  will,  was  sie  erträumt,  was  tatsächlich  für  sie 
notwendig  ist,  (nicht  um  den  Kapitalismus  zu  vernichten,  wie  sich  das  die 
„Sozialrevolutionäre"  einbilden,  sondern)  um  aus  dem  Schlamm  der  hal- 
ben Leibeigenschaft,  aus  dem  Dunkel  der  Geducktheit  und  der  Knecht- 
schaft emporzusteigen  und  um  ihre  Lebensbedingungen  so  weit  zu  verbes- 
sern, wie  das  im  Rahmen  der  Warenwirtschaft  überhaupt  zu  erreichen  ist. 

Mehr  noch:  Nicht  nur  eine  radikale  Umgestaltung  der  Agrarverhält- 
nisse, sondern  auch  alle  ihre  allgemeinen  und  ständigen  Interessen  binden 
die  Bauernschaft  an  die  Revolution.  Sogar  im  Kampf  mit  dem  Proletariat 
bedarf  die  Bauernschaft  der  Demokratie,  denn  nur  das  demokratische  Re- 
gime vermag  ihre  Interessen  genau  zum  Ausdruck  zu  bringen  und  ihr, 
weil  sie  die  Masse,  die  Mehrheit  ist,  das  Übergewicht  zu  geben.  Je  auf- 
geklärter die  Bauernschaft  sein  wird  (und  seit  dem  japanischen  Krieg  er- 
folgt diese  Aufklärung  mit  einer  Schnelligkeit,  von  der  sich  viele,  die  ge- 
wohnt sind,  die  Aufklärung  nur  mit  dem  Schulmaßstab  zu  messen,  nichts 
träumen  lassen),  desto  konsequenter  und  entschlossener  wird  sie  für  die 
vollständige  demokratische  Umwälzung  eintreten,  denn  die  Herrschaft 
des  Volkes  schreckt  sie  nicht,  wie  sie  die  Bourgeoisie  schreckt,  sondern  ist 


Zwei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdren  Revolution  89 


für  sie  von  Vorteil.  Die  demokratische  Republik  wird  zu  ihrem  Ideal  wer- 
den, sobald  sie  beginnt,  sich  vom  naiven  Monarchismus  frei  zu  machen; 
denn  der  bewußte  Monarchismus  der  schachernden  Bourgeoisie  (mit  einem 
Oberhaus  usw.)  bedeutet  für  die  Bauernschaft  genau  dieselbe  Rechtlosig- 
keit, dieselbe  Geducktheit  und  Unwissenheit,  nur  ganz  leicht  mit  euro- 
päisch-konstitutionellem Firnis  überstrichen. 

Das  ist  der  Grund,  warum  die  Bourgeoisie  als  Klasse  naturgemäß  und 
unvermeidlich  unter  die  Fittiche  der  liberal-monarchistischen  Partei  strebt, 
die  Bauernschaft  als  Masse  aber  unter  die  Führung  einer  revolutionären 
und  republikanischen  Partei.  Das  ist  der  Grund,  warum  die  Bourgeoisie 
unfähig  ist,  die  demokratische  Revolution  zu  Ende  zu  führen,  die  Bauern- 
schaft aber  fähig  ist,  die  Revolution  zu  Ende  zu  führen,  und  wir  müssen 
ihr  mit  allen  Kräften  dabei  helfen. 

Man  wird  mir  entgegnen:  Das  braucht  man  nicht  zu  beweisen,  das  ge- 
hört zum  Abc,  das  begreifen  alle  Sozialdemokraten  ausgezeichnet.  Nein, 
das  begreifen  diejenigen  nicht,  die  es  fertigbringen,  davon  zu  sprechen, 
daß  „der  Schwung"  der  Revolution  „geschwächt  wird",  wenn  die  Bour- 
geoisie abfällt.  Solche  Leute  wiederholen  die  auswendig  gelernten  Sätze 
unseres  Agrarprogramms,  verstehen  aber  ihre  Bedeutung  nicht,  denn  sonst 
würden  sie  den  Begriff  der  revolutionär-demokratischen  Diktatur  des  Pro- 
letariats und  der  Bauernschaft,  der  sich  aus  der  ganzen  marxistischen 
Weltanschauung  und  aus  unserem  Programm  unvermeidlich  ergibt,  nicht 
fürchten,  sonst  würden  sie  den  Schwung  der  großen  russischen  Revolution 
nicht  auf  den  Schwung  der  Bourgeoisie  beschränken.  Solche  Leute  wider- 
legen ihre  abstrakten  marxistischen,  revolutionären  Phrasen  schlagend 
durch  ihre  konkreten  antimarxistischen  und  antirevolutionären  Resolu- 
tionen. 

Wer  die  Rolle  der  Bauernschaft  in  der  siegreichen  russischen  Revolution 
wirklich  versteht,  der  könnte  unmöglich  davon  reden,  daß  der  Schwung 
der  Revolution  geschwächt  wird,  wenn  die  Bourgeoisie  abschwenkt.  Denn 
in  Wirklichkeit  wird  erst  dann  der  wahre  Schwung  der  russischen  Revolu- 
tion einsetzen,  wird  das  erst  dann  der  wirklich  höchste  revolutionäre 
Schwung  sein,  der  in  der  Epoche  der  bürgerlich-demokratischen  Umwäl- 
zung möglich  ist,  wenn  die  Bourgeoisie  abschwenken  und  die  Masse  der 
Bauernschaft  an  der  Seite  des  Proletariats  als  aktiver  Revolutionär  auf- 
treten  wird.  Damit  unsere  demokratische  Revolution  konsequent  zu'  Ende 


7 Lenin,  Werke,  Bd.  9 


90 


SW.  J.  Lenin 


geführt  wird,  maß  sie  sich  auf  solche  Kräfte  stützen,  die  fähig  sind,  die 
unvermeidliche  Inkonsequenz  der  Bourgeoisie  zu  paralysieren  (d.  h.  fähig 
sind,  sie  gerade  zum  „Abschwenken  zu  veranlassen",  wovor  die  kaukasi- 
schen Anhänger  der  „Iskra"  infolge  ihres  Unverstands  eine  solche  Angst 
haben). 

Das  Proletariat  muß  die  demokratische  Umwälzung  zu  Ende  führen, 
indem  es  die  Masse  der  Bauernschaft  an  sich  heranzieht,  um  den  Wider- 
stand der  Selbstherrschaft  mit  Qewalt  zu  brechen  und  die  schwankende 
Haltung  der  Bourgeoisie  zu  paralysieren.  Das  Proletariat  muß  die  soziali- 
stische Umwälzung  vollbringen,  indem  es  die  Masse  der  halbproletarischen 
Elemente  der  Bevölkerung  an  sich  heranzieht,  um  den  Widerstand  der 
Bourgeoisie  mit  Qewalt  zu  brechen  und  die  schwankende  Haltung  der 
Bauernschaft  und  der  Kleinbourgeoisie  zu  paralysieren.  Das  sind  die  Auf- 
gaben des  Proletariats,  die  sich  die  Neuiskristen  in  allen  ihren  Betrachtun- 
gen und  Resolutionen  über  den  Schwung  der  Revolution  so  beschränkt  vor- 
stellen. 

Man  darf  nur  einen  Umstand  nicht  vergessen,  der  bei  den  Betrachtun- 
gen über  diesen  „Schwung"  oft  außer  acht  gelassen  wird.  Man  darf  nicht 
vergessen,  daß  nicht  von  den  Schwierigkeiten  der  Aufgabe  die  Rede  ist, 
sondern  davon,  auf  welchem  Wege  die  Lösung  der  Aufgabe  zu  suchen  und 
zu  erstreben  ist.  Nicht  darum  handelt  es  sich,  ob  es  leicht  oder  schwer  ist, 
den  Schwung  der  Revolution  mächtig  und  unbesiegbar  zu  machen,  sondern 
darum,  was  zu  tun  ist,  um  diesen  Schwung  zu  verstärken.  Die  Differenz 
betrifft  gerade  den  Grundcharakter,  eben  die  Richtung  unserer  Tätigkeit. 
Wir  heben  das  hervor,  weil  unaufmerksame  und  oberflächliche  Leute  die 
zwei  verschiedenen  Fragen  nur  allzuoft  verwechseln : die  Frage  nach  der 
Richtung  des  Weges,  d.  h.  nach  der  Wahl  eines  der  beiden  verschiedenen 
Wege,  und  die  Frage,  ob  auf  dem  gegebenen  Weg  das  Ziel  leicht  zu  er- 
reichen oder  bald  zu  erreichen  ist. 

Die  letzte  Frage  haben  wir  in  der  vorhergehenden  Betrachtung  gar  nicht 
berührt,  denn  diese  Frage  hat  in  unserer  Partei  keine  Meinungsverschie- 
denheiten und  Differenzen  hervorgerufen.  Aber  selbstverständlich  ist  diese 
Frage  an  und  für  sich  äußerst  wichtig  und  verdient  die  ernsteste  Beach- 
tung aller  Sozialdemokraten.  Es  wäre  unverzeihlicher  Optimismus,  die 
Schwierigkeiten  zu  vergessen,  die  damit  Zusammenhängen,  daß  die  Mas- 
sen nicht  nur  der  Arbeiterklasse,  sondern  auch  der  Bauernschaft  in  die  Be- 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdhen  Revolution  91 


wegung  hineingezogen  werden  müssen.  Gerade  an  diesen  Schwierigkeiten 
scheiterten  mehrfach  die  Bemühungen,  die  demokratische  Revolution  zu 
Ende  zu  führen,  wobei  den  größten  Gewinn  die  inkonsequente  und  eigen- 
nützige Bourgeoisie  davontrug,  die  sowohl  aus  der  monarchistischen  Ver- 
teidigung gegen  das  Volk  „Kapital  schlug"  als  auch  „die  Unschuld"  des 
Liberalismus...  oder  des  „Oswoboshdenzentums"  „bewahrte".  Aber 
Schwierigkeit  bedeutet  noch  nicht  Undurchführbarkeit.  Wichtig  ist  die 
Gewißheit,  daß  man  den  richtigen  Weg  gewählt  hat,  und  diese  Gewißheit 
verstärkt  hundertfach  die  revolutionäre  Energie  und  den  revolutionären 
Enthusiasmus,  die  Wunder  zu  wirken  vermögen. 

Wie  tiefgehend  heute  die  Differenzen  zwischen  den  Sozialdemokraten 
in  der  Frage  sind,  welchen  Weg  man  wählen  soll,  ersieht  man  ohne  wei- 
teres aus  einer  Gegenüberstellung  der  kaukasischen  Resolution  der  Neu- 
iskristen  und  der  Resolution  des  III.  Parteitags  der  Sozialdemokratischen 
Arbeiterpartei  Rußlands.  Die  Resolution  des  Parteitags  sagt:  Die  Bour- 
geoisie ist  inkonsequent,  sie  wird  unbedingt  danach  trachten,  uns  die  Er- 
rungenschaften der  Revolution  zu  entreißen.  Deshalb  bereitet  euch  energi- 
scher zum  Kampf  vor,  Genossen  Arbeiter,  bewaffnet  euch,  zieht  die 
Bauernschaft  auf  eure  Seite.  Wir  werden  unsere  revolutionären  Errungen- 
schaften der  eigennützigen  Bourgeoisie  nicht  ohne  Kampf  abtreten.  Die 
Resolution  der  kaukasischen  Neuiskristen  sagt:  Die  Bourgeoisie  ist  inkon- 
sequent, sie  kann  von  der  Revolution  abschwenken.  Deshalb,  Genossen 
Arbeiter,  denkt  bitte  nicht  an  eine  Teilnahme  an  der  provisorischen  Re- 
gierung, denn  dann  wird  die  Bourgeoisie  bestimmt  abschwenken,  und  der 
Schwung  der  Revolution  wird  dadurch  geschwächt! 

Die  einen  sagen:  Treibt  die  Revolution  vorwärts,  bis  zu  Ende,  entgegen 
dem  Widerstand  oder  der  Passivität  der  inkonsequenten  Bourgeoisie. 

Die  anderen  sagen:  Denkt  nicht  daran,  die  Revolution  bis  zu  Ende  selb- 
ständig durchzuführen,  denn  dann  wird  die  inkonsequente  Bourgeoisie 
von  ihr  abschwenken. 

Haben  wir  etwa  nicht  zwei  diametral  entgegengesetzte  Wege  vor  uns? 
Liegt  es  etwa  nicht  auf  der  Hand,  daß  die  eine  Taktik  unbedingt  die 
ändere  ausschließt?  daß  die  erste  Taktik  die  einzig  richtige  Taktik  der 
revolutionären  Sozialdemokratie,  die  zweite  aber  im  Grunde  eine  reine 
Oswoboshdenzen-Taktik  ist? 


7* 


92 


W.  1 Centn 


13.  SCHLUSS.  DÜRFEN  WIR  SIEGEN? 

Leute,  die  mit  der  Lage  der  Dinge  in  der  russischen  Sozialdemokratie 
nur  oberflächlich  bekannt  sind  oder  von  außen  her  urteilen,  ohne  die  Ge- 
schichte unseres  ganzen  innerparteilichen  Kampfes  seit  den  Zeiten  des 
Ökonomismus  zu  kennen,  pflegen  auch  die  taktischen  Differenzen,  die  sich 
jetzt,  besonders  nach  dem  III.  Parteitag,  herausgebildet  haben,  sehr  häufig 
einfach  mit  dem  Hinweis  abzutun,  daß  es  sich  um  zwei  natürliche,  unver- 
meidliche und  durchaus  zu  vereinbarende  Tendenzen  handle,  die  in  jeder 
sozialdemokratischen  Bewegung  anzutreffen  seien.  Auf  der  einen  Seite 
nämlich  um  eine  stärkere  Betonung  der  üblichen,  laufenden,  alltäglichen 
Arbeit,  der  Notwendigkeit,  die  Propaganda  und  Agitation  zu  entfalten, 
die  Kräfte  vorzubereiten,  die  Bewegung  zu  vertiefen  usw.  Auf  der  anderen 
Seite  um  die  Betonung  der  allgemein-politischen,  revolutionären  Kampf- 
aufgaben der  Bewegung,  um  den  Hinweis  auf  die  Notwendigkeit  des  be- 
waffneten Aufstands,  um  die  Aufstellung  der  Losungen:  revolutionär- 
demokratische  Diktatur,  provisorische  revolutionäre  Regierung.  Weder  die 
eine  noch  die  andere  Seite  dürfe  übertrieben  werden,  weder  hier  noch  dort 
(wie  überhaupt  nirgends  in  der  Welt)  seien  Extreme  von  Nutzen  usw.  usf. 

Hinter  den  billigen  Wahrheiten  der  Lebens-  (und  der  „politischen",  in 
Anführungsstrichen)  Weisheit,  die  in  solchen  Betrachtungen  unzweifel- 
haft enthalten  sind,  verbirgt  sich  jedoch  nur  allzuoft  das  Unverständnis 
für  die  aktuellen,  brennenden  Erfordernisse  der  Partei.  Nehmen  wir  die 
gegenwärtigen  taktischen  Meinungsverschiedenheiten  unter  den  russischen 
Sozialdemokraten.  Selbstverständlich  brauchte  die  verstärkte  Betonung  der 
laufenden  Tagesarbeit,  die  wir  in  den  Betrachtungen  derNeuiskristen  über 
die  Taktik  finden,  an  und  für  sich  noch  keinerlei  Gefahr  zu  bedeuten  und 
auch  keinerlei  Differenz  in  den  taktischen  Losungen  hervorzurufen.  Es  ge- 
nügt aber,  die  Resolutionen  des  III.  Parteitags  der  Sozialdemokratischen 
Arbeiterpartei  Rußlands  mit  denen  der  Konferenz  zu  vergleichen,  damit 
diese  Differenz  sofort  ins  Auge  springt. 

Worum  handelt  es  sich?  Erstens  darum,  daß  es  nicht  genügt,  nur  ganz 
allgemein  und  abstrakt  auf  zwei  Strömungen  in  der  Bewegung  und  auf 
die  Schädlichkeit  von  Extremen  hinzuweisen.  Man  muß  konkret  wissen, 
woran  die  gegebene  Bewegung  im  gegebenen  Augenblick  krankt  und  wor- 
in jetzt  die  reale  politische  Gefahr  für  die  Partei  besteht.  Zweitens  muß 


y.  ^ ry?*>^~,  *4»*? »-J!*tSi—  **^2. 

-/*>/  c^o  ~ 


* S 'S 

' £^*<**«*'jp+'**y  *-*~**^ 


cs*4f~-j  ~”JT  / • s 

^Tzß'  ""Sfr***  S—^jr—- 


<^t<K', +^.d.£, 

, » ,u  j.i  g%_ y.i_  c.»ri  y 


_Q 


Seite  157  von  W.  I.  Lenins  Manuskript 
„Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution" 

1905 


Verkleinert 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  95 


man  wissen,  welchen  realen  politischen  Kräften  diese  oder  jene  taktischen 
Losungen  — vielleicht  auch  das  Fehlen  dieser  oder  jener  Losungen  — Was- 
ser auf  die  Mühle  leiten.  Hört  man  die  Neuiskristen,  so  kommt  man  zu 
dem  Schluß,  daß  die  Sozialdemokratische  Partei  Gefahr  läuft,  die  Propa- 
ganda und  Agitation,  die  wirtschaftlichen  Kämpfe  und  die  Kritik  an  der 
bürgerlichen  Demokratie  über  Bord  zu  werfen  und  sich  von  militärischen 
Vorbereitungen  und  bewaffneten  Überfällen,  von  der  Machtergreifung 
usw.  übermäßig  hinreißen  zu  lassen.  In  Wirklichkeit  aber  droht  der  Partei 
die  reale  Gefahr  von  einer  ganz  anderen  Seite.  Wer  den  Stand  der  Be- 
wegung auch  nur  einigermaßen  näher  kennt,  wer  die  Bewegung  aufmerk- 
sam und  verständig  verfolgt,  der  kann  nicht  umhin  zu  sehen,  wie  lächer- 
lich die  Befürchtungen  der  Neuiskristen  sind.  Die  ganze  Tätigkeit  der 
Sozialdemokratischen  Arbeiterpartei  Rußlands  hat  sich  schon  völlig  in 
einen  festen,  unveränderlichen  Rahmen  eingefügt,  der  unbedingt  gewähr- 
leistet, daß  der  Schwerpunkt  in  der  Agitation  und  Propaganda,  in  fliegen- 
den Versammlungen  und  Massenkundgebungen,  in  der  Verbreitung  von 
Flugblättern  und  Broschüren,  in  der  Förderung  der  Wirtschaftskämpfe 
und  dem  Aufgreifen  ihrer  Losungen  liegt.  Es  gibt  kein  einziges  Partei- 
komitee, kein  einziges  Bezirkskomitee,  keine  einzige  zentrale  Zusammen- 
kunft und  keine  einzige  Betriebsgruppe,  wo  nicht  neunundneunzig  Prozent 
der  Aufmerksamkeit,  der  Kraft  und  der  Zeit  stets  und  ständig  allen  diesen 
Funktionen  gewidmet  wären,  die  schon  seit  der  zweiten  Hälfte  der  neun- 
ziger Jahre  fest  verankert  sind.  Das  wissen  nur  solche  Leute  nicht,  die  mit 
der  Bewegung  überhaupt  nicht  vertraut  sind.  Nur  sehr  naive  oder  nicht 
unterrichtete  Leute  können  die  neuiskristischen  Wiederholungen  längst 
bekannter  Dinge,  weil  sie  mit  besonders  wichtiger  Miene  vorgetragen  wer- 
den, noch  für  bare  Münze  nehmen. 

Tatsache  ist,  daß  man  sich  bei  uns  von  den  Aufgaben  des  Aufstands, 
von  den  allgemein-politischen  Losungen  und  von  der  Pflicht,  die  gesamte 
Volksrevolution  zu  führen,  keineswegs  übermäßig  hinreißen  läßt,  sondern 
daß  im  Gegenteil  die  Rückständigkeit  gerade  in  dieser  Beziehung  ins  Auge 
springt,  daß  sie  der  wundeste  Punkt  und  eine  reale  Gefahr  für  die  Bewe- 
gung ist,  die  aus  einer  Bewegung  der  revolutionären  Tat  zu  einer  Bewe- 
gung der  revolutionären  Worte  entarten  kann  und  hie  und  da  auch  schon 
entartet.  Unter  den  Hunderten  und  aber  Hunderten  von  Organisationen, 
Gruppen  und  Zirkeln,  die  Parteiarbeit  leisten,  wird  man  keine  einzige 


96 


W.  J.  Centn 


Organisation  finden,  in  der  nicht  vom  ersten  Tag  ihres  Bestehens  an  jene 
Alltagsarbeit  geleistet  würde,  von  der  die  Neunmalweisen  aus  der  neuen 
„Iskra"  mit  der  Miene  von  Leuten  reden,  die  neue  Wahrheiten  entdeckt 
haben.  Und  umgekehrt  wird  man  nur  einen  verschwindend  geringen  Pro- 
zentsatz von  Gruppen  und  Zirkeln  finden,  die  sich  der  Aufgaben  des  be- 
waffneten Aufstands  bewußt  geworden  sind,  die  darangegangen  sind,  sie 
zu  erfüllen,  die  sich  darüber  Rechenschaft  abgelegt  haben,  daß  es  not- 
wendig ist,  die  gesamte  Volksrevolution  gegen  den  Zarismus  zu  führen, 
daß  es  notwendig  ist,  gerade  diese  fortschrittlichen  Losungen  und  nicht 
andere  aufzustellen. 

Wir  sind  hinter  den  fortschrittlichen  und  wirklich  revolutionären  Auf- 
gaben unglaublich  zurückgeblieben,  wir  haben  sie  in  einer  Unzahl  von 
Fällen  noch  nicht  erkannt,  wir  haben  bald  hier,  bald  dort  die  wegen  unse- 
rer Zurückgebliebenheit  in  dieser  Beziehung  erfolgte  Erstarkung  der  revo- 
lutionären bürgerlichen  Demokratie  verschlafen.  Die  Schriftsteller  von  der 
neuen  „Iskra"  jedoch  kehren  dem  Gang  der  Ereignisse  und  den  Erforder- 
nissen der  Zeit  den  Rücken  zu  und  wiederholen  hartnäckig:  Vergeßt  nicht 
das  Alte!  Laßt  euch  nidit  hinreißen  von  dem  Neuen!  Das  ist  das  stets 
gleichbleibende  Grundmotiv  aller  wesentlichen  Resolutionen  der  Konfe- 
renz, während  man  in  den  Resolutionen  des  Parteitags  ebenso  gleich- 
bleibend lesen  kann:  Wir  erkennen  das  Alte  an  (und  halten  uns  nicht  da- 
mit auf,  es  wiederzukäuen,  weil  es  eben  das  in  der  Literatur,  durch 
Resolutionen  und  durch  die  Erfahrung  schon  entschiedene  und  verankerte 
Alte  ist),  stellen  aber  zugleich  eine  neue  Aufgabe,  lenken  die  Aufmerk- 
samkeit auf  sie,  geben  eine  neue  Losung  aus  und  fordern  von  den  wirklich 
revolutionären  Sozialdemokraten,  daß  sie  unverzüglich  an  die  Arbeit 
gehen,  um  sie  in  die  Tat  umzusetzen. 

So  steht  in  Wirklichkeit  die  Frage  der  zwei  Strömungen  in  der  Taktik 
der  Sozialdemokratie.  Die  revolutionäre  Epoche  hat  neue  Aufgaben  ge- 
stellt, die  nur  gänzlich  Blinde  nicht  sehen.  Die  einen  Sozialdemokraten 
bekennen  sich  entschieden  zu  diesen  Aufgaben  und  setzen  sie  auf  die 
Tagesordnung:  Der  bewaffnete  Aufstand  ist  unaufschiebbar,  bereitet  euch 
unverzüglich  und  energisch  darauf  vor;  seid  dessen  eingedenk,  daß  er  für 
den  entscheidenden  Sieg  unerläßlich  ist,-  stellt  die  Losungen  der  Republik, 
der  provisorischen  Regierung,  der  revolutionär-demokratischen  Diktatur 
des  Proletariats  und  der  Bauernschaft  auf!  Die  anderen  aber  weichen 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  97 


zurück,  treten  auf  der  Stelle,  statt  Losungen  bieten  sie  Vorreden,  statt  des 
Hinweises  auf  das  Neue  neben  der  Bekräftigung  des  Alten  Wiederkäuen  sie 
dieses  Alte  weitschweifig  und  langweilig,  erfinden  Ausflüchte  vor  dem 
Neuen,  sind  unfähig,  die  Bedingungen  des  entscheidenden  Sieges  zu  be- 
stimmen, sind  unfähig,  Losungen  aufzustellen,  die  einzig  und  allein  dem 
Streben  nach  Erringung  des  vollen  Sieges  entsprechen. 

Das  Ergebnis  dieser  Nachtrabpolitik  liegt  bei  uns  auf  der  Hand.  Die 
Fabel  von  der  Annäherung  der  „Mehrheit"  der  Sozialdemokratischen 
Arbeiterpartei  Rußlands  an  die  revolutionäre  bürgerliche  Demokratie 
bleibt  eine  Fabel,  die  durch  keine  einzige  politische  Tatsache,  durch  keine 
einzige  maßgebende  Resolution  der  „Bolschewiki",  durch  keine  einzige 
Handlung  des  III.  Parteitags  der  Sozialdemokratischen  Arbeiterpartei  Ruß- 
lands bestätigt  wird.  Indessen  begrüßt  aber  die  opportunistische,  mon- 
archistische Bourgeoisie  in  Gestalt  des  „Oswoboshdenije"  seit  langem  die 
„prinzipiellen"  Tendenzen  des  Neuiskrismus  und  treibt  jetzt  mit  seinem 
Wasser  schon  direkt  ihre  eigene  Mühle.  Sie  übernimmt  alle  neuiskristi- 
schen Sprüchlein  und  „Ideechen"  gegen  die  „Konspiration"  und  die  „Re- 
bellion", gegen  die  Übertreibung  der  „technischen"  Seite  der  Revolution, 
gegen  die  direkte  Aufstellung  der  Losung  des  bewaffneten  Aufstands, 
gegen  den  „Revolutionarismus"  der  extremen  Forderungen  usw.  usf.  Die 
Resolution  einer  ganzen  Konferenz  von  „menschewistischen"  Sozialdemo- 
kraten im  Kaukasus  und  die  Billigung  dieser  Resolution  durch  die  Redak- 
tion der  neuen  „Iskra"  ziehen  das  unzweideutige  politische  Fazit  aus  alle- 
dem: daß  die  Bourgeoisie  bloß  nicht  abschwenkt,  falls  das  Proletariat  an 
der  revolutionär-demokratischen  Diktatur  teilnimmt!  Damit  ist  alles  ge- 
sagt. Damit  ist  die  Verwandlung  des  Proletariats  in  ein  Anhängsel  der 
monarchistisdien  Bourgeoisie  endgültig  besiegelt.  Damit  ist  die  politische 
Bedeutung  der  neuiskristischen  Nachtrabideologie  faktisch,  nicht  durch  die 
zufällige  Erklärung  einer  einzelnen  Person,  sondern  durch  eine  von  der 
ganzen  Richtung  ausdrücklich  gebilligte  Resolution  bewiesen. 

Wer  sich  in  diese  Tatsachen  hineindenkt,  der  wird  die  wirkliche  Be- 
deutung des  landläufigen  Hinweises  auf  zwei  Flügel  und  zwei  Tendenzen 
in  der  sozialdemokratischen  Bewegung  verstehen.  Nehmt  das  Bersteini- 
anertum,  um  diese  Tendenzen  im  großen  Maßstab  zu  studieren.  Die 
Bernsteinianer  behaupteten  und  behaupten  doch  ganz  genauso,  daß  sie  und 
nur  sie  die  wahren  Nöte  des  Proletariats  kennen  und  sich  darauf  verstehen, 


98 


IV.  X Lenin 


das  Wachstum  seiner  Kräfte  zu  fördern,  die  gesamte  Arbeit  zu  vertiefen, 
die  Elemente  der  neuen  Gesellschaft  vorzubereiten,  Propaganda  und  Agi- 
tation zu  treiben.  Wir  verlangen  die  offene  Anerkennung  dessen,  was 
ist!  — sagt  Bernstein  und  sanktioniert  damit  die  „Bewegung"  ohne  „End- 
ziel", sanktioniert  allein  die  Taktik  der  Abwehr  und  predigt  die  Taktik 
der  Angst,  „daß  die  Bourgeoisie  bloß  nicht  abschwenkt" . Auch  die  Bem- 
steinianer  zeterten  über  das  „Jakobinertum"  der  revolutionären  Sozial- 
demokraten, über  die  „Literaten",  die  für  die  „proletarische  Selbsttätig- 
keit" kein  Verständnis  hätten  usw.  usf.  ln  Wirklichkeit  dachten,  wie  all- 
gemein bekannt,  die  revolutionären  Sozialdemokraten  nicht  im  Traum 
daran,  die  alltägliche  Kleinarbeit,  die  Vorbereitung  der  Kräfte  u.  dgl.  m. 
zu  vernachlässigen.  Sie  forderten  nur  die  klare  Erkenntnis  des  Endziels, 
die  klare  Formulierung  der  revolutionären  Aufgaben;  sie  wollten  die  halb- 
proletarischen und  halbkleinbürgerlichen  Schichten  zum  revolutionären 
Niveau  des  Proletariats  emporheben,  nicht  aber  dieses  Niveau  zu  oppor- 
tunistischen Erwägungen  hinabzerren,  „daß  die  Bourgeoisie  bloß  nicht 
abschwenkt".  Seinen  prägnantesten  Ausdruck  fand  dieser  Gegensatz  zwi- 
schen dem  intellektuell-opportunistischen  und  dem  proletarisch-revolutio- 
nären Flügel  der  Partei  wohl  in  der  Frage:  Dürfen  wir  siegen?*  ist  es  uns 
erlaubt,  zu  siegen?  ist  es  nicht  gefährlich  für  uns,  zu  siegen?  sollen  wir 
siegen?  So  merkwürdig  diese  Frage  auf  den  ersten  Blick  anmutet,  wurde 
sie  doch  gestellt  und  mußte  gestellt  werden,  denn  die  Opportunisten  fürch- 
teten den  Sieg,  schreckten  das  Proletariat  mit  ihm,  prophezeiten  Unheil 
von  ihm  und  verspotteten  die  Losungen,  die  offen  zum  Sieg  aufriefen. 

Dieselbe  grundlegende  Teilung  in  eine  intellektuell-opportunistische 
und  eine  proletarisch-revolutionäre  Tendenz  ist  auch  bei  uns  vorhanden, 
nur  mit  dem  sehr  wesentlichen  Unterschied,  daß  es  sich  hier  nicht  um  die 
sozialistische,  sondern  um  die  demokratische  Umwälzung  handelt.  Auch 
bei  uns  ist  die  auf  den  ersten  Blick  widersinnige  Frage  gestellt  worden: 
„Dürfen  wir  siegen?"  Sie  wird  von  Martynow  in  seinen  „Zwei  Dikta- 
turen" gestellt,  wo  er  Unheil  prophezeite  für  den  Fall,  daß  wir  den  Auf- 
stand sehr  gut  vorbereiten  und  völlig  erfolgreich  durchführen.  Sie  wird 
in  der  gesamten  Literatur  der  Neuiskristen  bei  der  Frage  der  proviso- 
rischen revolutionären  Regierung  gestellt,  wobei  man  die  ganze  Zeit  eifrig, 
aber  erfolglos  versucht,  die  Beteiligung  Millerands  an  einer  bürgerlich- 

* „Dürfen  wir  siegen?"  bei  Lenin  deutsch.  Der  Tibers. 


Zwei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdben  Revolution  99 


opportunistischen  Regierung  mit  der  Beteiligung  Varlins29  an  einer  klein- 
bürgerlichen Revolutionsregierung  in  einen  Topf  zu  werfen.  Sie  ist  in 
einer  Resolution  festgehalten:  „daß  die  Bourgeoisie  bloß  nicht  abschwenkt". 
Und  wenngleich  Kautsky  zum  Beispiel  jetzt  ironisch  meint,  unser  Streit 
über  die  provisorische  revolutionäre  Regierung  erinnere  an  die  Teilung 
des  Fells  eines  noch  nicht  erlegten  Bären,  so  zeigt  diese  Ironie  nur,  daß 
sogar  kluge  und  revolutionäre  Sozialdemokraten  danebenhauen,  wenn  sie 
über  etwas  reden,  was  sie  nur  vom  Hörensagen  kennen.  Die  deutsche 
Sozialdemokratie  ist  noch  nicht  so  weit,  den  Bären  zu  erlegen  (die  sozia- 
listische Umwälzung  zu  vollbringen),  aber  die  Polemik  darüber,  ob  wir 
ihn  erlegen  „dürfen",  war  von  größter  prinzipieller  und  praktisch-poli- 
tischer Bedeutung.  Die  russischen  Sozialdemokraten  sind  noch  nicht  so 
weit,  daß  sie  „ihren  Bären  erlegen"  (die  demokratische  Umwälzung  voll- 
bringen) könnten,  aber  die  Frage,  ob  wir  ihn  erlegen  „dürfen",  ist  für  die 
ganze  Zukunft  Rußlands  und  für  die  Zukunft  der  russischen  Sozialdemo- 
kratie von  höchst  ernster  Bedeutung.  Ohne  die  Überzeugung,  daß  wir 
siegen  „dürfen",  kann  von  einer  energischen,  erfolgreichen  Sammlung  und 
Führung  der  Armee  keine  Rede  sein. 

Nehmt  unsere  alten  Ökonomisten!  Sie  schrien  auch,  daß  ihre  Gegner 
Verschwörer,  Jakobiner  seien  (siehe  das  „Rabotscheje  Delo",  besonders 
Nr.  10,  und  Martynows  Rede  in  der  Programmdiskussion  auf  dem  II.  Par- 
teitag), daß  sie  sich  von  den  Massen  loslösen,  wenn  sie  sich  in  die  Politik 
stürzen,  daß  sie  die  Grundlagen  der  Arbeiterbewegung  vergessen,  nicht 
mit  der  proletarischen  Selbsttätigkeit  rechnen  usw.  usf.  In  Wirklichkeit 
aber  waren  diese  Anhänger  der  „proletarischen  Selbsttätigkeit"  oppor- 
tunistische Intellektuelle,  die  den  Arbeitern  ihre  enge,  philisterhafte  Auf- 
fassung von  den  Aufgaben  des  Proletariats  aufnötigten.  In  Wirklichkeit 
haben  die  Gegner  des  Ökonomismus,  wie  jeder  aus  der  alten  „Iskra"  er- 
sehen kann,  keine  einzige  Seite  der  sozialdemokratischen  Arbeit  vernach- 
lässigt  oder  in  den  Hintergrund  geschoben  und  den  ökonomischen  Kampf 
nicht  im  geringsten  vergessen.  Zugleich  aber  haben  sie  es  verstanden,  die 
aktuellen  und  nächsten  politischen  Fragen  in  ihrem  ganzen  Umfang  auf- 
zurollen, und  haben  der  Verwandlung  der  Arbeiterpartei  in  ein  „ökono- 
misches" Anhängsel  der  liberalen  Bourgeoisie  entgegengewirkt.' 

Die  Ökonomisten  hatten  auswendig  gelernt,  daß  der  Politik  die  Öko- 
nomik zugrunde  liegt,  und  das  so  „verstanden",  daß  man  den  politischen 


100 


W.  J.  Lenin 


Kampf  zum  ökonomischen  herabwürdigen  müsse.  Die  Neuiskristen  haben 
auswendig  gelernt,  daß  die  ökonomische  Grundlage  der  demokratischen 
Umwälzung  die  bürgerliche  Revolution  ist,  und  das  so  „verstanden",  daß 
man  die  demokratischen  Aufgaben  des  Proletariats  auf  das  Niveau  der 
bürgerlichen  Mäßigung  herabwürdigen  und  innerhalb  jener  Grenzen  hal- 
ten müsse,  jenseits  derer  die  „Bourgeoisie  abschwenken"  würde.  Die 
Ökonomisten  lieferten  unter  dem  Vorwand  der  Vertiefung  der  Arbeit, 
unter  dem  Vorwand  der  proletarischen  Selbsttätigkeit  und  der  reinen 
Klassenpolitik  in  Wirklichkeit  die  Arbeiterklasse  an  die  bürgerlich-libe- 
ralen Politiker  aus,  d.  h.,  sie  führten  die  Partei  auf  einen  Weg,  dessen 
objektive  Bedeutung  eben  darin  bestand.  Die  Neuiskristen  verraten  unter 
denselben  Vorwänden  in  Wirklichkeit  die  Interessen  des  Proletariats  in 
der  demokratischen  Revolution  an  die  Bourgeoisie,  d.  h.,  sie  führen  die 
Partei  auf  einen  Weg,  dessen  objektive  Bedeutung  eben  darin  besteht. 
Den  Ökonomisten  schien  die  Hegemonie  im  politischen  Kampf  nicht  Sache 
der  Sozialdemokraten,  sondern  eigentlich  Sache  der  Liberalen  zu  sein. 
Den  Neuiskristen  scheint  die  aktive  Durchführung  der  demokratischen 
Revolution  nicht  Sache  der  Sozialdemokraten,  sondern  eigentlich  Sache 
der  demokratischen  Bourgeoisie  zu  sein,  weil  durch  die  Führung  und  die 
überragende  Beteiligung  des  Proletariats  der  „Schwung"  der  Revolution 
„geschwächt"  würde. 

Kurzum,  die  Neuiskristen  sind  die  Epigonen  des  Ökonomismus,  nicht 
nur  nach  der  Art,  wie  ihre  Richtung  auf  dem  II.  Parteitag  entstand,  son- 
dern auch  nach  der  Art,  wie  sie  heute  die  taktischen  Aufgaben  des  Prole- 
tariats in  der  demokratischen  Revolution  stellen.  Das  ist  ebenfalls  der  in- 
tellektuell-opportunistische Flügel  der  Partei.  In  der  Organisationsfrage 
debütierte  er  mit  dem  anarchistischen  Individualismus  der  Intellektuellen, 
und  er  endete  mit  der  „Desorganisation  als  Prozeß",  da  er  in  dem  von  der 
Konferenz  angenommenen  „Statut"30  die  Trennung  der  Literatur  von  der 
Parteiorganisation,  indirekte,  wenn  nicht  gar  vierstufige  Wahlen  und  ein 
System  bonapartistischer  Plebiszite  an  Stelle  des  demokratischen  Vertre- 
tungssystems und  schließlich  das  Prinzip  der  „Vereinbarung"  zwischen 
einem  Teil  und  dem  Ganzen  verankerte.  In  der  Taktik  der  Partei  gerieten 
diese  Leute  auf  eine  ebenso  schiefe  Ebene.  Im  „Plan  der  Semstwokam- 
pagne"  erklärten  sie  das  Auftreten  vor  den  Semstwopolitikern  zum  „höch- 
sten Typus  der  Demonstration",  da  sie  (am  Vorabend  des  9.  Januar!) 


Zwei  Jaktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisiert  Revolution  101 


auf  der  politischen  Bühne  nur  zwei  aktive  Kräfte  sahen  — die  Regierung 
und  die  bürgerliche  Demokratie.  Die  aktuelle  Aufgabe  der  Bewaffnung 
„vertieften"  sie,  indem  sie  die  direkte,  praktische  Losung  durch  die  Auf- 
forderung ersetzten,  sich  mit  dem  brennenden  Verlangen  nach  Selbst- 
bewaffnung auszurüsten.  Die  Aufgaben  des  bewaffneten  Aufstands,  der 
provisorischen  Regierung,  der  revolutionär-demokratischen  Diktatur  ha- 
ben sie  jetzt  in  ihren  offiziellen  Resolutionen  entstellt  und  gestutzt.  „Daß 
die  Bourgeoisie  bloß  nicht  abschwenkt"  — dieser  Schlußakkord  ihrer  letz- 
ten Resolution  wirft  ein  helles  Licht  auf  die  Frage,  wohin  ihr  Weg  die 
Partei  führt. 

Die  demokratische  Umwälzung  in  Rußland  ist  ihrem  gesellschaftlich- 
ökonomischen Wesen  nach  eine  bürgerliche  Revolution.  Es  genügt  aber 
nicht,  diese  richtige  marxistische  These  einfach  zu  wiederholen.  Man  muß 
es  verstehen,  in  sie  einzudringen  und  sie  bei  der  Aufstellung  politischer 
Losungen  anzuwenden.  Auf  dem  Boden  der  heutigen,  d.  h.  der  kapita- 
listischen Produktionsverhältnisse  ist  alle  politische  Freiheit  schlechthin 
bürgerliche  Freiheit.  Die  Forderung  nach  Freiheit  bringt  vor  allem  die 
Interessen  der  Bourgeoisie  zum  Ausdruck.  Ihre  Vertreter  haben  als  erste 
diese  Forderung  aufgestellt.  Ihre  Anhänger  haben  von  der  erhaltenen 
Freiheit  überall  als  Herren  Gebrauch  gemacht,  sie  auf  ein  bescheidenes 
und  genaues  bürgerliches  Maß  reduziert  und  sie  in  friedlichen  Zeiten  mit 
einer  äußerst  raffinierten,  in  stürmischen  Zeiten  mit  einer  tierisch-grau- 
samen Unterdrückung  des  revolutionären  Proletariats  verbunden. 

Aber  daraus  eine  Ablehnung  oder  Herabsetzung  des  Kampfes  für  die 
Freiheit  ableiten  konnten  nur  die  Rebellen  vom  Schlage  der  Volkstümler, 
die  Anarchisten  und  „Ökonomisten".  Dem  Proletariat  diese  intellektuell- 
philisterhafte Lehre  aufzuzwingen  gelang  immer  nur  vorübergehend,  nur 
gegen  seinen  Widerstand.  Das  Proletariat  empfand  instinktiv,  daß  es  die 
politische  Freiheit  braucht,  sie  am  allermeisten  braucht,  obwohl  sie  un- 
mittelbar die  Bourgeoisie  festigen  und  organisieren  wird.  Nicht  vom  Aus- 
weichen vor  dem  Klassenkampf  erwartet  das  Proletariat  sein  Heil,  son- 
dern davon,  daß  es  den  Klassenkampf  entfaltet,  ihn  ausweitet,  ihn  be- 
wußter, organisierter  und  entschlossener  führt.  Wer  die  Aufgaben  des 
politischen  Kampfes  herabsetzt,  der  verwandelt  den  Sozialdemokraten  aus 
einem  Volkstribunen  in  einen  Trade-Union-Sekretär.  Wer  die  proleta- 
rischen Aufgaben  in  der  demokratischen  bürgerlichen  Revolution  herab- 


102 


TV.  3.  Lenin 


setzt,  der  verwandelt  den  Sozialdemokraten  aus  dem  Führer  der  Volks- 
revolution in  den  Leiter  eines  freien  Arbeiterverbandes. 

Ja,  der  'Volksrevolution.  Die  Sozialdemokratie  kämpfte  und  kämpft 
mit  vollem  Recht  gegen  den  bürgerlich-demokratischen  Mißbrauch  des 
Wortes  Volk.  Sie  verlangt,  daß  mit  diesem  Wort  nicht  das  Unverständnis 
für  die  Klassenantagonismen  innerhalb  des  Volkes  bemäntelt  wird.  Sie 
besteht  kategorisch  darauf,  daß  es  für  die  Partei  des  Proletariats  not- 
wendig ist,  ihre  volle  Klassenselbständigkeit  zu  bewahren.  Sie  teilt  aber 
das  „Volk"  nicht  in  „Klassen"  ein,  damit  die  fortgeschrittenste  Klasse  sich 
abkapselt,  sich  auf  ein  enges  Maß  beschränkt  und  ihre  Tätigkeit  durch' 
Erwägungen  von  der  Art  beschneidet,  daß  die  ökonomischen  Beherrscher 
der  Welt  bloß  nicht  abschwenken  — sondern  damit  die  fortgeschrittenste 
Klasse,  unbehindert  von  der  Halbschlächtigkeit,  Unbeständigkeit  und  Un- 
entschlossenheit der  Mittelklassen,  mit  um  so  größerer  Energie,  mit  um 
so  größerem  Enthusiasmus  an  der  Spitze  des  ganzen  Volkes  für  die  Sache 
des  ganzen  Volkes  kämpft. 

Und  eben  das  ist  es,  was  die  heutigen  Neuiskristen,  die  die  Aufstellung 
von  aktiven  politischen  Losungen  in  der  demokratischen  Revolution  durch 
die  bloße  räsonierende  Wiederholung  des  Wortes  „Klassen"  in  allen 
grammatischen  Abwandlungen  ersetzen,  oft  nicht  verstehen! 

Die  demokratische  Umwälzung  ist  bürgerlich.  Die  Losung  von  der 
schwarzen  Umteilung  oder  von  Land  und  Freiheit  — diese  meistverbreitete 
Losung  der  geduckten  und  unaufgeklärten,  aber  leidenschaftlich  nach  Licht 
und  Glück  strebenden  Bauernmassen  — ist  bürgerlich.  Wir  Marxisten  aber 
müssen  wissen,  daß  es  keinen  anderen  Weg  zur  wirklichen  Freiheit  des 
Proletariats  und  der  Bauernschaft  gibt  noch  geben  kann  als  den  Weg  der 
bürgerlichen  Freiheit  und  des  bürgerlichen  Fortschritts.  Wir  dürfen  nicht 
vergessen,  daß  es  in  der  gegenwärtigen  Zeit  kein  anderes  Mittel  gibt  noch 
geben  kann,  um  den  Sozialismus  näher  zu  bringen,  als  die  volle  politische 
Freiheit,  als  die  demokratische  Republik,  als  die  revolutionär-demokra- 
tische Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft.  Als  Vertreter  der 
fortgeschrittensten  und  einzigen  revolutionären  Klasse,  die  keine  Vor- 
behalte macht,  keine  Zweifel  hat  und  nicht  nach  rückwärts  blickt,  müssen 
wir  die  Aufgaben  der  demokratischen  Umwälzung  vor  dem  ganzen  Volke 
so  breit,  so  kühn  und  mit  soviel  Initiative  wie  nur  möglich  stellen.  Die 
Mißachtung  dieser  Aufgaben  ist  theoretisch  eine  Karikatur  auf  den 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  103 


Marxismus  und  eine  philisterhafte  Verzerrung  des  Marxismus;  praktisch- 
politisch  aber  liefert  man  damit  die  Sache  der  Revolution  an  die  Bour- 
geoisie aus,  die  vor  der  konsequenten  Durchführung  der  Revolution  un- 
weigerlich zurückscheuen  wird.  Die  Schwierigkeiten,  die  dem  vollen  Sieg 
der  Revolution  im  Wege  stehen,  sind  sehr  groß.  Niemand  wird  die  Ver- 
treter des  Proletariats  verurteilen  können,  wenn  sie  alles  tun,  was  in  ihren 
Kräften  steht,  auch  wenn  ihre  Bemühungen  am  Widerstand  der  Reaktion, 
am  Verrat  der  Bourgeoisie,  an  der  Unaufgeklärtheit  der  Massen  zerschel- 
len sollten.  Aber  jedermann  — und  vor  allem  das  klassenbewußte  Prole- 
tariat — wird  die  Sozialdemokratie  verurteilen,  wenn  sie  die  revolutionäre 
Energie  der  demokratischen  Umwälzung  eindämmen,  den  revolutionären 
Enthusiasmus  dämpfen  wird,  aus  Angst  vor  dem  Sieg  und  aus  der  Er- 
wägung heraus,  daß  die  Bourgeoisie  bloß  nicht  abschwenkt. 

Die  Revolutionen  sind  die  Lokomotiven  der  Geschichte,  sagte  Marx.31 
Die  Revolutionen  sind  Festtage  der  Unterdrückten  und  Ausgebeuteten. 
Nie  vermag  die  Volksmasse  als  ein  so  aktiver  Schöpfer  neuer  gesellschaft- 
licher Zustände  aufzutreten  wie  während  der  Revolution.  Gemessen  an 
dem  engen,  kleinbürgerlichen  Maßstab  des  allmählichen  Fortschritts  ist 
das  Volk  in  solchen  Zeiten  fähig,  Wunder  zu  wirken.  Es  ist  aber  not- 
wendig, daß  in  einer  solchen  Zeit  auch  die  Führer  der  revolutionären 
Parteien  ihre  Aufgaben  breiter  und  kühner  stellen,  daß  ihre  Losungen 
der  revolutionären  Initiative  der  Masse  stets  vorangehen,  ihr  als  Fanal 
dienen,  unser  demokratisches  und  sozialistisches  Ideal  in  seiner  ganzen 
Erhabenheit  und  seiner  ganzen  Schönheit  zeigen  und  den  nächsten,  den 
direktesten  Weg  zum  vollen,  unbedingten  und  entscheidenden  Sieg  weisen, 
überlassen  wir  es  den  Opportunisten  der  um  das  „Oswoboshdenije" 
gruppierten  Bourgeoisie,  aus  Angst  vor  der  Revolution  und  aus  Angst  vor 
dem  direkten  Weg  Umwege,  Schleichwege  und  Kompromißwege  auszu- 
tüfteln. Sollte  man  uns  mit  Gewalt  zwingen,  uns  auf  solchen  Wegen 
dahinzuschleppen,  so  werden  wir  auch  in  der  täglichen  Kleinarbeit  unsere 
Pflicht  zu  tun  wissen.  Vorerst  aber  soll  rücksichtsloser  Kampf  über  die 
Wahl  des  Weges  entscheiden.  Wir  würden  uns  als  Verräter  und  Ab- 
trünnige der  Revolution  erweisen,  wollten  wir  diese  festtägliche  Energie 
der  Massen  und  ihren  revolutionären  Enthusiasmus  nicht  für  den  rück- 
sichtslosen, hingebungsvollen  Kampf  um  den  direkten  und  entscheidenden 
Weg  ausnutzen.  Mögen  die  Opportunisten  der  Bourgeoisie  feige  an  die 


104 


W.  1 Centn 


künftige  Reaktion  denken.  Die  Arbeiter  -wird  nichts  schrecken,  weder  der 
Gedanke,  daß  die  Reaktion  sich  anschickt,  furchtbar  zu  sein,  noch  der 
Gedanke,  daß  die  Bourgeoisie  sich  anschickt,  abzuschwenken.  Die  Arbei- 
ter erwarten  keine  Kompromisse  und  bitten  nicht  um  Almosen;  sie  trach- 
ten danach,  die  reaktionären  Kräfte  rücksichtslos  zu  zerschlagen,  d.  h.  die 
revolutionär-demokratische  Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauern- 
schaft zu  errichten. 

Ohne  Frage  drohen  in  einer  stürmischen  Zeit  unserem  Parteischiff  mehr 
Gefahren  als  beim  stillen  „Dahingleiten"  des  liberalen  Fortschritts,  der 
ein  qualvoll-langsames  Auspressen  der  Lebenssäfte  der  Arbeiterklasse 
durch  ihre  Ausbeuter  bedeutet.  Ohne  Frage  sind  die  Aufgaben  der  revo- 
lutionär-demokratischen Diktatur  tausendmal  schwieriger  und  kompli- 
zierter als  die  Aufgaben  der  „äußersten  Opposition"  und  des  nur  parla- 
mentarischen Kampfes.  Wer  es  aber  im  gegenwärtigen  revolutionären 
Zeitpunkt  fertigbringt,  bewußt  das  friedliche  Dahingleiten  und  den  Weg 
der  gefahrlosen  „Opposition"  vorzuziehen,  der  soll  sich  lieber  eine  Zeit- 
lang von  der  sozialdemokratischen  Arbeit  f enthalten  und  abwarten,bis  die 
Revolution  zu  Ende  geht,  bis  der  Festtag  vorbei  ist  und  der  Alltag  wieder 
beginnt,  bis  sein  beschränktes  Alltagsmaß  nicht  mehr  eine  so  widerwär- 
tige Dissonanz,  eine  so  abscheuliche  Verzerrung  der  Aufgaben  der  fort- 
geschrittensten Klasse  sein  wird. 

An  der  Spitze  des  gesamten  Volkes  und  besonders  der  Bauernschaft  — 
für  die  volle  Freiheit,  für  die  konsequente  demokratische  Umwälzung,  für 
die  Republik!  An  der  Spitze  aller  Werktätigen  und  Ausgebeuteten  — für 
den  Sozialismus!  Das  muß  in  der  Tat  die  Politik  des  revolutionären  Pro- 
letariats sein,  so  muß  die  Klassenlosung  lauten,  die  während  der  Revolu- 
tion die  Lösung  jeder  taktischen  Frage  und  jeden  praktischen  Schritt  der 
Arbeiterpartei  durchdringen  und  bestimmen  muß. 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  105 


NACHWORT 

Noch  einmal  das  Oswoboshdenzentum, 
noch  einmal  der  Neuiskrismus 


Die  Nummern  71  und  72  des  „Oswoboshdenije"  sowie  102  und  103 
der  „Iskra"  haben  neues,  überaus  reiches  Material  zu  der  von  uns  in 
Abschnitt  8 unserer  Broschüre  behandelten  Frage  geliefert.  Da  wir  außer- 
stande sind,  hier  dieses  ganze  reichhaltige  Material  zu  verwenden,  wollen 
wir  nur  auf  das  Wichtigste  eingehen:  erstens  darauf,  welchen  „Realismus" 
in  der  Sozialdemokratie  das  „Oswoboshdenije"  über  den  grünen  Klee 
lobt  und  warum  es  ihn  loben  muß;  zweitens  darauf,  wie  sich  die  Begriffe 
Revolution  und  Diktatur  zueinander  verhalten. 


1.  WOFÜR  LOBEN  DIE  BÜRGERLICH-LIBERALEN  REALISTEN 
DIE  SOZIALDEMOKRATISCHEN  „REALISTEN"? 

Die  Artikel  „Die  Spaltung  in  der  russischen  Sozialdemokratie"  und 
„Der  Triumph  des  gesunden  Menschenverstands"  (Nr.  72  des  „Oswo- 
boshdenije") sind  ein  für  die  klassenbewußten  Proletarier  außerordent- 
lich wertvolles  Urteil  der  Vertreter  der  liberalen  Bourgeoisie  über  die 
Sozialdemokratie.  Man  kann  jedem  Sozialdemokraten  nicht  genug  emp- 
fehlen, sich  mit  diesen  Artikeln  in  ihrem  vollen  Wortlaut  bekannt  zu 
machen  und  über  jeden  Satz  darin  nadhzudenken.  Zunächst  wollen  wir 
die  wichtigsten  Stellen  der  beiden  Artikel  wiedergeben: 

„Für  den  außenstehenden  Beobachter",  sagt  das  „Oswoboshdenije",  „ist  es 
ziemlich  schwierig,  den  realen  politischen  Sinn  der  Meinungsverschiedenheiten 
zu  erfassen,  welche  die  Sozialdemokratie  in  zwei  Fraktionen  gespalten  haben. 
Die  Erklärung,  daß  die  Fraktion  der  , Mehrheit'  die  radikalere  und  konsequen- 


8 Lenin,  Werke,  Bd.  9 


106 


“W.  J.  Lenin 


tere  sei,  zum  Unterschied  von  der  ,Minderheit‘;  die  im  Interesse  der  Sache  ge- 
wisse Kompromisse  zulasse,  ist  nicht  ganz  genau  und  stellt  jedenfalls  keine  er- 
schöpfende Charakteristik  dar.  Wenigstens  hütet  die  Fraktion  der  Minderheit 
die  traditionellen  Dogmen  der  marxistischen  Orthodoxie  wohl  mit  noch  größe- 
rer Eifersucht  als  die  Fraktion  Lenins.  Genauer  scheint  uns  folgende  Charakte- 
ristik zu  sein.  Die  politische  Grundstimmung  der  .Mehrheit'  bildet  abstrakter 
Revolutionarismus,  Rebellentum,  das  Bestreben,  mit  beliebigen  Mitteln  einen 
Aufstand  der  Volksmassen  herbeizuführen  und  in  ihrem  Namen  unverzüglich 
die  Macht  zu  ergreifen,- das  bringt  die  .Leninisten' bis  zu  einem  gewissen  Grade 
den  Sozialrevolutionären  nahe  und  verdrängt  in  ihrem  Bewußtsein  die  Idee  des 
Klassenkampfes  durch  die  Idee  der  allgemeinen  russischen  Volksrevolution; 
während  sich  die  .Leninisten'  in  ihrer  Praxis  von  vielen  Beschränktheiten  der 
sozialdemokratischen  Doktrin  lossagen,  sind  sie  anderseits  bis  ins  innerste  Mark 
von  der  Beschränktheit  des  Revolutionarismus  durchdrungen,  verzichten  auf 
jede  praktische  Arbeit  außer  der  Vorbereitung  des  sofortigen  Aufstands  und 
ignorieren  grundsätzlich  alle  Formen  der  legalen  und  halblegalen  Agitation  und 
alle  Arten  praktisch-nützlicher  Kompromisse  mit  anderen  oppositionellen  Strö- 
mungen. Die  Minderheit  dagegen  hält  sich  zwar  streng  an  das  marxistische 
Dogma,  bewahrt  aber  zugleich  auch  die  realistischen  Elemente  der  marxisti- 
schen Weltanschauung.  Die  Grundidee  dieser  Fraktion  ist  die  Gegenüberstel- 
lung der  Interessen  des  .Proletariats'  und  der  Interessen  der  Bourgeoisie.  Doch 
anderseits  denkt  sie  über  den  Kampf  des  Proletariats  — selbstverständlich  in 
den  bestimmten  Grenzen,  die  von  den  unerschütterlichen  Dogmen  der  Sozial- 
demokratie diktiert  werden  — realistisch  nüchtern,  mit  klarer  Erkenntnis  aller 
konkreten  Bedingungen  und  Aufgaben  dieses  Kampfes.  Beide  Fraktionen  füh- 
ren ihren  grundlegenden  Standpunkt  nicht  ganz  folgerichtig  durch,  da  sie  in 
ihrem  geistig-politischen  Schaffen  an  die  starren  Formeln  des  sozialdemokrati- 
schen Katechismus  gebunden  sind,  welche  die  .Leninisten'  hindern,  konsequente 
Rebellen  nach  dem  Muster  wenigstens  einiger  Sozialrevolutionäre  zu  werden, 
und  die  .Iskristen'  hindern,  praktische  Führer  der  realen  politischen  Bewegung 
der  Arbeiterklasse  zu  werden." 

Der  Artikelschreiber  des  „Oswoboshdenije"  führt  dann  den  Inhalt  der  wich- 
tigsten Resolutionen  an  und  erläutert  durch  einige  konkrete  Bemerkungen  zu 
ihnen  seinen  allgemeinen  „Gedankengang".  Verglichen  mit  dem  III.  Parteitag, 
sagt  er,  „verhält  sich  die  Konferenz  der  Minderheit  völlig  anders  zum  be- 
waffneten Aufstand".  Der  Unterschied  der  Resolutionen  über  die  provisorische 
Regierung  „hängt  mit  der  Einstellung  zum  bewaffneten  Aufstand  zusammen". 
„Eine  ebensolche  Meinungsverschiedenheit  tritt  auch  in  der  Einstellung  zu  den 
Gewerkschaftsverbänden  der  Arbeiter  zutage.  Die  .Leninisten'  haben  in  ihren 


Z wei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  107 


Resolutionen  diesen  wichtigsten  Ausgangspunkt  für  die  politische  Erziehung 
und  Organisation  der  Arbeiterklasse  mit  keiner  Silbe  erwähnt.  Die  Minder- 
heit dagegen  hat  eine  sehr  ernste  Resolution  ausgearbeitet."  In  bezug  auf  die 
Liberalen  seien  sich  beide  Fraktionen  einig,  aber  der  III.  Parteitag  „wiederholt 
fast  wörtlich  die  vom  II.  Parteitag  angenommene  Resolution  Plechanows  über 
die  Stellung  zu  den  Liberalen  und  verwirft  die  auf  demselben  Parteitag  an- 
genommene, den  Liberalen  gewogenere  Resolution  Starowers".  Bei  sonst  all- 
gemeiner Gleichartigkeit  der  Resolutionen  des  Parteitags  und  der  Konferenz 
über  die  Bauernbewegung  „unterstreicht  die  .Mehrheit'  mehr  die  Idee  der  revo- 
lutionären Konfiskation  der  gutsherrlichen  und  anderer  Ländereien,  während 
die  .Minderheit'  die  Forderungen  demokratischer  Reformen  in  Staat  und  Ver- 
waltung zur  Grundlage  ihrer  Agitation  machen  will". 

Schließlich  zitiert  das  „Oswoboshdenije"  aus  Nr.  100  der  „Iskra"  eine  men- 
schewistische  Resolution,  deren  Hauptpunkt  lautet:  „In  der  Erwägung,  daß 
gegenwärtig  die  illegale  Arbeit  allein  der  Masse  keine  genügende  Garantie  für 
ihre  Beteiligung  am  Parteileben  bietet  und  teilweise  dazu  führt,  daß  die  Masse 
als  solche  der  Partei  als  illegaler  Organisation  entgegengestellt  wird,  muß  die 
Partei  die  Leitung  des  gewerkschaftlichen  Kampfes  der  Arbeiter  auf  legalem 
Boden  in  die  Hand  nehmen  und  diesen  Kampf  mit  den  Aufgaben  der  Sozial- 
demokratie eng  verbinden."  Anläßlich  dieser  Resolution  ruft  das  „Oswobosh- 
denije" aus.-  „Wir  begrüßen  diese  Resolution  aufs  wärmste  als  einen  Triumph 
des  gesunden  Menschenverstands,  als  taktische  Erleuchtung  eines  bestimmten 
Teils  der  sozialdemokratischen  Partei." 

Jetzt  hat  der  Leser  alle  wesentlichen  Urteile  des  „Oswoboshdenije" 
vor  sich.  Selbstverständlich  wäre  es  der  größte  Fehler,  diese  Urteile  in 
dem  Sinne  für  richtig  zu  halten,  daß  sie  der  objektiven  Wahrheit  ent- 
sprächen. Jeder  Sozialdemokrat  wird  in  ihnen  mit  Leichtigkeit  auf  Schritt 
und  Tritt  Fehler  entdecken.  Es  wäre  naiv,  zu  vergessen,  daß  alle  diese 
Urteile  durch  und  durch  den  Interessen  und  dem  Standpunkt  der  liberalen 
Bourgeoisie  entsprechen,  daß  sie  in  diesem  Sinne  durch  und  durch  par- 
teiisch und  tendenziös  sind.  Sie  widerspiegeln  die  Auffassungen  der  Sozial- 
demokratie genauso,  wie  ein  konkaver  oder  konvexer  Spiegel  die  Gegen- 
stände widerspiegelt.  Ein  noch  größerer  Fehler  aber  wäre  es,  zu  vergessen, 
daß  diese  bürgerlich  verzerrten  Urteile  letzten  Endes  die  wirklichen  Inter- 
essen der  Bourgeoisie  widerspiegeln,  die  als  Klasse  zweifellos  richtig  ver- 
steht, welche  Tendenzen  innerhalb  der  Sozialdemokratie  ihr,  der  Bour- 
geoisie, vorteilhaft,  nahe,  verwandt,  sympathisch  und  welche  ihr  schäd- 
lich, fern,  fremd,  unsympathisch  sind.  Ein  bürgerlicher  Philosoph  oder  ein 


s* 


108 


IV.  1.  Lenin 


bürgerlicher  Publizist  wird  die  Sozialdemokratie  nie  richtig  verstehen, 
weder  die  menschewistische  noch  die  bolschewistische  Sozialdemokratie. 
Wenn  er  aber  ein  auch  nur  halbwegs  kluger  Publizist  ist,  so  wird  ihn  sein 
Klasseninstinkt  nicht  täuschen,  und  er  wird  die  Bedeutung  der  einen  oder 
anderen  Richtung  innerhalb  der  Sozialdemokratie  für  die  Bourgeoisie 
immer  im  Wesentlichen  richtig  erfassen,  wenn  er  sie  auch  verkehrt  dar- 
stellt. Der  Klasseninstinkt  unseres  Feindes  und  sein  Klassenurteil  ver- 
dienen daher  stets  die  ernsteste  Aufmerksamkeit  jedes  klassenbewußten 
Proletariers. 

Was  sagt  uns  nun  der  Klasseninstinkt  der  russischen  Bourgeoisie  durch 
den  Mund  der  Oswoboshdenzen? 

Er  bringt  völlig  eindeutig  seine  Zufriedenheit  mit  den  Tendenzen  des 
Neuiskrismus  zum  Ausdruck,  lobt  seinen  Realismus,  seine  Nüchternheit, 
den  Triumph  des  gesunden  Menschenverstands,  den  Ernst  der  Resolutio- 
nen, die  taktische  Erleuchtung,  den  praktischen  Sinn  usw.  — und  er  bringt 
seinen  Unwillen  über  die  Tendenzen  des  III.  Parteitags  zum  Ausdruck, 
tadelt  ihn  wegen  seiner  Beschränktheit,  seines  Revolutionarismus,  seines 
Rebellentums,  seiner  Ablehnung  praktisch-nützlicher  Kompromisse  usw. 
Der  Klasseninstinkt  der  Bourgeoisie  diktiert  ihr  gerade  das,  was  in  unserer 
Literatur  schon  wiederholt  mit  genauen  Tatsachen  bewiesen  worden  ist, 
nämlich  daß  die  Neuiskristen  den  opportunistischen,  ihre  Gegner  aber  den 
revolutionären  Flügel  der  heutigen  russischen  Sozialdemokratie  bilden. 
Die  Liberalen  können  nicht  umhin,  mit  den  Tendenzen  der  ersteren  zu 
sympathisieren  und  die  Tendenzen  der  letzteren  zu  tadeln.  Als  Ideologen 
der  Bourgeoisie  verstehen  die  Liberalen  ausgezeichnet,  daß  „der  prak- 
tische Sinn,  die  Nüchternheit,  der  Ernst"  der  Arbeiterklasse,  d.  h.  die 
faktische  Beschränkung  ihres  Tätigkeitsgebiets  auf  den  Rahmen  des  Kapi- 
talismus, auf  Reformen,  auf  gewerkschaftlichen  Kampf  usw.  für  die  Bour- 
geoisie vorteilhaft  ist.  Gefährlich  und  bedrohlich  ist  für  die  Bourgeoisie 
die  „revolutionaristische  Beschränktheit"  des  Proletariats  und  sein  Be- 
streben, im  Namen  seiner  Klassenaufgaben  die  führende  Rolle  in  der 
allgemeinen  russischen  Volksrevolution  zu  übernehmen. 

Daß  die  Oswoboshdenzen  das  Wort  „Realismus"  tatsächlich  in  diesem 
Sinn  auffassen,  ersieht  man  unter  anderem  daraus,  wie  das  „Oswobosh- 
denije"  und  Herr  Struve  es  früher  angewandt  haben.  Die  „Iskra"  selbst 
mußte  wohl  oder  übel  zugeben,  daß  „Realismus"  bei  den  Oswoboshden- 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  109 


zen  diese  Bedeutung  hat.  Man  erinnere  sich  zum  Beispiel  des  Artikels  „Es 
ist  Zeit!"  in  der  Beilage  zu  Nr.  73/74  der  „Iskra".  Der  Verfasser  dieses 
Artikels  (ein  konsequenter  Verkünder  der  Ansichten  des  „Sumpfes"  auf 
dem  II.  Parteitag  der  Sozialdemokratischen  Arbeiterpartei  Rußlands) 
äußerte  unumwunden  seine  Meinung,  daß  „Akimow  auf  dem  Parteitag 
eher  die  Rolle  eines  Gespenstes  des  Opportunismus  als  seines  wirklichen 
Vertreters  gespielt  hat".  Und  die  Redaktion  der  „Iskra"  war  sofort  ge- 
nötigt, den  Verfasser  des  Artikels  „Es  ist  Zeit!"  dadurch  richtigzustellen, 
daß  sie  in  einer  Anmerkung  erklärte: 

„Dieser  Meinung  können  wir  nicht  zustimmen.  Die  programmatischen  Auf- 
fassungen des  Gen.  Akimow  tragen  das  unverkennbare  Gepräge  des  Opportu- 
nismus, was  auch  der  Kritiker  des  ,Oswoboshdenije‘  in  einer  der  letzten  Num- 
mern anerkennt,  indem  er  feststellt,  daß  Gen.  Akimow  der  .realistischen“  — lies: 
revisionistischen  — Richtung  angehört." 

Also  weiß  die  „Iskra"  selbst  sehr  gut,  daß  der  „Realismus"  der  Oswo- 
boshdenzen  eben  Opportunismus  ist  und  nichts  anderes.  Wenn  die  „Iskra" 
jetzt  bei  ihren  Angriffen  gegen  den  „liberalen  Realismus"  (Nr.  102  der 
„Iskra")  verschweigt,  wie  sie  wegen  ihres  Realismus  von  den  liberalen 
gelobt  worden  ist,  so  erklärt  sich  dieses  Schweigen  daraus,  daß  ein  solches 
Lob  bitterer  ist  als  jeder  Tadel.  Solches  Lob  (vom  „Oswoboshdenije" 
nicht  zufällig  und  nicht  zum  erstenmal  gespendet)  beweist  in  der  Tat  die 
Verwandtschaft  des  liberalen  Realismus  mit  jenen  Tendenzen  des  sozial- 
demokratischen „Realismus"  (lies:  Opportunismus),  die  infolge  der  Feh- 
lerhaftigkeit der  ganzen  taktischen  Position  der  Neuiskristen  in  jeder  ihrer 
Resolutionen  sichtbar  sind. 

In  der  Tat,  die  russische  Bourgeoisie  hat  ihre  Inkonsequenz  und  ihren 
Eigennutz  in  der  „allgemeinen  Volks"revolution  schon  hinreichend  offen- 
bart — offenbart  sowohl  durch  die  Betrachtungen  des  Herrn  Struve  als 
auch  durch  den  ganzen  Ton  und  Inhalt  einer  Masse  liberaler  Zeitungen 
und  durch  den  Charakter  des  politischen  Auftretens  einer  Menge  von 
Semstwoleuten,  einer  Menge  von  Intellektuellen,  überhaupt  aller  mög- 
lichen Anhänger  der  Herren  Trubezkoi,  Petrunkewitsch,  Roditschew  und 
Co.  Die  Bourgeoisie  versteht  freilich  nicht  immer  klar,  erfaßt  aber  im 
großen  und  ganzen  mit  ihrem  Klasseninstinkt  ausgezeichnet,  daß  einer- 
seits das  Proletariat  und  das  „Volk"  für  ihre  Revolution  als  Kanonen- 
futter, als  Sturmbock  gegen  die  Selbstherrschaft  nützlich  sind,  daß  ander- 


110 


'W.J.  Lenin 


seits  aber  das  Proletariat  und  die  revolutionäre  Bauernschaft  für  sie  furcht- 
bar gefährlich  sind,  falls  sie  den  „entscheidenden  Sieg  über  den  Zarismus" 
erringen  und  die  demokratische  Revolution  zu  Ende  führen  sollten.  Des- 
halb trachtet  die  Bourgeoisie  mit  allen  Kräften  danach,  daß  sich  das  Prole- 
tariat mit  einer  „bescheidenen"  Rolle  in  der  Revolution  begnüge,  daß  es 
nüchterner,  praktischer,  realistischer  sei,  daß  seine  Tätigkeit  durch  das 
Prinzip  bestimmt  werde,  „daß  die  Bourgeoisie  bloß  nicht  abschwenkt". 

Die  intelligenten  Bourgeois  wissen  ausgezeichnet,  daß  sie  die  Arbeiter- 
bewegung nicht  aus  der  Welt  schaffen  können.  Darum  treten  sie  gar  nicht 
gegen  die  Arbeiterbewegung,  gegen  den  Klassenkampf  des  Proletariats 
auf  — nein,  sie  erweisen  der  Streikfreiheit  und  dem  zivilisierten  Klassen- 
kampf sogar  jede  Reverenz,  wobei  sie  die  Arbeiterbewegung  und  den 
Klassenkampf  im  Brentanoschen  oder  Hirsch-Dunckerschen  Sinne  auf- 
fassen. Mit  anderen  Worten,  sie  sind  durchaus  bereit,  den  Arbeitern  die 
(faktisch  von  den  Arbeitern  selbst  schon  fast  errungene)  Streik-  und  Koa- 
litionsfreiheit „zuzugestehen",  nur  damit  die  Arbeiter  auf  das  „Rebellen- 
tum",  auf  den  „beschränkten  Revolutionarismus",  auf  die  Feindschaft 
gegen  die  „praktisch-nützlichen  Kompromisse",  auf  die  Ansprüche  und 
Bestrebungen  verzichten,  der  „allgemeinen  russischen  Volksrevolution" 
den  Stempel  ihres  Klassenkampfes,  den  Stempel  der  proletarischen  Kon- 
sequenz, der  proletarischen  Entschlossenheit,  des  „plebejischen  Jakobiner- 
tums" aufzudrücken.  Die  intelligenten  Bourgeois  ganz  Rußlands  bemühen 
sich  deshalb  aus  allen  Kräften,  den  Arbeitern  durdi  tausenderlei  Mittel 
und  Wege  — Bücher*,  Vorlesungen,  Reden,  Diskussionen  usw.  usf.  — die 
Ideen  der  (bürgerlichen)  Nüchternheit,  des  (liberalen)  praktischen  Sinns, 
des  (opportunistischen)  Realismus,  des  (Brentanoschen)  Klassenkampfes, 
der  (Hirsch-Dunckerschen)  Gewerkschaften32  u.  dgl.  m.  einzuflößen.  Die 
beiden  letzten  Losungen  sind  für  die  Bourgeois  der  „konstitutionell-demo- 
kratischen" oder  „Befreiungs"-Partei  besonders  bequem,  denn  sie  stim- 
men äußerlich  mit  den  marxistischen  überein  und  können,  wenn  man  hier 
ein  wenig  verschweigt  und  dort  ein  bißchen  verdreht,  leicht  mit  den  sozial- 
demokratischen Losungen  verwechselt,  ja  manchmal  sogar  als  sozialdemo- 
kratische Losungen  ausgegeben  werden.  Da  schreibt  z.  B.  die  legale  libe- 
rale Zeitung  „Rasswet"  [Morgendämmerung]  (über  die  wir  uns  mit  den 
Lesern  des  „Proletari"  ein  andermal  ausführlicher  unterhalten  wollen) 

* Siehe  Prokopowitsdb,  „Die  Arbeiterfrage  in  Rußland". 


Zwei  I Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdhen  Revolution  111 


über  den  Klassenkampf,  über  den  möglichen  Betrug  der  Bourgeoisie  am 
Proletariat,  über  die  Arbeiterbewegung,  über  die  Selbsttätigkeit  des  Pro- 
letariats usw.  usf.  nicht  selten  derart  „kühne"  Dinge,  daß  ein  unaufmerk- 
samer Leser  oder  ein  unaufgeklärter  Arbeiter  ihren  „Sozialdemokratis- 
mus" leicht  für  bare  Münze  nehmen  können.  In  Wirklichkeit  aber  ist  das 
eine  bürgerliche  Fälschung  des  Sozialdemokratismus,  eine  opportunistische 
Verdrehung  und  Entstellung  des  Begriffs  Klassenkampf. 

Dieser  ganzen  gigantischen  (hinsichtlich  der  Beeinflussung  der  Massen) 
bürgerlichen  Unterschiebung  liegt  die  Tendenz  zugrunde,  die  Arbeiter- 
bewegung vorwiegend  auf  die ' Gewerkschaf tsbewegung  zu  beschränken, 
sie  von  einer  selbständigen  (d.  h.  revolutionären  und  auf  die  demokra- 
tische Diktatur  gerichteten)  Politik  femzuhalten,  „im  Bewußtsein  der 
Arbeiter  die  Idee  der  allgemeinen  russischen  Volksrevolution  durch  die 
Idee  des  Klassenkampfes  zu  verdrängen". 

Wie  der  Leser  sieht,  haben  wir  die  Formulierung  des  „Oswobosh- 
denije"  auf  den  Kopf  gestellt.  Es  ist  eine  prachtvolle  Formulierung,  welche 
die  zwei  Ansichten  über  die  Rolle  des  Proletariats  in  der  demokratischen 
Revolution,  die  bürgerliche  und  die  sozialdemokratische  Ansicht,  aus- 
gezeichnet zum  Ausdruck  bringt.  Die  Bourgeoisie  möchte  das  Proletariat 
allein  auf  die  Gewerkschaftsbewegung  beschränken  und  damit  „im  Be- 
wußtsein der  Arbeiter  die  Idee  der  allgemeinen  russischen  Volksrevolu- 
tion durch  die  ( Brentanosdbe ) Idee  des  Klassenkampfes  verdrängen"  — 
ganz  im  Geiste  der  bernsteinianischen  Verfasser  des  „Credos",  die  im 
Bewußtsein  der  Arbeiter  die  Idee  des  politischen  Kampfes  durch  die  Idee 
der  „reinen  Arbeiter"bewegung  verdrängten.  Die  Sozialdemokratie  da- 
gegen möchte  den  Klassenkampf  des  Proletariats  bis  zu  dessen  führender 
Teilnahme  an  der  allgemeinen  russischen  Volksrevolution  ausdehnen,  d.  h. 
diese  Revolution  bis  zur  demokratischen  Diktatur  des  Proletariats  und  der 
Bauernschaft  führen. 

Die  Revolution  ist  bei  uns  eine  allgemeine  Volksrevolution,  sagt  die 
Bourgeoisie  dem  Proletariat.  — Darum  mußt  du  dich,  als  besondere  Klasse, 
auf  deinen  Klassenkampf  beschränken,  mußt  im  Namen  des  „gesunden 
Menschenverstands"  dein  Hauptaugenmerk  auf  die  Gewerkshaftsver- 
bände und  ihre  Legalisierung  richten.  Du  mußt  gerade  diese  Gewerk- 
shaftsverbände als  den  „wichtigsten  Ausgangspunkt  deiner  politischen 
Erziehung  und  Organisation"  betrachten,  mußt  im  revolutionären  Augen- 


112 


TV.  J.  Lenin 


blick  vorwiegend  „ernste"  Resolutionen  im  Geiste  der  Neuiskristen  ver- 
fassen und  mußt  die  Resolutionen,  die  „den  Liberalen  gewogener"  sind, 
mit  Sorgfalt  behandeln.  Du  mußt  solchen  Führern  den  Vorzug  geben,  die 
die  Tendenz  haben,  „praktische  Führer  der  realen  politischen  Bewegung 
der  Arbeiterklasse"  zu  werden,  mußt  dir  „die  realistischen  Elemente  der 
marxistischen  Weltanschauung  bewahren"  (falls  du  bedauerlicherweise 
schon  von  den  „starren  Formeln"  dieses  „unwissenschaftlichen"  Katechis- 
mus angesteckt  worden  bist). 

Die  Revolution  ist  bei  uns  eine  allgemeine  Volksrevolution,  sagt  die 
Sozialdemokratie  dem  Proletariat.  — Darum  mußt  du,  als  die  fortgeschrit- 
tenste und  einzige  bis  zu  Ende  revolutionäre  Klasse,  nicht  nur  die  ener- 
gischste, sondern  auch  die  führende  Teilnahme  an  ihr  anstreben.  Darum 
darfst  du  didi  nicht  in  einen  eng  verstandenen  Rahmen  des  Klassenkamp- 
fes, hauptsächlich  im  Sinne  der  Gewerkschaftsbewegung,  einfügen,  son- 
dern mußt  umgekehrt  danach  streben,  den  Rahmen  und  den  Inhalt  deines 
Klassenkampfes  so  weit  auszudehnen,  daß  er  nicht  nur  alle  Aufgaben  der 
gegenwärtigen,  demokratischen,  allgemeinen  russischen  Volksrevolution, 
sondern  auch  die  Aufgaben  der  künftigen  sozialistischen  Revolution  um- 
faßt. Darum  mußt  du,  ohne  die  Gewerkschaftsbewegung  zu  ignorieren 
und  ohne  auf  die  Ausnutzung  der  geringsten  legalen  Möglichkeit  zu 
verzichten,  in  der  Epoche  der  Revolution  die  Aufgaben  des  bewaffneten 
Aufstands,  der  Schaffung  einer  revolutionären  Armee  und  der  Bildung 
einer  revolutionären  Regierung  in  den  Vordergrund  rücken,  als  den  ein- 
zigen Weg  zum  vollen  Sieg  des  Volkes  über  den  Zarismus,  zur  Erkämp- 
fung  der  demokratischen  Republik  und  wirklicher  politischer  Freiheit. 

Es  erübrigt  sich,  davon  zu  sprechen,  welche  halbschlächtige,  inkonse- 
quente und  der  Bourgeoisie  natürlich  sympathische  Stellung  die  Resolu- 
tionen der  Neuiskristen  infolge  ihrer  falschen  „Linie"  in  dieser  Frage  bezo- 
gen haben. 

II.  EINE  NEUE  „VERTIEFUNG"  DER  FRAGE 
DURCH  GENOSSEN  MARTYNOW 

Gehen  wir  zu  den  Artikeln  Martynows  in  Nr.  102  und  103  der  „Iskra" 
über.  Selbstverständlich  werden  wir  auf  Martynows  Versuche,  die  Un- 
richtigkeit unserer  und  die  Richtigkeit  seiner  Auslegung  verschiedener 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  113 


Zitate  von  Engels  und  Marx  zu  beweisen,  nicht  antworten.  Diese  Ver- 
suche sind  so  unernst,  die  Ausflüchte  Martynows  sind  so  offensichtlich, 
und  die  Frage  ist  so  klar,  daß  es  uninteressant  wäre,  noch  einmal  darauf 
einzugehen.  Jeder  denkende  Leser  wird  sich  in  den  unkomplizierten  Schli- 
chen des  Martynowschen  Rüdezugs  auf  der  ganzen  Linie  leicht  selbst  zu- 
rechtflnden,  besonders  wenn  die  vollständigen  Übersetzungen  der  Bro- 
schüre von  Engels  „Die  Bakunisten  an  der  Arbeit"  und  von  Marx’  „An- 
sprache der  Zentralbehörde  an  den  Bund"  (der  Kommunisten)  vom  März 
185  0 33  erscheinen,  die  durch  eine  Gruppe  von  Mitarbeitern  des  „Prole- 
tari"  vorbereitet  werden.  Es  genügt  ein  einziges  Zitat  aus  dem  Artikel 
Martynows,  um  dem  Leser  seinen  Rüdezug  zu  veranschaulichen. 

Die  „Iskra",  sagt  Martynow  in  Nr.  103,  „erkennt  an,  daß  die  Bildung 
einer  provisorischen  Regierung  einen  möglichen  und  zweckmäßigen  Ent- 
wicklungsweg der  Revolution  darstellt,  sie  bestreitet  aber  die  Zweck- 
mäßigkeit der  Teilnahme  der  Sozialdemokraten  an  einer  bürgerlichen 
provisorischen  Regierung,  und  zwar  im  Interesse  der  künftigen  vollstän- 
digen Inbesitznahme  der  Staatsmaschinerie  für  die  sozialdemokratische 
Umwälzung".  Mit  anderen  Worten:  Die  „Iskra"  gibt  jetzt  zu,  wie  un- 
sinnig alle  ihre  Ängste  waren,  daß  die  revolutionäre  Regierung  die  Ver- 
antwortung für  die  Staatskasse  und  die  Banken  zu  tragen  habe,  daß  es 
gefährlich  und  unmöglich  sei,  die  „Gefängnisse"  in  die  eigene  Hand  zu 
nehmen  u.  dgl.  m.  Die  „Iskra"  stiftet  nur  nach  wie  vor  dadurch  Verwir- 
rung, daß  sie  die  demokratische  und  die  sozialistische  Diktatur  durchein- 
anderwirft. Die  Verwirrung  ist  indes  unvermeidlich,  um  den  Rückzug  zu 
decken. 

Doch  unter  den  Wirrköpfen  der  neuen  „Iskra"  ragt  Martynow  als  ein 
Wirrkopf  ersten  Ranges,  als  ein,  wenn  man  sich  so  ausdrüdeen  darf, 
talentierter  Wirrkopf  hervor.  Krampfhaft  bemüht,  die  Frage  „zu  ver- 
tiefen", verwirrt  er  sie  nur,  und  „ersinnt"  dabei  fast  immer  neue  Formu- 
lierungen, welche  die  ganze  Falschheit  der  von  ihm  eingenommenen  Stel- 
lung unübertrefflich  beleuchten.  Man  erinnere  sich,  wie  er  in  den  Zeiten 
des  „Ökonomismus"  Plechanow  „vertiefte"  und  die  Formel  schuf:  „öko- 
nomischer Kampf  gegen  die  Unternehmer  und  die  Regierung."  Man  wird 
in  der  ganzen  Literatur  der  Ökonomisten  schwerlich  einen  treffenderen 
Ausdruck  für  die  ganze  Falschheit  dieser  Richtung  finden.  So  auch  jetzt. 
Martynow  dient  eifrig  der  neuen  „Iskra",  gibt  uns  aber  fast  jedesmal, 


114 


TV.  1.  Lenin 


wenn  er  das  Wort  ergreift,  neues  und  großartiges  Material  an  die  Hand 
für  die  Einschätzung  der  falschen  neuiskristischen  Position.  In  Nr.  102 
erklärt  er,  Lenin  habe  „unmerklich  die  Begriffe  Revolution  und  Diktatur 
vertauscht"  (S.  3,  Spalte  2). 

Auf  diese  Beschuldigung  laufen  im  Grunde  alle  Beschuldigungen  der 
Neuiskristen  gegen  uns  hinaus.  Und  wie  dankbar  sind  wir  Martynow  für 
diese  Beschuldigung!  Welch  unschätzbaren  Dienst  erweist  er  uns  im 
Kampf  gegen  den  Neuiskrismus  durch  eine  solche  Formulierung  seiner 
Beschuldigung!  Wir  sollten  die  Redaktion  der  „Iskra"  wirklich  bitten, 
Martynow  möglichst  oft  zur  „Vertiefung"  und  zur  „wahrhaft  prinzi- 
piellen" Formulierung  der  Angriffe  gegen  den  „Proletari"  loszulassen. 
Denn  je  prinzipieller  Martynow  zu  argumentieren  bemüht  ist,  um  so 
schlimmer  verrennt  er  sich,  um  so  deutlicher  zeigt  er  die  Blößen  des  Neu- 
iskrismus und  mit  um  so  größerem  Erfolg  vollzieht  er  an  sich  selbst  und 
seinen  Freunden  die  nützliche  pädagogische  Operation:  reductio  ad  ab- 
surdum (führt  er  die  Prinzipien  der  neuen  „Iskra"  ad  absurdum). 

Der  „Wperjod"  und  der  „Proletari"  „vertauschen"  die  Begriffe  Revo- 
lution und  Diktatur.  Die  „Iskra"  will  eine  solche  „Vertauschung"  nicht. 
Stimmt  haargenau,  verehrter  Gen.  Martynow!  Sie  haben  ungewollt  eine 
große  Wahrheit  ausgesprochen.  Sie  haben  durch  eine  neue  Formulierung 
unsere  These  bestätigt,  daß  die  „Iskra"  im  Nachtrab  der  Revolution  ein- 
hertrottet und  ihre  Aufgaben  fast  ebenso  formuliert  wie  das  „Oswobosh- 
denije"r  während  der  „Wperjod"  und  der  „Proletari"  Losungen  heraus- 
geben, welche  die  demokratische  Revolution  vorwärtsführen. 

Das  ist  Ihnen  unverständlich,  Gen.  Martynow?  Im  Hinblick  auf  die 
Wichtigkeit  der  Frage  werden  wir  uns  bemühen,  Ihnen  eine  ausführliche 
Erläuterung  zu  geben. 

Der  bürgerliche  Charakter  der  demokratischen  Revolution  äußert  sich 
unter  anderem  darin,  daß  eine  ganze  Reihe  von  Klassen,  Gruppen  und 
Schichten  der  Gesellschaft,  die  durchaus  auf  dem  Boden  der  Anerkennung 
des  Privateigentums  und  der  Warenwirtschaft  stehen  und  unfähig  sind, 
über  diesen  Rahmen  hinauszugehen,  durch  die  Macht  der  Umstände  dazu 
kommen,  die  Untauglichkeit  der  Selbstherrschaft  und  überhaupt  des  gan- 
zen leibeigenschaftlichen  Systems  einzusehen,  und  sich  der  Forderung 
nach  Freiheit  anschließen.  Dabei  tritt  der  bürgerliche  Charakter  dieser 
Freiheit,  die  von  der  „Gesellschaft"  gefordert  und  von  den  Gutsbesitzern 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  115 


und  Kapitalisten  mit  einem  Schwall  von  Worten  (und  nur  von  Worten !) 
verteidigt  wird,  immer  klarer  zutage.  Zugleich  wird  auch  der  fundamen- 
tale Unterschied  zwischen  dem  Kampf  der  Arbeiter  und  dem  Kampf  der 
Bourgeoisie  für  die  Freiheit,  zwischen  dem  proletarischen  und  dem  libe- 
ralen Demokratismus  immer  augenscheinlicher.  Die  Arbeiterklasse  und 
ihre  bewußten  Vertreter  schreiten  vorwärts  und  treiben  diesen  Kampf  vor- 
wärts, wobei  sie  sich  keineswegs  fürchten,  diesen  Kampf  zu  Ende  zu  füh- 
ren, ja  sogar  noch  viel  weiter  streben,  als  selbst  das  weitest  gesteckte  Ziel 
der  demokratischen  Revolution  reicht.  Die  Bourgeoisie  ist  inkonsequent 
und  eigennützig,  sie  akzeptiert  die  Losungen  der  Freiheit  nur  unvoll- 
ständig und  heuchlerisch.  Jedweder  Versuch,  durch  eine  besondere  Linie, 
durch  besonders  ausgearbeitete  „Punkte"  (nach  Art  der  Punkte  in  der 
Resolution  Starowers  oder  der  Konferenzler)  die  Grenzen  festzusetzen, 
jenseits  welcher  die  Heuchelei  der  bürgerlichen  Freiheitsfreunde  oder, 
wenn  man  will,  der  Verrat  der  Freiheit  durch  ihre  bürgerlichen  Freunde 
beginnt,  ist  unweigerlich  zum  Scheitern  verurteilt,  denn  die  Bourgeoisie, 
die  zwischen  zwei  Feuer  (Selbstherrschaft  und  Proletariat)  geraten  ist, 
kann  auf  tausenderlei  Wegen  und  mit  tausenderlei  Mitteln  ihre  Stellung 
und  ihre  Losungen  wechseln,  indem  sie  sich  einen  Zoll  nach  links  und 
einen  Zoll  nach  rechts  anpaßt  und  ständig  schachert  und  feilscht.  Die  Auf- 
gabe des  proletarischen  Demokratismus  besteht  nicht  im  Ausklügeln  sol- 
cher toten  „Punkte",  sondern  in  der  unermüdlichen  Kritik  an  der  sich 
entwickelnden  politischen  Situation,  in  der  Anprangerung  aller  neuen, 
immer  neuen,  vorher  gar  nicht  vorauszusehenden  Fälle  von  Inkonsequenz 
und  Verrat  der  Bourgeoisie. 

Man  erinnere  sich  an  die  Geschichte  des  politischen  Auftretens  des 
Herrn  Struve  in  der  illegalen  Literatur,  an  die  Geschidite  des.  Kampfes 
der  Sozialdemokratie  gegen  ihn,  und  man  wird  anschaulich  sehen,  wie  die 
Sozialdemokratie,  die  Vorkämpferin  des  proletarischen  Demokratismus, 
diese  Aufgaben  erfüllt  hat.  Herr  Struve  begann  mit  der  rein  Schipowschen 
Losung  „Rechte  und  ein  machtbefugtes  Semstwo"  (siehe  meinen  Artikel 
in  der  „Sarja"  „Die  Verfolger  des  Semstwos  und  die  Hannibale  des  Libe- 
ralismus"*). Die  Sozialdemokratie  entlarvte  ihn  und  stieß  ihn  vorwärts 
zu  einem  ausgesprochen  konstitutionalistischen  Programm.  Als  sich  diese 


* Siehe  Werke,  Bd.  5,  S.  21-73.  Die  Red. 


116 


rW.  3.  Lenin 


„Stöße"  dank  dem  besonders  raschen  Gang  der  revolutionären  Ereignisse 
ausgewirkt  hatten,  richtete  sich  der  Kampf  auf  die  nächste  Frage  des 
Demokratismus:  Nicht  nur  eine  Verfassung  schlechthin,  sondern  unbe- 
dingt das  allgemeine,  direkte,  gleiche  und  geheime  Wahlrecht.  Als  wir 
auch  diese  neue  Stellung  des  „Feindes"  (die  Annahme  des  allgemeinen 
Wahlrechts  durch  den  „Bund  der  Befreiung")  „erobert"  hatten,  began- 
nen wir  weiter  nadizudrängen,  indem  wir  zeigten,  daß  das  Zweikammer- 
system Heuchelei  und  Schwindel  ist  und  daß  die  Oswoboshdenzen  das 
allgemeine  Wahlrecht  nur  unvollständig  anerkennen,  indem  wir  an  ihrem 
'Monarchismus  nachwiesen,  daß  sie  mit  ihrem  Demokratismus  Geschäfte 
machen  oder,  anders  ausgedrückt,  daß  diese  „Oswoboshdenije"-Helden 
des  Geldsacks  mit  den  Interessen  der  großen  russischen  Revolution  Schacher 
treiben. 

Die  verbohrte  Hartnäckigkeit  der  Selbstherrschaft,  der  gigantische  Fort- 
schritt des  Bürgerkriegs  und  die  ausweglose  Lage,  in  welche  die  Mon- 
archisten Rußland  gebracht  hatten,  zwang  schließlich  auch  die  Begriffs- 
stutzigsten zur  Einsicht.  Die  Revolution  wurde  zur  Jatsadhe.  Man  brauchte 
nicht  mehr  ein  Revolutionär  zu  sein,  um  die  Revolution  anzuerkennen. 
Die  absolutistische  Regierung  zersetzte  sich  faktisch  und  zersetzt  sich  vor 
aller  Augen.  Wie  ein  Liberaler  (Herr  Gredeskul)  in  einer  legalen  Zeitung 
mit  Recht  bemerkt  hat,  kam  es  zur  faktischen  Unbotmäßigkeit  gegenüber 
dieser  Regierung.  Bei  all  ihrer  scheinbaren  Macht  erwies  sich  die  Selbst- 
herrschaft als  machtlos,  die  Ereignisse  der  sich  entwickelnden  Revolution 
begannen  diesen  bei  lebendigem  Leibe  verwesenden  parasitären  Organis- 
mus einfach  beiseite  zu  schieben.  Gezwungen,  ihre  Tätigkeit  (oder  rich- 
tiger gesagt:  ihre  politischen  Geschäfte)  auf  dem  Boden  der  gegebenen, 
faktisch  entstandenen  Verhältnisse  aufzubauen,  sahen  sich  die  liberalen 
Bourgeois  mit  der  Zeit  vor  die  Notwendigkeit  gestellt,  die  Revolution  an- 
zuerkennen. Sie  tun  das,  nidit  weil  sie  Revolutionäre  sind,  sondern  ob- 
wohl sie  keine  Revolutionäre  sind.  Sie  tun  das  notgedrungen  und  gegen 
ihren  Willen,  sehen  mit  Ingrimm  die  Erfolge  der  Revolution  und  bezich- 
tigen die  Selbstherrschaft,  die  kein  Kompromiß  will,  sondern  Kampf  auf 
Leben  und  Tod,  sie  fördere  die  Revolution.  Als  geborene  Krämer  hassen 
sie  den  Kampf  und  die  Revolution,  aber  die  Umstände  zwingen  sie,  sich 
auf  den  Boden  der  Revolution  zu  stellen,  denn  einen  anderen  Boden  haben 
sie  nicht  unter  den  Füßen. 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  1 17 


Wir  wohnen  einem  höchst  lehrreichen  und  höchst  komischen  Schau- 
spiel bei.  Die  Prostituierten  des  bürgerlichen  Liberalismus  versuchen,  sich 
in  die  revolutionäre  Toga  zu  hüllen.  Die  Oswoboshdenzen  — risum  tene- 
atis,  amici!*  — die  Oswoboshdenzen  beginnen  im  Namen  der  Revolution 
zu  sprechen!  Die  Oswoboshdenzen  beginnen  zu  versichern,  daß  sie  „die 
Revolution  nicht  fürchten"  (Herr  Struve  in  Nr.  72  des  „Oswoboshde- 
nije") ! ! ! Die  Oswoboshdenzen  erheben  den  Anspruch,  „an  die  Spitze  der 
Revolution  zu  treten" ! ! ! 

Das  ist  eine  höchst  bezeichnende  Erscheinung,  und  sie  kennzeichnet 
nicht  nur  den  Fortschritt  des  bürgerlichen  Liberalismus,  sondern  noch 
mehr  den  Fortschritt  der  realen  Erfolge  der  revolutionären  Bewegung,  die 
sich  ihre  Anerkennung  erzwungen  hat.  Sogar  die  Bourgeoisie  beginnt  zu 
fühlen,  daß  es  vorteilhafter  ist,  sich  auf  den  Boden  der  Revolution  zu 
stellen  — so  sehr  ist  die  Selbstherrschaft  ins  Wanken  geraten.  Anderseits 
aber  stellt  uns  diese  Erscheinung,  die  vom  Aufstieg  der  ganzen  Bewegung 
auf  eine  neue,  eine  höhere  Stufe  zeugt,  auch  neue  und  höhere  Aufgaben. 
Die  Anerkennung  der  Revolution  durch  die  Bourgeoisie  kann  nicht  auf- 
richtig sein,  ganz  unabhängig  von  der  persönlichen  Ehrlichkeit  des  einen 
oder  anderen  bürgerlichen  Ideologen.  Die  Bourgeoisie  kann  nicht  anders, 
als  auch  in  dieses  höhere  Stadium  der  Bewegung  ihren  Eigennutz  und  ihre 
Inkonsequenz,  ihr  Krämertum  und  ihre  kleinlichen  reaktionären  Schliche 
mitzubringen.  Auf  Grund  unseres  Programms  und  in  Weiterentwicklung 
unseres  Programms  müssen  wir  jetzt  die  nächsten  konkreten  Aufgaben 
der  Revolution  anders  formulieren.  Was  gestern  genügend  war,  ist  heute 
ungenügend.  Gestern  war  es  vielleicht  genügend,  als  fortschrittliche  demo- 
kratische Losung  die  Anerkennung  der  Revolution  zu  fordern.  Jetzt  ist 
das  zuwenig.  Die  Revolution  hat  sogar  Herrn  Struve  gezwungen,  sie 
anzuerkennen.  Jetzt  wird  von  der  fortgeschrittensten  Klasse  verlangt,  daß 
sie  den  eigentlichen  Inhalt  der  aktuellen  und  unaufschiebbaren  Aufgaben 
dieser  Revolution  genau  bestimme.  Die  Herren  Struve  erkennen  zwar  die 
Revolution  an,  aber  immer  wieder  sieht  man  gleich  ihre  Eselsohren,  aufs 
neue  stimmen  sie  das  alte  Liedchen  an,  daß  ein  friedlicher  Ausgang  mög- 
lich sei,  daß  Nikolaus  die  Herren  Oswoboshdenzen  zur  Macht  berufen 
werde  usw.  usf.  Die  Herren  Oswoboshdenzen  erkennen  die  Revolution 
an,  um  desto  gefahrloser  für  sich  diese  Revolution  zu  eskamotieren,  sie 


* Haltet  das  Lachen  zurück,  Freunde ! 


118 


' W 1 Lenin 


zu  verraten.  Unsere  Sache  ist  es  jetzt,  dem  Proletariat  und  dem  ganzen 
Volk  zu  sagen,  daß  die  Losung  Revolution  ungenügend  ist,  darauf  hin- 
zuweisen, daß  es  notwendig  ist,  den  eigentlichen  Inhalt  der  Revolution 
klar  und  eindeutig,  konsequent  und  entschieden  zu  bestimmen.  Und  eine 
solche  Bestimmung  ist  eben  die  Losung,  die  allein  geeignet  ist,  den  „ent- 
scheidenden Sieg"  der  Revolution  richtig  auszudrücken,  nämlich  die  Lo- 
sung: revolutionäre  demokratische  Diktatur  des  Proletariats  und  der 
Bauernschaft34. 

Mißbrauch  mit  Worten  ist  eine  sehr  alltägliche  Ersdieinung  in  der  Poli- 
tik. Als  „Sozialisten"  bezeichneten  sich  beispielsweise  oft  genug  sowohl 
die  Anhänger  des  englischen  bürgerlichen  Liberalismus  („wir  alle  sind 
jetzt  Sozialisten"  — „we  all  are  socialists  now",  sagte  Harcourt)  als  auch 
die  Anhänger  Bismarcks  und  die  Freunde  des  Papstes  Leo  XIII.  Das  Wort 
„Revolution"  eignet  sich  ebenfalls  sehr  gut  zum  Mißbrauch,  und  in  einem 
bestimmten  Entwiddungsstadium  der  Bewegung  ist  ein  solcher  Mißbrauch 
unausbleiblich.  Als  Herr  Struve  anfing,  im  Namen  der  Revolution  zu 
sprechen,  erinnerten  wir  uns  unwillkürlich  Thiers5.  Wenige  Tage  vor  der 
Februarrevolution  witterte  diese  Zwergmißgeburt,  dieser  vollendetste  gei- 
stige Ausdruck  der  politischen  Käuflichkeit  der  Bourgeoisie,  in  der  Luft 
das  Herannahen  einer  Volksbewegung.  Und  er  erklärte  in  der  Deputier- 
tenkammer, daß  er  zur  Partei  der  Revolution  gehöre ! (Siehe  Marx,  „Der 
Bürgerkrieg  in  Frankreich"85.)  Die  politische  Bedeutung  des  Übergangs 
der  Oswoboshdenzen  zur  Partei  der  Revolution  ist  mit  diesem  „Über- 
gang" Thiers’  völlig  identisch.  Beginnen  die  russischen  Thiers  von  ihrer 
Zugehörigkeit  zur  Partei  der  Revolution  zu  sprechen,  so  heißt  das,  daß 
die  Losung  Revolution  ungenügend  und  nichtssagend  geworden  ist,  daß 
sie  die  Aufgaben  nicht  bestimmt,  denn  die  Revolution  ist  zur  Tatsache 
geworden,  und  auf  ihre  Seite  haben  sich  die  verschiedenartigsten  Elemente 
geschlagen. 

In  der  Tat,  was  bedeutet  Revolution  vom  marxistischen  Standpunkt 
aus?  Gewaltsame  Zerstörung  des  überlebten  politischen  Überbaus,  dessen 
Widerspruch  zu  den  neuen  Produktionsverhältnissen  in  einem  bestimm- 
ten Zeitpunkt  zu  seinem  Zusammenbruch  geführt  hat.  Der  Widerspruch 
der  Selbstherrschaft  zur  ganzen  Struktur  des  kapitalistischen  Rußlands, 
zu  allen  Erfordernissen  seiner  bürgerlich-demokratischen  Entwicklung,  hat 
jetzt  zu  einem  um  so  stärkeren  Zusammenbruch  geführt,  je  länger  dieser 


Zwei  7 aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  119 


Widerspruch  künstlich  aufrechterhalten  worden  ist.  Der  überbau  kracht 
in  allen  Fugen,  hält  dem  Ansturm  nicht  stand,  verliert  seinen  Halt.  Das 
Volk  muß  sich  selbst  durch  die  Vertreter  der  verschiedensten  Klassen  und 
Gruppen  einen  neuen  überbau  schaffen.  In  einem  bestimmten  Zeitpunkt 
der  Entwicklung  wird  die  Untauglichkeit  des  alten  Überbaus  allen  klar. 
Alle  erkennen  die  Revolution  an.  Jetzt  ist  es  die  Aufgabe,  zu  bestimmen, 
welche  Klassen  den  neuen  überbau  errichten  und  wie  sie  das  tun  sollen. 
Ohne  eine  solche  Bestimmung  ist  die  Losung  Revolution  im  gegenwär- 
tigen Augenblick  leer  und  inhaltslos,  denn  die  Schwäche  der  Selbstherr- 
schaft macht  auch  Großfürsten  und  die  „Moskowskije  Wedomosti"36  zu 
„Revolutionären" ! Ohne  eine  solche  Bestimmung  kann  von  den  fortschritt- 
lichen demokratischen  Aufgaben  der  fortgeschrittensten  Klasse  gar  keine 
Rede  sein.  Und  diese  Bestimmung  ist  eben  die  Losung:  demokratische 
Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft.  Diese  Losung  bestimmt 
sowohl  jene  Klassen,  auf  die  sich  die  neuen  „Erbauer"  des  neuen  Über- 
baus stützen  können  und  müssen,  als  auch  dessen  Charakter  („demo- 
kratische" Diktatur  zum  Unterschied  von  der  sozialistischen)  und  die 
Methode  des  Aufbaus  (Diktatur,  d.  h.  gewaltsame  Unterdrückung  des  ge- 
waltsamen Widerstands,  Bewaffnung  der  revolutionären  Klassen  des  Vol- 
kes). Wer  jetzt  diese  Losung  der  revolutionär-demokratischen  Diktatur, 
die  Losung  der  revolutionären  Armee,  der  revolutionären  Regierung,  der 
revolutionären  Bauernkomitees  nicht  anerkennt,  der  begreift  entweder  die 
Aufgaben  der  Revolution  nicht  im  geringsten,  vermag  ihre  neuen  und 
höheren,  vom  gegenwärtigen  Augenblick  gestellten  Aufgaben  nicht  zu 
bestimmen,  oder  aber  er  betrügt  das  Volk  und  verrät  die  Revolution,  denn 
er  mißbraucht  die  Losung  „Revolution". 

Der  erste  Fall  trifft  auf  Gen.  Martynow  und  seine  Freunde  zu,  der 
zweite  auf  Herrn  Struve  und  die  ganze  „konstitutionell-demokratische" 
Semstwopartei. 

Gen.  Martynow  war  so  scharfsinnig  und  geistreih,  die  Beschuldigung, 
daß  die  Begriffe  Revolution  und  Diktatur  „vertauscht"  würden,  gerade  in 
dem  Augenblick  vorzubringen,  als  die  Entwicklung  der  Revolution  for- 
derte, ihre  Aufgaben  durh  die  Losung  Diktatur  zu  bestimmen!  Gen. 
Martynow  hatte  tatsächlich  wieder  einmal  das  Peh,  im  Nachtrabj einher- 
zutrotten, auf  der  vorletzten  Stufe  stehenzubleiben,  sich  auf  dem'Wveau 
des  Oswobosbdenzentums  zu  befinden,  denn  gerade  der  politishen  Stel- 


120 


W.  1 Lenin 


lung  der  Oswoboshdenzen,  d.  h.  den  Interessen  der  liberalen  monarchi- 
stischen Bourgeoisie,  entspricht  jetzt  die  Anerkennung  der  „Revolution" 
(in  Worten)  und  die  ablehnende  Haltung  zur  demokratischen  Diktatur 
des  Proletariats  und  der  Bauernschaft  (d.  h.  zur  Revolution  in  Taten).  Die 
liberale  Bourgeoisie  spricht  sich  jetzt,  durch  den  Mund  des  Herrn  Struve, 
für  die  Revolution  aus.  Das  klassenbewußte  Proletariat  fordert,  durch  den 
Mund  der  revolutionären  Sozialdemokraten,  die  Diktatur  des  Proletariats 
und  der  Bauernschaft.  Und  hier  mischt  sich  der  Weise  aus  der  neuen 
„Iskra"  in  den  Streit  ein  und  donnert:  Wagt  es  nicht,  die  Begriffe  Revo- 
lution und  Diktatur  zu  „vertauschen" ! Nun,  ist  es  etwa  nicht  wahr,  daß 
die  falsche  Position  der  Neuiskristen  sie  dazu  verurteilt,  ständig  im  Nach- 
trab des  Oswoboshdenzentums  einherzutrotten? 

Wir  haben  gezeigt,  daß  die  Oswoboshdenzen  in  der  Anerkennung  des 
Demokratismus  (nicht  unbeeinflußt  von  den  aufmunternden  Stößen  der 
Sozialdemokratie)  von  Stufe  zu  Stufe  emporsteigen.  Anfangs  war  die 
Frage  in  unserer  Polemik  mit  ihnen:  Schipowsche  Politik  (Rechte  und  ein 
machtbefugtes  Semstwo)  oder  Konstitutionalismus?  Dann:  beschränkte 
Wahlen  oder  allgemeines  Wahlrecht?  Weiter:  Anerkennung  der  Revolu- 
tion oder  Maklergeschäft  mit  der  Selbstherrschaft?  Und  schließlich  jetzt: 
Anerkennung  der  Revolution  ohne  Diktatur  des  Proletariats  und  der 
Bauernschaft  oder  Anerkennung  der  Forderung  einer  Diktatur  dieser  Klas- 
sen in  der  demokratischen  Revolution?  Es  ist  möglich  und  wahrscheinlich, 
daß  die  Herren  Oswoboshdenzen  (einerlei,  ob  die  heutigen  oder  ihre 
Nachfolger  am  linken  Flügel  der  bürgerlichen  Demokratie)  noch  eine 
Stufe  höher  steigen,  d.  h.  mit  der  Zeit  (vielleicht  dann,  wenn  Gen.  Marty- 
now  noch  eine  Stufe  höher  steigt)  auch  die  Losung  der  Diktatur  an- 
erkennen werden.  Das  wird  sogar  unvermeidlich  so  kommen,  wenn  die 
russische  Revolution  mit  Erfolg  vorwärtsschreitet  und  den  entscheidenden 
Sieg  erringt.  Welches  wird  dann  die  Stellung  der  Sozialdemokratie  sein? 
Mit  dem  vollen  Sieg  der  jetzigen  Revolution  wird  die  demokratische  Um- 
wälzung zu  Ende  sein  und  der  entscheidende  Kampf  für  die  sozialistische 
Umwälzung  beginnen.  Mit  der  Verwirklichung  der  Forderungen  der  heu- 
tigen Bauernschaft,  der  vollständigen  Zerschlagung  der  Reaktion  und  der 
Eroberung  der  demokratischen  Republik  wird  die  Bourgeoisie  und  sogar 
die  Kleinbourgeoisie  völlig  aufhören,  revolutionär  zu  sein,  wird  der  wirk- 
liche Kampf  des  Proletariats  für  den  Sozialismus  beginnen.  Je  vollstän- 


Zwei  J aktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  121 


diger  die  demokratische  Umwälzung  sein  wird,  um  so  schneller,  breiter, 
reiner  und  entschiedener  wird  sich  dieser  neue  Kampf  entfalten.  Die  Lo- 
sung der  „demokratischen"  Diktatur  bringt  denn  auch  den  historisch  be- 
grenzten Charakter  der  heutigen  Revolution  und  die  Notwendigkeit  eines 
neuen  Kampfes  auf  dem  Boden  der  neuen  Zustände  für  die  volle  Befreiung 
der  Arbeiterklasse  von  jedem  Joch  und  jeder  Ausbeutung  zum  Ausdruck. 
Mit  anderen  Worten:  Wenn  die  demokratische  Bourgeoisie  oder  Klein- 
bourgeoisie noch  eine  Stufe  höher  gestiegen,  wenn  nicht  nur  die  Revolu- 
tion, sondern  auch  der  volle  Sieg  der  Revolution  zur  Tatsache  geworden 
sein  wird,  dann  werden  wir  (vielleicht  unter  furchtbarem  Wehgeschrei 
neuer,  künftiger  Martynows)  die  Losung  der  demokratischen  Diktatur  mit 
der  Losung  der  sozialistischen  Diktatur  des  Proletariats,  d.  h.  der  voll- 
ständigen sozialistischen  Umwälzung,  „vertauschen". 


III.  DIE  VULGÄR-BÜRGERLICHE  DARSTELLUNG 
DER  DIKTATUR 

UND  MARX’  ANSICHT  ÜBER  DIE  DIKTATUR 

Mehring37  erzählt  in  seinen  einleitenden  Bemerkungen  zu  den  von  ihm 
herausgegebenen  Marxschen  Artikeln  aus  der  „Neuen  Rheinischen  Zei- 
tung" vom  Jahre  1848,  daß  die  bürgerliche  Literatur  dieser  Zeitung  unter 
anderem  den  Vorwurf  machte,  sie  habe  als  einziges  „Mittel  zur  Durch- 
führung der  Demokratie  die  sofortige  Einführung  der  Diktatur  verlangt" 
(Marx’  Nachlaß,  Bd.  III,  S.  53*).  Vom  vulgär-bürgerlichen  Standpunkt 
schließen  der  Begriff  Diktatur  und  der  Begriff  Demokratie  einander  aus. 
Der  Bourgeois,  der  die  Theorie  des  Klassenkampfes  nicht  begreift  und  ge- 
wöhnt ist,  in  der  politischen  Arena  den  kleinlichen  Zank  der  verschiedenen 
Zirkel  und  Koterien  der  Bourgeoisie  zu  sehen,  versteht  unter  Diktatur  die 
Abschaffung  aller  Freiheiten  und  Garantien  der  Demokratie,  jegliche  Will- 
kür, jeglichen  Mißbrauch  der  Macht  im  persönlichen  Interesse  des  Dikta- 
tors. Im  Grunde  genommen  schimmert  ebendieser  vulgär-bürgerliche  Stand- 
punkt auch  bei  unserm  Martynow  durch,  der  am  Schluß  seines  „neuen 

* „Aus  dem  literarischen  Nachlaß  von  Karl  Marx,  Friedrich  Engels  und  Fer- 
dinand Lassalle",  2.  Aufl.  Der  T Ibers. 


9 Lenin,  Werke,  Bd-  9 


122 


TW.  J.  Lenin 


Feldzugs"  in  der  neuen  „Iskra"  die  Vorliebe  des  „Wperjod"  und  des  „Pro- 
letari"  für  die  Losung  der  Diktatur  damit  erklärt,  daß  Lenin  „schrecklich 
gern  sein  Glück  versuchen  möchte"  („Iskra"  Nr.  103,  Spalte  2).  Um  Mar- 
tynow  den  Begriff  der  Diktatur  der  Klasse  zum  Unterschied  von  der  Dik- 
tatur einer  Person  und  die  Aufgaben  der  demokratischen  Diktatur  zum 
Unterschied  von  der  sozialistischen  zu  erklären,  wird  es  nicht  ohne  Nut- 
zen sein,  auf  die  Ansichten  der  „Neuen  Rheinischen  Zeitung"  einzugehen. 

„Jeder  provisorische  Staatszustand  nach  einer  Revolution",  schrieb  die 
„Neue  Rheinische  Zeitung"  vom  14.  September  1848,  „erfordert  eine 
Diktatur,  und  zwar  eine  energische  Diktatur.  Wir  haben  es  Camphausen" 
(preußischer  Ministerpräsident  nach  dem  18.  März  1848)  „von  Anfang  an 
vorgeworfen,  daß  er  nicht  diktatorisch  auftrat,  daß  er  die  Überbleibsel 
der  alten  Institutionen  nicht  sogleich  zerschlug  und  entfernte.  Während 
also  Herr  Camphausen  sich  in  konstitutionellen  Träumereien  wiegte,  ver- 
stärkte die  geschlagene  Partei"  (d.  h.  die  Partei  der  Reaktion)  „die  Posi- 
tionen in  der  Bürokratie  und  in  der  Armee,  ja,  wagte  hier  und  da  selbst 
den  offenen  Kampf."38 

„Die  Zeitung  faßt  hier",  sagt  mit  Recht  Mehring,  „in  wenigen  Sätzen 
zusammen,  was  sie  in  ihren  langen  Abhandlungen  über  das  Ministerium 
Camphausen  ausführlich  begründete."  Was  sagen  uns  diese  Worte  von 
Marx?  Daß  eine  provisorische  revolutionäre  Regierung  diktatorisch  Vor- 
gehen muß  (ein  Grundsatz,  den  die  „Iskra",  die  sich  vor  der  Losung  der 
Diktatur  scheute,  durchaus  nicht  verstehen  konnte)  und  daß  die  Aufgabe 
dieser  Diktatur  die  Vernichtung  der  Überbleibsel  der  alten  Institutionen 
ist  (genau  das,  was  in  der  Resolution  des  III.  Parteitags  der  SDAPR  über 
den  Kampf  gegen  die  Konterrevolution  klar  gesagt  und  in  der  Resolution 
der  Konferenz,  wie  wir  oben  gezeigt  haben,  weggelassen  ist).  Drittens 
endlich  folgt  aus  diesen  Worten,  daß  Marx  die  bürgerlichen  Demokraten 
wegen  ihrer  „konstitutionellen  Träumereien"  in  der  Epoche  der  Revolu- 
tion und  des  offenen  Bürgerkriegs  geißelte.  Welchen  Sinn  diese  Worte 
haben,  ist  besonders  anschaulich  zu  ersehen  aus  dem  Artikel  der  „Neuen 
Rheinischen  Zeitung"  vom  6.  Juni  1848:  „Eine  konstituierende  National- 
versammlung", schrieb  Marx,  „muß  vor  allem  eine  aktive,  revolutionär- 
aktive Versammlung  sein.  Die  Versammlung  in  Frankfurt  macht  parlamen- 
tarische Schulübungen  und  läßt  die  Regierungen  handeln.  Gesetzt,  es  ge- 
länge diesem  gelehrten  Konzil  nach  allerreifster  Überlegung,  die  beste 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  123 


Tagesordnung  und  die  beste  Verfassung  auszuklügeln,  was  nutzt  die  beste 
Tagesordnung  und  die  beste  Verfassung,  wenn  die  Regierungen  unterdes 
die  Bajonette  auf  die  Tagesordnung  gesetzt?" 36 

Das  ist  eben  der  Sinn  der  Losung:  Diktatur.  Man  kann  daraus  ersehen, 
wie  sich  Marx  zu  Resolutionen  verhalten  hätte,  die  den  „Beschluß,  eine 
konstituierende  Versammlung  zu  organisieren",  einen  entscheidenden  Sieg 
nennen  oder  die  dazu  auffordem,  „die  Partei  der  äußersten  revolutionä- 
ren Opposition  zu  bleiben". 

Große  Fragen  werden  im  Leben  der  Völker  nur  durch  Gewalt  entschie- 
den. Die.  reaktionären  Klassen  greifen  gewöhnlich  als  erste  zur  Gewalt, 
beginnen  den  Bürgerkrieg  und  „setzen  die  Bajonette  auf  die  Tagesord- 
nung", wie  es  die  russische  Selbstherrschaft  tat  und  wie  sie  es  seit  dem 
9.  Januar  systematisch  und  unentwegt  überall  und  allenthalben  tut.  Ist 
aber  einmal  eine  solche  Lage  geschaffen  worden,  sind  die  Bajonette  wirk- 
lich an  erster  Stelle  auf  die  politische  Tagesordnung  gesetzt  worden,  hat 
sich  der  Aufstand  als  notwendig  und  unaufschiebbar  herausgestellt,  dann 
werden  konstitutionelle  Träumereien  und  parlamentarische  Schulübungen 
zum  bloßen  Deckmantel  des  bürgerlichen  Verrats  an  der  Revolution,  zum 
Deckmantel  für  das  „Abschwenken"  der  Bourgeoisie  von  der  Revolution. 
Und  dann  muß  die  wirklich  revolutionäre  Klasse  eben  die  Losung  der  Dik- 
tatur ausgeben. 

Uber  die  Aufgaben  dieser  Diktatur  schrieb  Marx  schon  in  der  „Neuen 
Rheinischen  Zeitung":  „Sie  (die  Nationalversammlung)  brauchte  nur 
überall  den  reaktionären  Übergriffen  überlebter  Regierungen  diktatorisch 
entgegenzutreten,  und  sie  eroberte  sich  eine  Macht  in  der  Volksmeinung, 
an  der  alle  Bajonette  und  Kolben  zersplittert  wären . . . Sie  langweilt  das 
deutsche  Volk,  statt  es  mit  sich  fortzureißen  oder  von  ihm  fortgerissen  zu 
werden."40  Die  Nationalversammlung  hätte  nach  der  Meinung  von  Marx 
alles  tun  müssen,  um  „aus  dem  faktisch  bestehenden  Zustande  Deutsch- 
lands alles  zu  entfernen,  was  dem  Prinzip  der  Volkssouveränität  wider- 
sprach", um  dann  „den  revolutionären  Boden,  auf  dem  sie  steht,  zu  be- 
haupten, um  die  Errungenschaft  der  Revolution,  die  Volkssouveränität, 
vor  allen  Angriffen  sicherzustellen"  41 . 

Folglich  liefen  die  Aufgaben,  die  Marx  1848  der  revolutionären  Regie- 
rung oder  der  Diktatur  stellte,  ihrem  Inhalt  nach  vor  allem  auf  eine  demo- 
kratische Umwälzung  hinaus:  Schutz  vor  der  Konterrevolution  und 


9* 


124 


TV.  1 £enin 


faktische  Beseitigung  alles  dessen,  was  der  Volkssouveränität  widerspricht. 
Und  das  ist  nichts  anderes  als  die  revolutionär-demokratische  Diktatur. 

Nun  weiter:  Welche  Klassen  konnten  und  mußten  nach  der  Meinung 
von  Marx  diese  Aufgaben  verwirklichen  (das  Prinzip  der  Volkssouveräni- 
tät wirklich  restlos  durchführen  und  die  Angriffe  der  Konterrevolution  ab- 
wehren)?  Marx  spricht  vom  „Volk".  Wir  wissen  aber,  daß  er  die  klein- 
bürgerlichen Illusionen  von  der  Einheit  des  „Volkes"  und  vom  Nichtvor- 
handensein des  Klassenkampfes  innerhalb  des  Volkes  stets  schonungslos 
bekämpft  hat.  Das  Wort  „Volk"  gebrauchte  Marx,  nicht  um  die  Klassen- 
unterschiede zu  vertuschen,  sondern  um  bestimmte  Elemente  zusammen- 
zufassen, die  fähig  sind,  die  Revolution  zu  Ende  zu  führen. 

Nach  dem  Sieg  des  Berliner  Proletariats  am  18.  März,  schrieb  die 
„Neue  Rheinische  Zeitung" , hätten  sich  zweierlei  Resultate  der  Revolution 
gezeigt:  „...auf  der  einen  Seite  die  Volksbewaffnung,  das  Assoziations- 
recht, die  faktisch  errungene  Volkssouveränität;  auf  der  andern  die  Bei- 
behaltung der  Monarchie  und  das  Ministerium  Camphausen-Hansemann, 
d.  h.  die  Regierung  der  Vertreter  der  hohen  Bourgeoisie. 

Die  Revolution  hatte  also  zwei  Reihen  von  Resultaten,  die  notwendig 
auseinandergehen  mußten.  Das  Volk  hatte  gesiegt,  es  hatte  sich  Freiheiten 
entschieden  demokratischer  Natur  erobert;  aber  die  unmittelbare  Herr- 
schaft ging  über,  nicht  in  seine  Hände,  sondern  in  die  der  großen  Bour- 
geoisie. 

Mit  einem  Wort,  die  Revolution  war  nicht  vollendet.  Das  Volk  hatte 
die  Bildung  eines  Ministeriums  von  großen  Bourgeois  zugelassen,  und  die 
großen  Bourgeois  bewiesen  ihre  Tendenzen  sogleich  dadurch,  daß  sie  dem 
altpreußischen  Adel  und  der  Bürokratie  eine  Allianz  anboten.  Arnim,  Ka- 
nitz,  Schwerin  traten  ins  Ministerium. 

Die  hohe  Bourgeoisie,  von  jeher  antirevolutionär,  schloß  aus  Furcht  vor 
dem  Volk,  d.h.  vor  den  Arbeitern  und  der  demokratischen  Bürgerschaft,  ein 
Schutz-  und  Jrutzbündnis  mit  der  Reaktion“  (von  uns  hervorgehoben).42 

Also  nicht  nur  der  „Beschluß,  eine  konstituierende  Versammlung  zu 
organisieren",  sondern  selbst  ihre  wirkliche  Einberufung  ist  für  den  ent- 
scheidenden Sieg  der  Revolution  noch  ungenügend!  Sogar  nach  einem 
Teilsieg  im  bewaffneten  Kampf  (dem  Sieg  der  Berliner  Arbeiter  über  die 
Truppen  am  18.  März  1848)  ist  eine  „nicht  abgeschlossene",  „nicht  voll- 
endete" Revolution  möglich.  Wovon  hängt  nun  ihre  Vollendung  ab? 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratisdjen  Revolution  125 


Davon,  in  wessen  Hände  die  unmittelbare  Herrschaft  übergeht:  ob  in  die 
Hände  der  Petrunkewitsch  und  Roditschew,  also  unserer  Camphausen  und 
Hansemann,  oder  in  die  Hände  des  Volkes,  d.  h.  der  Arbeiter  und  der 
demokratischen  Bürgerschaft.  Im  ersten  Falle  wird  die  Bourgeoisie  die 
Macht  haben,  das  Proletariat  aber  — „die  Freiheit  der  Kritik",  die  Frei- 
heit, „die  Partei  der  äußersten  revolutionären  Opposition  zu  bleiben". 
Die  Bourgeoisie  wird  sogleich  nach  dem  Siege  ein  Bündnis  mit  der  Reak- 
tion schließen  (das  würde  unvermeidlich  auch  in  Rußland  geschehen,  wenn 
zum  Beispiel  die  Petersburger  Arbeiter  im  Straßenkampf  gegen  das  Mili- 
tär nur  einen  Teilsieg  errängen  und  den  Herren  Petrunkewitsch  und 
Co.  die  Bildung  der  Regierung  überließen).  Im  zweiten  Falle  wäre  eine 
revolutionär-demokratische  Diktatur,  d.  h.  der  volle  Sieg  der  Revolution 
möglich. 

Es  bleibt  noch  übrig,  genauer  zu  bestimmen,  was  Marx  eigentlich  unter 
der  „demokratischen  Bürgerschaft"  verstand,  die  er,  zusammen  mit  den 
Arbeitern,  als  Volk  bezeichnete,  im  Gegensatz  zur  Großbourgeoisie. 

Eine  klare  Antwort  auf  diese  Frage  gibt  folgende  Stelle  aus  dem  Artikel 
der  „Neuen  Rheinischen  Zeitung"  vom  29.  Juli  1 848 : „Die  deutsche  Revolu- 
tion von  1 848  ist  nur  die  Parodie  der  französischen  Revolution  von  1789. 

Am  4.  August  1789,  drei  Wochen  nach  dem  Bastillensturm,  wurde  das 
französische  Volk  auf  einen  Tag  mit  den  Feudallasten  fertig. 

Am  11.  Juli  1848,  vier  Monate  nach  den  Märzbarrikaden,  werden  die 
Feudallasten  mit  dem  deutschen  Volk  fertig,  teste  Gierke  cum  Hanse- 
manno.* 

Die  französische  Bourgeoisie  von  17S9  ließ  ihre  Bundesgenossen,  die 
Bauern,  keinen  Augenblick  im  Stich.  Sie  wußte,  die  Grundlage  ihrer  Herr- 

* „Zeugen-.  Gierke  zusammen  mit  Hansemann."  Hansemann  war  der  Mini- 
ster der  Partei  der  Großbourgeoisie  (also  der  preußische  Trubezkoi  oder  Rodi- 
tschew usw.).  Gierke  war  Landwirtschaftsminister  im  Ministerium  Hansemann 
und  arbeitete  einen  Gesetzentwurf  aus,  einen  „kühnen"  Gesetzentwurf  zur 
„Beseitigung  aller  Feudallasten",  angeblich  „ohne  Entschädigung",  in  Wirk- 
lichkeit jedoch  zur  Beseitigung  der  kleinen  und  unwichtigen,  aber  zur  Bei- 
behaltung oder  Ablösung  der  wesentlichen  Lasten.  Herr  Gierke  war  so  etwas 
wie  die  russischen  Kablukow,  Manuilow,  Herzenstein  und  ihnen  verwandte 
bürgerlich-liberale  Bauemfreunde,  die  eine  „Erweiterung  des  bäuerlichen 
Grundbesitzes"  wünschen,  aber  die  Gutsherren  nicht  kränken  wollen. 


126 


W.  1 Centn 


schaft  war  Zertrümmerung  des  Feudalismus  auf  dem  Lande,  Herstellung 
der  freien,  grundbesitzenden  Bauemklasse. 

Die  deutsche  Bourgeoisie  von  1848  verrät  ohne  allen  Anstand  diese 
Bauern,  die  ihre  natürlidhsten  Bundesgenossen,  die  Fleisch  von  ihrem 
Fleisch  sind,  und  ohne  die  sie  machtlos  ist  gegenüber  dem  Adel. 

Die  Fortdauer,  die  Sanktion  der  Feudalrechte  in  der  Form  der  (illusori- 
schen) Ablösung,  das  ist  also  das  Resultat  der  deutschen  Revolution  von 
1848.  Das  ist  die  wenige  Wolle  von  dem  vielen  Geschrei!"43 

Das  ist  eine  sehr  lehrreiche  Stelle,  die  uns  vier  wichtige  Thesen  an  die 
Hand' gibt:  1.  Die  nichtvollendete  deutsche  Revolution  unterscheidet  sich 
von  der  vollendeten  französischen  dadurch,  daß  die  Bourgeoisie  nicht  nur 
den  Demokratismus  im  allgemeinen,  sondern  auch  die  Bauernschaft  im 
besonderen  verraten  hat.  2.  Die  Grundlage  für  die  völlige  Verwirklichung 
der  demokratischen  Umwälzung  bildet  die  Herstellung  einer  freien  Bauem- 
klasse. 3.  Die  Herstellung  einer  solchen  Klasse  bedeutet  die  Beseitigung 
der  Feudallasten  und  die  Vernichtung  des  Feudalismus,  aber  noch  keines- 
wegs eine  sozialistische  Umwälzung.  4.  Die  Bauern  sind  die  „natürlich- 
sten" Bundesgenossen  der  Bourgeoisie,  nämlidi  der  demokratischen  Bür- 
gerschaft, die  ohne  sie  der  Reaktion  gegenüber  „machtlos"  ist. 

Berücksichtigt  man  die  entsprechenden  konkreten  nationalen  Besonder- 
heiten und  setzt  an  die  Stelle  des  Feudalismus  die  Leibeigenschaft,  so  sind 
alle  diese  Thesen  auch  auf  das  Rußland  von  1905  voll  anwendbar.  Und 
zweifellos  können  wir,  wenn  wir  aus  der  von  Marx  beleuchteten  Erfah- 
rung Deutschlands  die  Lehren  ziehen,  zu  keiner  anderen  Losung  für  den 
entscheidenden  Sieg  der  Revolution  gelangen  als  zu  der  Losung:  revolutio- 
när-demokratische Diktatur  des  Proletariats  und  der  Bauernschaft.  Es  steht 
außer  Zweifel,  daß  die  Hauptbestandteile  des  „Volkes",  das  Marx  1848 
der  Widerstand  leistenden  Reaktion  und  der  Verrat  übenden  Bourgeoisie 
entgegengestellt  hat,  das  Proletariat  und  die  Bauernschaft  sind.  Es  steht 
außer  Zweifel,  daß  auch  bei  uns  in  Rußland  die  liberale  Bourgeoisie  und 
die  Herren  Oswoboshdenzen  die  Bauernschaft  jetzt  verraten  und  künftig 
verraten  werden,  d.  h.  sich  durch  eine  Scheinreform  aus  der  Affäre  ziehen 
und  im  entscheidenden  Kampf  zwischen  den  Gutsbesitzern  und  der  Bauern- 
schaft auf  die  Seite  der  ersteren  schlagen  werden.  Nur  das  Proletariat  ist 
fähig,  die  Bauernschaft  in  diesem  Kampfe  bis  zu  Ende  zu  unterstützen. 
Schließlich  steht  außer  Zweifel,  daß  auch  bei  uns  in  Rußland  der  Erfolg 


Zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  127 


des  Bauernkampfes,  d.  h.  der  Übergang  des  gesamten  Grund  und  Bodens 
an  die  Bauernschaft,  eine  vollständige  demokratische  Umwälzung  bedeu- 
ten und  die  soziale  Stütze  der  vollendeten  Revolution  sein  wird,  keines- 
wegs aber  eine  sozialistische  Umwälzung  und  nicht  die  „Sozialisierung", 
von  der  die  Ideologen  des  Kleinbürgertums,  die  Sozialrevolutionäre,  reden. 
Der  Erfolg  des  Bauernaufstands,  der  Sieg  der  demokratischen  Revolution 
wird  erst  den  Weg  ebnen  zum  wirklichen  und  entscheidenden  Kampf  für 
den  Sozialismus  auf  dem  Boden  der  demokratischen  Republik.  Die  Bauern- 
schaft wird  als  grundbesitzende  Klasse  in  diesem  Kampf  dieselbe  ver- 
räterische, schwankende  Rolle  spielen,  wie  die  Bourgeoisie  sie  jetzt  im 
Kampf  für  die  Demokratie  spielt.  Das  vergessen  heißt  den  Sozialismus 
vergessen,  heißt  sich  und  andere  über  die  wahren  Interessen  und  Aufgaben 
des  Proletariats  betrügen. 

Um  die  Marxschen  Ansichten  aus  dem  Jahre  1848  lückenlos  wieder- 
zugeben, ist  es  notwendig,  auf  einen  wesentlichen  Unterschied  zwischen 
der  damaligen  deutschen  Sozialdemokratie  (oder  der  Kommunistischen 
Partei  des  Proletariats,  um  in  der  damaligen  Sprache  zu  reden)  und  der 
heutigen  russischen  Sozialdemokratie  hinzuweisen.  Geben  wir  Mehring 
das  Wort  : 

„...als  , Organ  der  Demokratie*  hatte  sie"  (die  Neue  Rheinische  Zei- 
tung) „die  politische  Bühne  beschritten,  und  sowenig  sich  der  rote  Faden 
verkennen  ließ,  der  sich  durch  ihre  Arbeiten  zog,  so  vertrat  sie  zunächst 
noch  mehr  die  Interessen  der  bürgerlichen  Revolution  gegenüber  dem  Ab- 
solutismus und  dem  Feudalismus,  als  daß  sie  schon  die  Interessen  des  Pro- 
letariats gegen  die  Bourgeoisie  vertreten  hätte.  Von  der  besonderen  Ar- 
beiterbewegung der  Revolutionsjahre  ist  in  ihren  Spalten  wenig  zu  finden, 
wobei  allerdings  nicht  übersehen  werden  darf,  daß  neben  ihr  unter  der 
Leitung  Molls  und  Schappers  ein  besonderes  Organ  des  Kölner  Arbeiter- 
vereins44 zweimal  wöchentlich  erschien.  Immerhin  fällt  dem  heutigen 
Leser  auf,  wie  geringes  Interesse  die  Neue  Rheinische  Zeitung  der  dama- 
ligen deutschen  Arbeiterbewegung  geschenkt  hat,  obgleich  deren  fähigster 
Kopf,  Stephan  Born,  in  Paris  und  Brüssel  von  Marx  und  Engels  gelernt 
hatte  und  auch  jetzt  von  Berlin  aus  für  ihre  Zeitung  korrespondierte.  In 
seinen  Denkwürdigkeiten  erzählt  Bom,  daß  sie  ihm  nie  ein  Wort  der  Miß- 
billigung über  seine  Arbeiteragitation  gesagt  hätten;  dennoch  mähen  es 
spätere  Äußerungen  von  Engels  wahrsheinlih,  daß  sie  wenigstens  mit  der 


128 


W.  3.  Lenin 


Art  dieser  Agitation  unzufrieden  gewesen  sind,  mit  Recht,  insofern  als 
Born  dem,  in  dem  weitaus  größten  Teile  Deutschlands  noch  ganz  unent- 
wickelten Klassenbewußtsein  des  Proletariats  manche  Zugeständnisse 
machen  mußte,  die  vor  dem  Kommunistischen  Manifest  nicht  bestehen 
konnten,  mit  Unrecht,  insofern  als  Born  die  von  ihm  geleitete  Agitation 
doch  auf  einer  verhältnismäßig  sehr  beträchtlichen  Höhe  zu  halten 
wußte . . . Ohne  Zweifel  waren  sie  historisch  und  politisch  auch  in  ihrem 
Rechte,  wenn  sie  das  wichtigste  Interesse  der  Arbeiterklasse  zunächst  in 
dem  möglichsten  Vorantreiben  der  bürgerlichen  Revolution  sahen . . . Trotz 
alledem  bleibt  es  ein  merkwürdiger  Beweis  dafür,  wie  der  elementare  In- 
stinkt der  Arbeiterbewegung  die  Konzeptionen  der  genialsten  Denker  zu 
berichtigen  weiß,  daß  sie  im  April  1849  sich  für  eine  spezifische  Arbeiter- 
organisation entschieden  und  die  Beschickung  des  Arbeiterkongresses  be- 
schlossen, der  besonders  von  dem  ostelbischen  Proletariat  vorbereitet  wor- 
den war." 

Also  erst  im  April  1849,  nach  fast  einjähriger  Herausgabe  der  revolutio- 
nären Zeitung  (die  „Neue  Rheinische  Zeitung"  begann  am  1 . Juni  1 848  zu 
erscheinen),  sprachen  sich  Marx  und  Engels  für  eine  besondere  Organisa- 
tion der  Arbeiter  aus ! Bis  dahin  leiteten  sie  einfach  ein  „Organ  der  Demo- 
kratie", das  durch  keinerlei  organisatorische  Bande  mit  einer  selbständigen 
Arbeiterpartei  verbunden  war!  Diese  von  unserem  heutigen  Standpunkt 
ungeheuerliche  und  unglaubliche  Tatsache  zeigt  uns  klar,  welch  großer 
Unterschied  zwischen  der  damaligen  deutschen  und  der  heutigen  russi- 
schen Sozialdemokratischen  Arbeiterpartei  besteht.  Diese  Tatsache  zeigt 
uns,  um  wieviel  weniger  in  der  deutschen  demokratischen  Revolution  (in- 
folge der  Rückständigkeit  des  Deutschlands  von  1848  sowohl  in  ökonomi- 
scher als  auch  in  politischer  Hinsicht  — die  staatliche  Zersplitterung)  die 
proletarischen  Züge  der  Bewegung,  die  proletarische  Strömung  in  ihr  zu- 
tage getreten  sind.  Das  darf  nicht  vergessen  werden  bei  der  Beurteilung 
der  wiederholten  Erklärungen  von  Marx  aus  dieser  und  der  etwas  späte- 
ren Epoche  über  die  Notwendigkeit,  eine  selbständige  Partei  des  Proleta- 
riats zu  organisieren.  Marx  hat  erst  aus  der  Erfahrung  der  demokratischen 
Revolution,  fast  ein  Jahr  nachher,  praktisch  diese  Schlußfolgerung  gezogen: 
so  spießig,  so  kleinbürgerlich  war  damals  die  ganze  Atmosphäre  in 
Deutschland.  Für  uns  ist  diese  Schlußfolgerung  eine  seit  langem  fest- 
stehende, aus  der  halbhundertjährigen  Erfahrung  der  internationalen 


Zwei  ^Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der  demokratischen  Revolution  129 


Sozialdemokratie  gezogene  Erkenntnis  — eine  Erkenntnis,  mit  der  wir  be- 
gonnen haben,  die  Sozialdemokratische  Arbeiterpartei  Rußlands  zu  orga- 
nisieren. Bei  uns  kann  z.  B.  keine  Rede  davon  sein,  daß  die  revolutionären 
Zeitungen  des  Proletariats  außerhalb  der  sozialdemokratischen  Partei  des 
Proletariats  stünden,  daß  sie  auch  nur  für  einen  Augenblick  einfach  als 
„Organe  der  Demokratie"  auftreten  könnten. 

Aber  jener  Gegensatz,  der  sich  zwischen  Marx  und  Stephan  Born  eben 
erst  zu  zeigen  begann,  besteht  bei  uns  in  um  so  entwickelterer  Form,  je 
mächtiger  im  demokratischen  Strom  unserer  Revolution  die  proletarische 
Strömung  hervortritt.  Wenn  Mehring  davon  spricht,  daß  Marx  und 
Engels  mit  der  Agitation  von  Stephan  Born  wahrscheinlich  unzufrieden 
waren,  so  drückt  er  sich  allzu  mild  und  ausweichend  aus.  Man  lese,  was 
Engels  1885  (in  der  Einleitung  zu  den  „Enthüllungen  über  den  Kommuni- 
stenprozeß zu  Köln",  Zürich  1885)  über  Born  schrieb: 

Daß  der  „Bund  der  Kommunisten"  45  eine  vorzügliche  Schule  der  revo- 
lutionären Tätigkeit  gewesen,  wurde  dadurch  bewiesen,  daß  überall  Bun- 
desmitglieder an  der  Spitze  der  extrem-demokratischen  Bewegung  stan- 
den. „In  Berlin  stiftete  der  Schriftsetzer  Stephan  Born,  der  in  Brüssel  und 
Paris  als  tätiges  Bundesmitglied  gewirkt  hatte,  eine  ,Arbeiterverbrüderung‘, 
die  eine  ziemliche  Verbreitung  erhielt  und  bis  1850  bestand.  Born,  ein 
sehr  talentvoller  junger  Mann,  der  es  aber  mit  seiner  Verwandlung  in  eine 
politische  Größe  etwas  zu  eilig  hatte, , verbrüderte1  sich  mit  den  verschie- 
denartigsten Krethi  und  Plethi,  um  nur  einen  Haufen  zusammenzubekom- 
men, und  war  keineswegs  der  Mann,  der  Einheit  in  die  widerstrebenden 
Tendenzen,  Licht  in  das  Chaos  bringen  konnte.  In  den  amtlichen  Ver- 
öffentlichungen des  Vereins  laufen  daher  auch  die  im  , Kommunistischen 
Manifest1  vertretenen  Ansichten  kunterbunt  durcheinander  mit  Zunft- 
erinnerungen und  Zunftwünschen,  Abfällen  von  Louis  Blanc  und  Prou- 
dhon,  Schutzzöllnerei  usw.,  kurz,  man  wollte  allen  alles  sein.  Speziell 
wurden  Streiks,  Qewerksgenossensdbaften , Produktivgenossenscbaften 
ins  Werk  gesetzt  und  vergessen,  daß  es  sich  vor  allem  darum  handelte, 
durch  politische  Siege  sich  erst  das  Qebiet  zu  erobern,  worauf  allein  solche 
Dinge  auf  die  Dauer  durchführbar  waren"  (von  uns  hervorgehoben).  „Als 
dann  die  Siege  der  Reaktion  den  Leitern  der  Verbrüderung  die  Not- 
wendigkeit fühlbar  machten,  direkt  in  den  Revolutionskampf  einzutreten, 
wurden  sie  von  der  verworrenen  Masse,  die  sie  um  sich  gruppiert,  selbst- 


130 


’W.  1 Lenin 


redend  im  Stich  gelassen.  Born  beteiligte  sich  am  Dresdner  Maiaufstand 
1849  und  entkam  glücklich.  Die  , Arbeiterverbrüderung1  aber  hatte  sich, 
gegenüber  der  großen  politischen  Bewegung  des  Proletariats,  als  ein  reiner 
Sonderbund  bewährt,  der  großenteils  nur  auf  dem  Papier  bestand  und  eine 
so  untergeordnete  Rolle  spielte,  daß  die  Reaktion  ihn  erst  1850  und  seine 
fortbestehenden  Ableger  erst  mehrere  Jahre  nachher  zu  unterdrücken  für 
nötig  fand.  Born,  der  eigentlich  Buttermilch*  heißt,  wurde  keine  politische 
Größe,  sondern  ein  kleiner  Schweizer  Professor,  der  nicht  mehr  den  Marx 
ins  Zünftlerische,  sondern  den  sanften  Renan  in  sein  eignes  süßliches 
Deutsch  übersetzt."  46 

So  beurteilte  Engels  die  zwei  Taktiken  der  Sozialdemokratie  in  der 
demokratischen  Revolution ! 

Unsere  Neuiskristen  streben  ebenfalls  mit  so  unvernünftigem  Eifer  zum 
„Ökonomismus",  daß  sie  für  ihre  „Erleuchtung"  das  Lob  der  monarchi- 
stischen Bourgeoisie  verdienen.  Sie  sammeln  ebenfalls  ein  buntscheckiges 
Publikum  um  sich,  indem  sie  den  „Ökonomisten"  schmeicheln  und  die  un- 
aufgeklärte Masse  mit  Losungen  von  „Selbsttätigkeit",  „Demokratismus", 
„Autonomie"  u.  dgl.  m.  demagogisch  anlocken.  Ihre  Arbeiterverbände 
existieren  ebenfalls  oft  nur  in  den  Spalten  der  Chlestakowschen**  neuen 
„Iskra".  Ihre  Losungen  und  Resolutionen  offenbaren  ein  ebensolches  Un- 
verständnis für  die  Aufgaben  der  „großen  politischen  Bewegung  des  Pro- 
letariats". 

* Als  ich  Engels  übersetzte,  unterlief  mir  hier  in  der  ersten  Auflage  ein 
Fehler,  insofern  ich  das  Wort  Buttermilch  nicht  als  Eigennamen,  sondern  als 
Gattungsnamen  auffaßte.  Dieser  Fehler  machte  den  Menschewiki  natürlich  ein 
Heidenvergnügen.  Kolzow  schrieb,  ich  hätte  „Engels  vertieft"  (nachgedruckt  in 
dem  Sammelband  „Zwei  Jahre"),  und  Plechanow  erinnert  noch  jetzt  im  „To- 
warischtsch"  47  daran— mit  einem  Wort,  es  fand  sich  ein  ausgezeichneter  Vor- 
wand, die  Trage  nadb  den  zwei  Tendenzen  in  der  Arbeiterbewegung  des  Jah- 
res 1848  in  Deutschland,  der  Tendenz  Borns  (der  unseren  Ökonomisten  ver- 
wandt ist)  und  der  marxistischen  Tendenz,  zu  umgeben.  Daß  man  den  Fehler 
eines  Opponenten,  betreffe  er  auch  nur  den  Familiennamen  Borns,  ausnutzt,  ist 
nur  allzu  verständlich.  Aber  mittels  Korrekturen  an  der  Übersetzung  die  Frage 
nach  dem  Wesen  der  zwei  Taktiken  zu  umgehen,  das  heißt  in  der  Kernfrage 
des  Streits  kapitulieren.  (Fußnote  des  Verfassers  zur  Ausgabe  von  1907.  Die 
Red.) 

**  Chlestakow  — Hauptgestalt  in  Gogols  „Revisor".  Der  Tibers.